Berlin - Zwölf Euro und 63 Cent. Diesen Stundenlohn muss man haben, wenn im Alter die Rente zumindest etwas über der Grundsicherung von aktuell 814 Euro liegen soll. 12,63 Euro bei 38,5 Wochenstunden, 45 Jahre lang – dann reicht’s. So lautete im vergangenen Sommer die Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion.

Inzwischen hat der Regierende Bürgermeister von Berlin angekündigt, dass der Mindestlohn für Mitarbeiter des öffentlichen Diensts in der Stadt ab 2019 schrittweise auf mindestens 12,63 Euro angehoben werden soll. In anderen Wirtschaftsbereichen ist man davon weit entfernt.

„Weg vom Tarif ist ein Trend, der für immer mehr Betriebe und Beschäftigte gilt“

Ein Berliner Bäcker etwa hat nach Tarif einen Stundenlohn ab 11,63 Euro, eine Fachkraft im Hotel- und Gaststättengewerbe kann mit mindestens 12,18 Euro je Stunde rechnen, und auch im Einzelhandel sieht es nicht so rosig aus. Nach gültigem Tarifvertrag beträgt der Stundensatz für eine Kassiererin derzeit wenigstens 12,32 Euro im Osten und 12,71 Euro im Westen.

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Genauer gesagt: Es ist quasi nur ein Drittel der Wahrheit. Denn im Einzelhandel werden immer mehr Beschäftigte schlechter statt besser bezahlt. „Weg vom Tarif ist ein Trend, der für immer mehr Betriebe und Beschäftigte gilt“, sagt der Berliner Wirtschafts- und Sozialforscher Bert Warich. Seiner Analyse zufolge werden derzeit etwa zwei Drittel der Beschäftigten im Berliner Einzelhandel nicht nach einem Tarifvertrag vergütet.

Der Grund dafür ist für Warich klar: Die Unternehmen versprechen sich Wettbewerbsvorteile, wenn sie ihr Geschäft länger geöffnet haben. So können sie mehr von der zur Verfügung stehenden Kaufkraft ihrer potenziellen Kundschaft bekommen, brauchen dafür aber auch mehr Personal, und das wollen sie möglichst billig. Der Riss zwischen Tarifbezahlung und Tarifverweigerung zieht sich durch alle Bereiche des hiesigen Einzelhandels. Während in der Textilsparte beispielsweise H&M, Zara, Primark und Esprit nach Tarif bezahlen, ist dies etwa bei C&A nicht der Fall. Bei den Möbelanbietern zahlt nur Ikea Tariflohn, Mediamarkt und Saturn tun es im Elektronikbereich, Baumärkte wiederum gar nicht.

In Biomärkten scheint das Tierwohl mehr zu gelten als eine auskömmliche Bezahlung der Mitarbeiter

Nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi steht der Lebensmitteleinzelhandel in Berlin noch ganz gut da. „Der überwiegende Teil der Betriebe ist tarifgebunden oder orientiert sich wenigstens daran“, sagt Erika Ritter, Landesfachbereichsleiterin Handel bei Verdi. Tatsächlich haben sich die großen Supermarkt-Ketten fast ausnahmslos den Tarifvereinbarungen angeschlossen. Wer also bei Aldi, Edeka, Rewe, Netto, Penny, Lidl, Kaufland und Netto – Markendiscount an der Kasse sitzt, bekommt wenigstens den tariflich vereinbarten Stundenlohn von 12,32 Euro.

So verbesserte sich vor gut zwei Jahren auch die Bezahlung der mehr als 5000 Kaiser’s-Beschäftigen, als ihre Filialen von Edeka und Rewe übernommen und die Mitarbeiter fortan besser bezahlt wurden. Auch Drogerieketten Rossmann und Dm zahlen nach Tarif. Kassiererinnen bei Lidl und Kaufland bekommen sogar etwas mehr als Tariflohn. Bei Lidl liegt der Einstiegslohn für eine Kassiererin eigenen Angaben zufolge „zwischen 12,72 Euro und 13,11 Euro pro Stunde“. 

Allerdings gibt es guten Lohn auch in der Lebensmittelsparte nicht überall. Und bemerkenswerterweise sind es ausgerechnet Biomärkte, in denen das Tierwohl offenbar mehr gilt als eine auskömmliche Bezahlung der Mitarbeiter. Zwar bezahlen in Berlin Alnatura und die LPG Biomärkte nach eigenen Angaben ihren Kassiererinnen sogar mehr als den Tariflohn, doch liegen Bio Company und Denn’s Biomärkte offenbar darunter. „Wir sehen uns im oberen Mittelfeld des Berliner Biofachhandels“, lautete die Antwort von Bio Company auf die Frage, welchen Stundenlohn eine Kassiererin dort derzeit mindestens bekomme. 

Verdi-Expertin eklärt, die Beschäftigten würden schlicht ausgenutzt

Heißt das Tariflohn? „Es gibt nichts mehr zu sagen“, so der hiesige Marktführer, der seinen Umsatz im vorigen Jahr um zehn Prozent steigerte. Bei Denn’s erklärte man schwammig, dass sich das Unternehmen mit der Bezahlung am Branchendurchschnitt orientiere. Die genannte Frage lasse sich „leider nicht pauschal beantworten“. In einschlägigen Internetforen ist jeweils von Stundenlöhnen um elf Euro die Rede.

Für Verdi-Expertin Erika Ritter ist das nicht neu. Die Bezahlung in Bio-Märkten sei etwas besser geworden, aber grundsätzlich habe sich nichts geändert, sagt sie. „Die Unternehmen setzen darauf, dass ihren Mitarbeitern das Gute ihrer Tätigkeit so wichtig ist, dass sie sich dafür mit geringerer Bezahlung zufrieden geben.“ Die Beschäftigten würden schlicht ausgenutzt, so Ritter.