Berlin - Wie kompliziert der Alltag ist, merken viele Menschen erst, wenn sie ihn nicht mehr alleine bewältigen. Das Kochen, Putzen oder Einkaufen kann eine Haushaltshilfe übernehmen. Doch um das Bezahlen von Rechnungen, um Ämtergänge oder Arztbesuche muss man sich selbst kümmern. Wenn das nicht mehr ohne fremde Hilfe klappt, ist oft eine Betreuung nötig.

„Eine rechtliche Betreuung ist eine Rechtsfürsorge zum Wohle von Menschen, die ihre Angelegenheiten krankheitsbedingt nicht selbst regeln können“, sagt Anne Katharina Zimmermann, Pressesprecherin des Bundesjustizministeriums (BMJV) in Berlin. Ein wenig gebrechlich zu sein, begründet also noch keine Betreuung. Es muss klar sein, dass der Betroffene ohne Betreuung im Alltag nicht mehr zurechtkommt. Wie das festgestellt wird, regelt das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB). Spezielle Betreuungsgerichte treffen die Entscheidungen.

„Angeregt werden kann die Betreuung von jedem“, erklärt Barbara Dannhäuser von der gemeinsamen Arbeitsstelle Rechtliche Betreuung der katholischen Organisationen Caritas, SkF und SkM. Fällt etwa einem Nachbarn auf, dass eine alleinstehende ältere Frau in einer übermäßig verschmutzten Wohnung lebt, sollten sie aktiv werden. Erster Ansprechpartner ist dann die Familie - doch die kennt ein Nachbar nicht unbedingt. Sie kann auch fehlen oder den Kontakt abgebrochen haben.

In diesem Fall ist das Betreuungsgericht der richtige Ansprechpartner. „Dafür reicht ein kurzes Schreiben an das Gericht. Wenn man den Eindruck hat, dass es schnell gehen muss, sollte man darauf hinweisen“, sagt Barbara Dannhäuser. Sie selbst hat schon erlebt, dass sich eine Bank gemeldet hat, weil eine alte Kundin dreimal am Tag mit dem gleichen Anliegen da war. Neben Meldungen aus der Familie sind es häufig Krankenhäuser oder Senioreneinrichtungen, die eine rechtliche Betreuung anregen. Das Betreuungsgericht ist dem Amtsgericht zugeordnet, meist gibt es auf dessen Internetseite ein Formular für die Anregung einer Betreuung.

Auf den Hinweis - der den Meldenden zu nichts verpflichtet - muss das Gericht reagieren. Zunächst beurteilt in der Regel ein Sachverständiger die Situation, dann kommt es zu einer Anhörung. „Das ist eine Gerichtsverhandlung, die oft in der Wohnung des Betroffenen stattfindet“, sagt Klaus Förter-Vondey, Vorsitzender des Berufsverbands der Berufsbetreuer (BdB). Das Betreuungsrecht schreibt vor, dass der zuständige Richter sich einen persönlichen Eindruck macht, daher ist ein Ortstermin nicht ungewöhnlich.

1,3 Millionen Menschen brauchen eine Betreuung

Wenn eine ehrenamtliche Betreuung nicht infrage kommt, wird im Idealfall bereits zur Anhörung ein Berufsbetreuer geladen. Der persönliche Eindruck des Richters, die Angaben des Sachverständigen und ein medizinisches Gutachten sollen dafür sorgen, dass ein möglichst umfassendes Bild vom Zustand des Betroffenen entsteht. Gegen den Willen des Betroffenen dürfen Richter eine rechtliche Betreuung nur dann anordnen, wenn eine „erhebliche Gefährdung“ vorliegt, erklärt der Hamburger Berufsbetreuer Förter-Vondey.

In Deutschland sind nach Angaben des BdB 1,3 Millionen Menschen auf eine Betreuung angewiesen, Tendenz steigend. „Oftmals werden Familienangehörige als Betreuer bestellt“, sagt Ministeriumssprecherin Zimmermann. Im Jahre 2012 waren 55,1 Prozent der Betreuer Familienmitglieder. Der Betroffene kann selbst einen Betreuer vorschlagen. Das Gericht muss seinen Wunsch respektieren, wenn keine wichtigen Gründe dagegen sprechen.

„Die Betreuten nehmen ihre neue Situation ganz unterschiedlich wahr“, sagt Berufsbetreuer Förter-Vondey. Manche zeigen völliges Unverständnis, anderen ist die Notwendigkeit klar. „Dann kann ich gemeinsam mit dem Klienten die Aufgabenstellung erarbeiten“. Welche Aufgaben der Betreuer übernimmt, regelt das Gericht. So kann es sein, dass sich ein Betreuer ausschließlich um die Organisation der medizinischen Versorgung kümmert.

Betreuer sind dem Gericht zur Rechenschaft verpflichtet. Auch bei Umzug, Krankenhauseinweisung oder anderen wichtigen Ereignissen, muss der Betreuer das Gericht einbeziehen. „Berufsbetreuer müssen zudem eine detaillierte Abrechnung vorlegen“, sagt Förter-Vondey.

Die Kosten für die professionelle Betreuung trägt der Klient - soweit er sich das leisten kann. Sind seine Mittel knapp, gelten die entsprechenden Regelungen des Sozialhilferechts. Im Laufe der Zeit kann der Betreuer wechseln, etwa auf Wunsch des Betreuten. Auch ein Ende der Betreuung ist möglich. (dpa)