.Die Studenten im „Old Theatre“ der renommierten London School Of Economics begrüßen ihn mit freundlichem Applaus, aber ihre wahre Begeisterung zeigt sich erst auf dem riesigen Bildschirm an der Wand, der all ihre Tweets abbildet, die sie von ihren Laptops, Smartphones und Tablets im Auditorium versenden. „Bill ist gerade angekommen – aufregend“, schreibt einer. „Die meisten hier im Saal hacken und tippen in ihre iPads und iPhones und andere Apple-Produkte – das muss ihm bestimmt weh tun“, schreibt ein anderer.

Die Zeiten, als sich Microsoft-Gründer Bill Gates noch über Vergleiche mit seinem Rivalen Apple aufregte, liegen schon länger zurück. Gates ist gekommen, über die Erfolge seiner Stiftung zu sprechen, die auch in Zeiten von Finanzkrisen den Kampf gegen Malaria, Aids in Entwicklungsländern weiterführen und -finanzieren will. Sein Vortrag wird weltweit im Internet übertragen, und während er redet, twittert und bloggt die Welt mit. Virtuelles Schulterklopfen für den zweitreichsten Mann der Welt, der schon seit Jahren in seiner Rolle des guten Samariters aufgeht und der sich heute mehr dafür begeistert, neue Impfstoffe entwickeln zu lassen, statt neue IT-Produkte zu verkaufen.

Mr. Gates, der Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, Klaus Schwab, hat jetzt mit einer ungewöhnlich offenen Form der Selbstkritik für Aufregung gesorgt: „Wir haben es versäumt, unsere Lektionen aus der Finanzkrise von 2009 zu lernen“, sagte er, „der Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form passt nicht mehr zur Welt um uns herum.“ Teilen Sie seine Sicht?

Hat er das wirklich so gesagt?

Hat er, in einem Zeitungsinterview.

Ich bin bei solchen Sachen immer vorsichtig. Aber wenn er es so gesagt hat, wie Sie es jetzt zitieren, dann stimme ich nicht mit ihm überein.

Warum nicht?

Mich stört zurzeit ein bisschen die Unschärfe des Begriffs Kapitalismus. Da wird vieles gleichgesetzt, das nicht gleich ist. Die Form des Kapitalismus in Deutschland ist anders als die in den USA und Großbritannien oder – ganz anderes Extrem: in China. Was ich sagen will: Es wird ein bisschen diffus, wenn man versucht, die Finanz- und Schuldenkrise in einer pauschalen Kapitalismus-Kritik zu erfassen. Nehmen Sie Kanada. Das Land hatte keine große Finanz- oder Währungskrise. Aber die Kanadier haben ein kapitalistisches System. Das gleiche gilt für Australien. Es ist also nicht so, dass sich jetzt durch jedes Land ein gewaltiger Riss zieht, weil der Kapitalismus die Welt erschüttert. Womit ich jetzt nicht die gravierenden Probleme in Europa und anderen Ländern herunterspielen will. Es geht mir zunächst nur um eine andere Perspektive. Als die Immobilienblase in den USA platzte, waren die Folgen desaströs. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, hätte bis heute eine Antwort verdient. Europa muss sich mit der Finanz- und Schuldenkrise auseinandersetzen, Japan hat ebenfalls eine schwere Krise hinter sich – aber die Krisen unterscheiden sich in Teilen.

Das wird in Deutschland, Europa und jetzt auch in Davos dramatischer wahrgenommen, die grundsätzlichen Zweifel am System werden lauter. Viele haben inzwischen Mühe aufzuzählen, wie oft der Euro-Rettungsschirm inzwischen schon aufgestockt werden musste.

Ich mache Ihnen jetzt mal einen Vorschlag: Wenn Sie Ihren Lesern eine Auszeit zu den Debatten über die nicht enden wollende Finanz- und Schuldenkrise bieten wollen, schreiben Sie zur Abwechslung mal, dass es nicht zuletzt dank erfolgreicher Entwicklungshilfe gelungen ist, die Zahl der Malaria-Todesfälle zu senken und die Verbreitung von Polio beispielsweise in Indien ganz einzudämmern. Aufgrund der von uns mit initiierten Impfkampagne gab es in Indien im vergangenen Jahr keine einzige Neuinfektion mehr. Das ist phänomenal. Wir sind dabei, die Ungleichheit in der Welt langsam abzubauen. Viele der armen Länder verzeichnen gute Wachstumsraten. Länder wie Südkorea oder Indien, die in den 60ern noch Entwicklungshilfe bekamen, sind inzwischen selbst Geberländer. Wir kommen voran. Es ist nicht so, dass sich die ganze Welt verdunkelt, nur weil viele reiche Länder derzeit an einer Malaise leiden. Aber sie müssen ihre Probleme lösen.

Angela Merkel hat in ihrer Eröffnungsrede in Davos ihren rigiden Sparkurs in der Euro-Krise verteidigt. Wie wollen Sie in dieser Lage Regierungschefs davon überzeugen, dass sie bei allen Sparzwängen nicht die Entwicklungshilfe zusammenstreichen dürfen?

Indem ich Ihnen beispielsweise vor Augen führe, dass ich die Ausgaben meiner Stiftung knallhart kontrolliere und daraufhin überprüfe, wie effektiv sie waren.

Da haben Sie einigen Staaten offenbar etwas voraus.

Wir würden mit unserer Stiftung nicht weiterhin Hunderte Millionen für die Bekämpfung extremer Armut und Krankheiten wie Aids, Malaria oder Polio bereitstellen, wenn wir nicht nachweisen könnten: Unser Engagement hilft den Menschen. Wir erzielen positive Ergebnisse. Die präsentiere ich in Davos.

Sie präsentieren die Ziele und Erfolge Ihrer Stiftung mit ebenso viel Verve wie früher die Xbox-Konsole von Microsoft. Was treibt Sie dabei an?

Sehen Sie, die Ärmsten der Armen haben keine Lobby, in Krisenzeiten wie diesen erst recht nicht. Ich weiß, wovon ich rede. Ich reise ständig in Länder, in denen Kinder unter vermeidbaren Krankheiten leiden, daran sterben. Wenn ich ein Kind sehe, das an Cholera leidet, diesen kleinen dehydrierten Körper, dann ist das furchtbar. Ich gebe diesen Menschen eine Stimme. Mir hört man zu. Und diese Position nutze ich. Denn trotz aller Erfolge bei der Bekämpfung von Krankheiten sterben immer noch jedes Jahr acht Millionen Kinder an Malaria, Tuberkulose und anderen Krankheiten, die in den reichen Ländern schon lange nicht mehr vorkommen. Acht Millionen! Es irritiert mich immer wieder, wenn ich sehe, wie nach Katastrophen, bei denen Hunderte oder Tausende umgekommen sind, die weltweite Anteilnahme jedes Mal gewaltig groß ist. Die unglaubliche Zahl von acht Millionen toten Kindern jedes Jahr dagegen löst keine vergleichbare Empörung aus. Weil sie abstrakt bleibt, schwerer zu fassen ist. Die Zahl und die Schicksale, die sich dahinter verbergen, bekommen nicht viel Aufmerksamkeit. Es sei denn, ich stelle mich auf ein Podium in London, Brüssel oder Davos.

Viele politische Beobachter kritisieren seit Jahren, in Davos werde nur geredet und nichts erreicht. Teilen Sie diese Skepsis?

Ich führe hier sehr viele Gespräche in Hinterzimmern, mit Staatschefs aus Afrika und anderen Ländern. Da sage ich ihnen ganz klar, welche Strukturen in unserer Zusammenarbeit verbessert werden müssen. Konkret: Ich treffe mich diesmal mit Vertretern aus Pakistan, um mit ihnen über die Eindämmung von Polio zu sprechen. Neben einigen afrikanischen Ländern wie Nigeria ist Polio in Afghanistan und vor allem in Pakistan ein Problem. In Pakistan gab es 2011 sogar wieder einen Anstieg der Polio-Fälle. Indien hat gezeigt, dass man diese Krankheit ausrotten kann – wir haben die Impfstoffe damals sogar in überflutete Gebiete gebracht. Das sind Erfolgsgeschichten, die ich vorweisen kann.

Die man aber in Europa kaum wahrnimmt, weil alle zu sehr mit der Euro-Krise beschäftigt sind?

Es gibt viele Länder in Europa, die sich trotz der Sparzwänge und Haushaltsprobleme bemühen, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Ihre Zusage, die Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Großbritannien zählt beispielsweise dazu. Warum macht Cameron das? Weil Armutsbekämpfung für die Briten ein Wert an sich ist, an den sie glauben, an dem sie festhalten. Und natürlich schaut die Welt jetzt auf Deutschland.

Angela Merkel hat in Davos gewarnt, man solle Deutschland nicht überfordern. Im Bundesfinanzministerium sehen die Planungen für 2013 vor, bei der Entwicklungshilfe mehr als 581 Millionen Euro einzusparen. Sie haben uns vor zwei Jahren erzählt, dass Sie eine private „Liste der Schande“ führen, auf der Politiker stehen, die Ihre Zusagen nicht eingehalten haben. Damals hatten Sie Berlusconi notiert. Haben Sie jetzt Angela Merkel vorgemerkt?

Deutschland tut sein Bestes. Die Frage ist, wird es die nötige Erhöhung vornehmen, um die versprochenen 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen? Man muss es auch relativieren: Es gibt wahrscheinlich kein Land, das seine Zusagen hundertprozentig erfüllt hat. Die meisten unternehmen aber ernsthafte Anstrengungen dem nachzukommen. Das einzige Land, das bei der Entwicklungshilfe viel stärker gestrichen hat, als wir das befürchtet hätten, ist nach wie vor Italien. Aber da kann ja der Regierungswechsel die Möglichkeiten bieten, die Dinge neu zu ordnen.