Betrug an der Frankfurter Börse: Chinesische Manager plündern Konzern-Konten

Berlin - Exakt 22,44 Euro – das sei der wahre Wert der Aktie von Ultrasonic. So steht es in der vorletzten Analysten-Empfehlung von der BankM, einem Ableger der deutschen biw Bank für Investments und Wertpapiere AG. Datiert ist die Mitteilung vom 5. September. Damals stand der Kurs der chinesischen Unternehmensgruppe Ultrasonic an der Börse in Frankfurt am Main tatsächlich aber nur bei etwa sieben Euro. Die klare Empfehlung der Banker: „Buy“, also „Kaufen“. Das Dreifache des damals aktuellen Börsenwertes war versprochen. Kein schlechtes Kursgewinn-Potenzial.

85 Prozent Verlust

Wer gerade Mal vor zwei Wochen dieser Empfehlung gefolgt ist oder schon Aktien des Unternehmens besaß, dürfte in dieser Woche einen Schock erlitten haben. Am Freitag notierte das Papier der Firma nur noch bei einem Euro. Das Unternehmen, dass in China Schuhe und Schuhsohlen herstellt und vertreibt, hat einen Absturz von 85 Prozent erlebt. Dutzende von Millionen haben sich in wenigen Tagen in Luftaufgelöst. Der Grund: ein Betrugsfall größten Ausmaßes, offenbar ausgeführt von zwei Top-Managern. Sie sind abgetaucht. Das Unternehmen, der Deutschland-Sitz adressiert am Graf-Adolf-Platz in Düsseldorf, steht vor der Pleite.

Am Dienstag teilte der Konzern mit, dass zwei der drei Vorstandsmitglieder aus China „ihre Wohnstätten“ verlassen haben und „nicht mehr auffindbar“ seien. Allerdings sie nicht allein. Auch der Großteil der liquiden Mittel sei verschwunden. Es befinde sich nicht mehr Einflussbereich des Unternehmens, hieß es weiter in der Mitteilung. Nach den letzten verfügbaren Angaben von 2013 waren bei dem Unternehmen etwa 100 Millionen Euro in Barreserven vorhanden. Offensichtlich sind davon viele Millionen weg. Denn der Ultrasonic blieben nach eigenen Angaben nur noch Mittel in sechsstelliger Höhe, um weiterhin Rechnungen zu bezahlen.

Zwei Tage später, am Donnerstag, meldete sich das Unternehmen erneut per Ad-hoc-Mitteilung, die bei börsenrelevanten Ereignissen Pflicht sind. Denn auch ein erst jüngster eingeräumter Kredit ist offenbar geplündert. Im August hatte Ultrasonic noch freudig mitgeteilt, dass es ihr gelungen sei, eine Kreditvereinbarung abzuschließen, die Zugang zu 60 Millionen Dollar (etwa 45 Millionen Euro) eröffnet. Nun folgte das Eingeständnis, dass die beiden entschwundenen und inzwischen abberufenen Vorstände „nach neuesten Erkenntnissen des Aufsichtsrats“ die Kreditlinie „im August in zwei Tranchen abgerufen und den Großteil der Gelder kurz vor ihrer Flucht von Hongkong nach China transferiert“.

Das hat Folgen: Die Cathay United Bank, eine der größten Geschäftsbanken in Taiwan, stellte die Kreditlinie „unerwartet“ fällig und verlangte die Rückzahlung samt ausstehender Zinszahlungen von exakt 180 236 Dollar und 89 Cent. Allerdings zeigte sich die Bank auch bereit, weitere Verhandlungen mit dem einen verbliebenen Manager und dem Aufsichtsrat der Ultrasonic AG zu führen, um möglicherweise ein Insolvenz zu verhindern.

Denn in einem solchen Fall wäre alles verloren, sagt Dirk Blumhoff, Diplom-Volkswirt bei der BankM: „Dann wäre das Unternehmen vollends zerstört.“ Die BankM arbeitet seit vier Jahren mit Ultrasonic zusammen und begleitete die deutsche Holding der chinesischen Gruppe Ende 2011 beim Börsengang auf das Aktienparkett in Frankfurt. „Wir sind absolut schockiert von den Ereignissen“, sagt Blumhoff. Es habe keinerlei Anzeichen gegeben, dass sich so etwas ereignen könne.

BankM-Analyst Roger Becker betont, dass Ultrasonic nach bestem Wissen geprüft worden sei und demzufolge die Kauf-Empfehlungen für mögliche Interessenten erstellt wurde. Die von Wirtschaftsprüfern bestätigten Daten haben zu seiner Unternehmens-Bewertung geführt. „Das war keine Fantasie-Bewertung, die war schon noch konservativ gehalten“, versichert er. Er selbst habe sich dreimal vor Ort in China die dortigen Produktionen angesehen.

Nicht der erste Ärger

Ultrasonic ist so klein nicht: Im vergangenen Jahr betrug der Vorsteuergewinn 41,8 Millionen Euro bei einem Gesamtumsatz von 149 Millionen Euro. Und da ja Millionen Euro verschwunden sind, so also wirklich Geld vorhanden war, handelt es sich bei der Firma auch nicht um eine Luftnummer. Denn auch die kreditgebende Bank dürfte sehr genau geprüft haben, wem sie Geld gibt.

In der Finanzbranche sorgen die Skandale mit chinesischen Firmen allerdings für Unmut. Ähnliches wie bei Ultrasonic war in diesem Jahr bereits beim Verpackungs-Hersteller Youbisheng Green Paper und dem Modehersteller Kinghero passiert. Die Deutsche Börse hat viele Jahre dafür geworben, dass chinesische Unternehmen in Frankfurt aufs Parkett gehen. Zahlreiche Firmen sind diesem Ruf gefolgt, aktuell sind im regulierten Markt 25 chinesische Unternehmen notiert.

Die Hoffnung, dass sich mit der Zeit auch chinesische Schwergewichte für ein Initial Public Offering (IPO), einen Börsengang in Frankfurt entscheiden, hat sich jedoch nicht erfüllt. Die Deutsche Börse hat deshalb schon im Sommer 2013 entschieden, „aus betriebswirtschaftlichen Gründen“ nicht mehr aktiv um Börsenkandidaten aus China zu werben.

Blumhoff von der BankM ist da trotz der „frustrierenden Geschichte“ mit Ultrasonic anderer Meinung. „Wir glauben, dass der chinesische Markt ein attraktiver ist“, sagte er. Bevor die BankM mit Unternehmen an den Aktienmarkt gehe, würde man sich diese genau anschauen. Aber vor einem solchen „Riesen-Betrugsfall“, bei dem Manager die eigene Firma ausräumen, sei niemand gefeit.

Blumhoff zeigt sich auch Tage nach dem Bekanntwerden des Falls schockiert und rätselt, wie es gelungen sei, die Millionen aus der Firma herauszuziehen. Das gehe nur, wenn jemand in der Bank beim Transferieren und möglicherweise auch politische Funktionäre in China mitmachten.

Die BankM hat im Ultrasonic-Fall auch Konsequenzen gezogen: In ihrer bislang letzten Analyse zu dieser Aktie wurde mitgeteilt, dass BankM die Bewertung vorerst eingestellt hat. (mit Reuters)