Berlin - Noch drehen sich über der Baustelle an der Lankwitzer Straße in Mariendorf die Kräne. Betonpfeiler ragen aus dem Fundament. Die drei Etagen zeichnen sich bereits ab. Wenn der Bau fertig ist, wird er sich unauffällig zwischen DHL-Depot, Amazon-Lager und benachbarte Fabrikhallen einreihen und bald wie ein silbergrauer Kleinwagen auf einem Supermarkt-Parkplatz verschwunden sein. Dennoch bleibt die Halle besonders.

Für ihre Stromversorgung wurde eigens eine separate 110.000-Volt-Leitung gelegt. Sie wird ein eigenes Umspannwerk bekommen, kältetechnisch ausgerüstet sein wie ein Tiefkühllager und so sicher wie der Tresorraum einer Bank. Zudem ist ein ausgeklügeltes Notstromsystem geplant, das anspringt, bevor der Hauptleitung der Saft ausgeht. Dabei werden in dem Bau kaum Menschen arbeiten. Es geht einzig und allein um das Wohl von Daten, die hinter den Mauern in zahllosen Server-Racks gespeichert, verwaltet und verarbeitet werden. Ein Maschinenraum der Digitalwirtschaft.

Japanischer IT-Dienstleister NTT investiert 400 Millionen Euro 

Für 400 Millionen Euro lässt der japanische IT-Dienstleister NTT derzeit auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks Mariendorf eines der bundesweit größten Rechenzentren entstehen. Spätestens zum Jahresende soll es in Betrieb genommen werden. „Die Technologie- und Innovationsindustrie in Berlin entwickelt sich ausgesprochen rasant“, sagt Florian Winkler, Chef des Geschäftsbereichs Global Data Centers von NTT. „Wir freuen uns auf zukünftiges Wachstum.“

Die Zuversicht ist zweifelsfrei begründet. Hat sich der Bedarf an Rechenleistung in Deutschland bereits seit 2010 verzehnfacht, so machen fortschreitende Digitalisierung und Cloud-Computing weiterhin immer neue Serverfarmen nötig. Zugleich gewinnt aber auch der Standort an Bedeutung, weil es für Unternehmen immer wichtiger und nötiger wird, ihre Daten auf Servern in Deutschland zu speichern.

Ralph Hintemann, Wirtschaftsforscher am Berliner Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit, begleitet die Entwicklung auf dem Server-Markt seit Jahren. „Neue Großrechenzentren sind insbesondere in Frankfurt und Berlin geplant“, sagt er. So hätten sich allein im Raum Frankfurt am Main die Rechenzentrumskapazitäten im letzten Jahrzehnt vervierfacht. Allein der Handelsriese Amazon betreibt in der Rhein-Main-Region drei große Serverfarmen, von denen ob ihrer sensiblen Inhalte nur Insider die genaue Position kennen. Und Berlin?

Wissenschaft und Start-ups locken Server-Anbieter

Laut Hintemann interessieren sich längst nahezu alle internationalen Betreiber großer Data-Center für Berlin. Die Stadt empfehle sich nach seiner Einschätzung unter anderem als Wissenschaftsstandort und Start-up-Metropole, weil Server-Anbieter ihren Dienst zunehmend nah am Anwender anbieten wollten. „Dass Tesla in die Region kommt, spielt sicher auch eine Rolle“, sagt Hintemann.

In Berlin gibt es laut Auskunft der Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin, die das Stromverteilnetz in der Stadt betreibt und somit die Serverfarmen mit Strom versorgt, derzeit vier Rechenzentren in nennenswerter Größenordnung. Das NTT-Center in Marienfelde wird mit Abstand das größte werden, aber seine Exklusivität wohl schon bald verlieren. „Wir haben aktuell mehr als zehn Anfragen“, sagt Steffen Voth, der bei Stromnetz Berlin den Netzvertrieb verantwortet und inzwischen auch Ergebnisse erwartet. „Ich denke, dass in diesem Jahr noch drei Verträge für weitere Rechenzentren unterschrieben werden.“

Tatsächlich spielt das Stromnetz eine entscheidende Rolle bei der Projektierung neuer Rechenzentren. Denn Server sind große Stromfresser. Borderstep-Forscher Hintemann beziffert den Strombedarf der deutschen Rechenzentren im vergangenen Jahr auf insgesamt 16 Milliarden Kilowattstunden Strom, womit die Anlagen etwa den 2020er Stromverbrauch Berlins deutlich übertrafen. Allein das Rechenzentrum in Mariendorf wird bei maximaler Leistung ebenso viel Strom benötigen wie die 350.000 Bewohner des Bezirks Tempelhof-Schöneberg – fast 100 Megawatt.

Dass voraussichtlich bis 2025 noch drei weitere Groß-Rechenzentren der 100-Megawatt-Klasse in Berlin entstehen werden, nennt Elmar Metten eine große Herausforderung. „Da geht es um so viel Strom wie für die Haushaltskunden einer Millionenstadt wie Köln“, sagt der Chefstratege bei Stromnetz Berlin, der als solcher für die Netzplanung verantwortlich ist. Dieser Strom müsse zusätzlich verteilt werden, so Metten, doch müssten die Voraussetzungen dafür in einem Bruchteil der Zeit geschaffen werden, in der Köln zur Millionenstadt wurde. In jedem Fall erwartet der Stromnetz-Manager eine Umkehr der Entwicklung. Nachdem der Stromverbrauch in der Stadt über Jahre zurückging, werde dieser in den nächsten Jahren „deutlich“ ansteigen, so Metten.

Zugleich wird der Strom in Berlin teurer. Denn für den Netzausbau sind Investitionen erforderlich, die über die Netzentgelte auf den Strompreis umgelegt werden. Derzeit sind bei Stromnetz Berlin 60 Millionen Euro für den Ausbau der Strominfrastruktur der vier Rechenzentren geplant. Aber dabei wird es wohl nicht bleiben. Ralph Hintermann vom Borderstep Institut jedenfalls glaubt: „Wenn die Entwicklung so weitergeht, ist es gut möglich, dass wir 2030 in Berlin zehn große Rechenzentren haben werden.“