Was ist die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung?

Tobias Kahler: Die Stiftung wurde vor 20 Jahren gegründet. Damals haben sich Bill und Melinda Gates überlegt, wie sie mit ihrem privaten Vermögen umgehen sollen. Auch Warren Buffett hat sich angeschlossen. So wurde die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gegründet. Die Stiftung vergibt jährlich vier Milliarden Euro an Fördergeldern – vor allem im Bereich der Armutsbekämpfung und der globalen Gesundheit – wie etwa die Förderung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria.

Wie ist Bill Gates auf das Gesundheitsthema gekommen? Er kommt ja aus der Technologie-Branche.

Es war auf der ersten gemeinsamen Afrika-Reise. Bill Gates erzählt, er sei damals das erste Mal mit einer ganz anderen Realität konfrontiert worden, als er sie aus den USA kannte. Mit extremer Armut und schweren Krankheiten, etwa Durchfall und Pneumokokken, an denen Kinder massenhaft starben. Er hat dabei nicht nur die unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit gesehen. Er hat auch gesehen, wie sich die Krankheiten auf das wirtschaftliche Leben auswirken. Dass es ohne Gesundheit keinen Wohlstand und keine Prosperität gibt.

Die Stiftung engagiert sich seit vielen Jahren bei vielen Krankheiten. Warum nun das plötzliche Interesse an Covid-19?

Das Thema Pandemievorsorge („pandemic preparedness“) beschäftigt Bill Gates schon lange. Als Reaktion auf Covid haben wir bereits im Februar 100 Millionen Dollar bereitgestellt, als noch vielen nicht klar war, wie gravierend die Folgen sein werden. Es war schon absehbar, dass es sich nicht nur um eine Gesundheitspandemie handeln wird, sondern um eine „Polypandemie“. Wir sehen einen weltweiten Anstieg der extremen Armut. Die Zahl der Aids- und Malaria-Toten steigt dramatisch, weil die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen ist.

Es hat ja schon vor Jahren Katastrophenpläne gegeben, von der Bundesregierung und anderen Staaten. Auch Sie haben erst im Herbst 2019 mit einem Planspiel die Folgen vorhergesehen. Warum wurden trotzdem alle überrascht?

Die Bundesregierung hat das Thema in der Tat schon vor Jahren bei den G-7- und den G-20-Treffen auf die Agenda gehoben. Der internationale Erfolg blieb leider gering.

Warum?

Ich glaube, wir haben es hier mit dem sogenannten „Präventionsparadox“ zu tun. Das bedeutet: Vermutlich wären die Politiker damals kritisiert worden, wenn sie für Milliarden Masken und Schutzausrüstungen gekauft hätten, obwohl es keine Krise gab. Dieser Kritik wollte man sich vielleicht nicht aussetzen, also hat man gewartet. Und dann kam die Pandemie wirklich.

Und es hat alle Staaten gleichermaßen überrascht und überfordert. Deshalb haben Sie eine Initiative gestartet, um den Staaten zu helfen. Worum geht es bei dem Projekt „ACT Accelerator“ (ACT-A)?

ACT-A ist ein Kooperationsrahmen von vielen Organisationen, um die weltweite Zusammenarbeit in den Bereichen Diagnostik, Impfen, Behandlung und Gesundheitssysteme für Covid-19 voranzutreiben. Der Name steht für „Access to Covid 19 Tools“, also „Zugang zu Covid-19-Werkzeugen“. Dies ist vor allem von Bedeutung, wenn wir die Pandemie aus einer weltweiten Perspektive sehen. Wir haben Fortschritte bei den billigen Tests, etwa bei den Anti-Gen-Schnelltests. Das brauchen wir, um die Weltbevölkerung testen zu lassen. Wir haben aber zum Beispiel noch zu wenige Fortschritte bei der Therapie. Es gibt noch kein starkes, wirksames Medikament.

Wer finanziert ACT-A?

ACT-A direkt finanziert niemand, die Gelder gehen an die Organisationen in den drei Säulen, auf denen die internationale Covid-Strategie aufsetzt. Da ist in erster Linie die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ohne sie kann in den meisten ärmeren Ländern der Welt gar kein Einsatz von Medikamenten oder Impfungen erfolgen. Dann gibt es CEPI, wo Impfstoff-Forschung für die Pharmaindustrie mitfinanziert wird. Weiters wichtig ist die Impfallianz Gavi, die sich um die Beschaffung und Verteilung des Impfstoffs in den Entwicklungsländern kümmert.

Wieviel Geld braucht ACT-A, woher kommt das Geld, wie viel fehlt?

Der gesamte Finanzbedarf beträgt 38 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von zwei Jahren. Aktuell fehlen 28,2 Milliarden Dollar, davon 4,3 Milliarden Dollar als kurzfristiger Finanzbedarf idealerweise noch im laufenden Jahr. Das Geld soll von den Staaten kommen. Dieses Geld wird auch gebraucht, um für die reichen Länder einen enormen wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Eine aktuelle Studie der Eurasia Group hat ergeben, dass der wirtschaftliche Schaden für die zehn wichtigsten Industrieländer bis 2025 etwa 500 Milliarden Euro betragen wird, wenn die Pandemie nicht erfolgreich bekämpft wird. Wenn es uns nicht gelingt, wird das enormen Einfluss auf die reichen Länder und einige ihrer wichtigsten Industrien haben – etwa das Verarbeitende Gewerbe, den Tourismus sowie die Öl- und Gas-Branche.

Was heißt erfolgreich?

Um die Pandemie zu beenden, muss man eine globale Herdenimmunität erreichen – dafür müssten voraussichtlich um die 60 Prozent der Bevölkerung immun sein. Dazu müssen viele Menschen geimpft werden, und zwar nicht nur in Deutschland und den reichen Ländern, sondern überall. Act-A plant für diese Länder bis Ende nächstes Jahr zwei Milliarden Impfdosen zu kaufen. Damit soll eine Milliarde Menschen geimpft werden.

Wie viel hat Deutschland schon gezahlt und wie viel erwarten Sie als zweite Tranche?

Deutschland hat bereits eine halbe Milliarde Euro bereitgestellt und hat eine wichtige Führungsrolle eingenommen. Zivilgesellschaftliche Einrichtungen wie die Entwicklungsorganisation ONE haben errechnet, dass Deutschland insgesamt knapp 1,5 Milliarden Euro beitragen sollte, um einen an der Volkswirtschaft bemessenen fairen Anteil zu leisten.

Wird das Geld aufgetrieben?

Ich bin noch optimistisch. Der Bundespräsident und Bundeskanzlerin Merkel unterstützen dieses Anliegen. Man muss vor allem immer bedenken, dass es ja nicht nur um eine humanitäre Haltung geht. Das Exportland Deutschland würde enormen wirtschaftlichen Schaden nehmen, wenn die Corona-Beschränkungen wie Reiseverbote oder Einschränkung der sozialen Kontakte über einen langen Zeitraum aufrechterhalten werden. Das Problem einer Pandemie ist, dass wir nicht sagen können: Wir haben sie in Deutschland besiegt. Eine Pandemie ist erst dann vorbei, wenn sie überall auf der Welt vorbei ist.

Wird Act-A auch Impfstoffe aus anderen Ländern wie etwa Russland oder China kaufen?

Act-A kauft nur Impfstoffe aus Ländern, wo es verlässliche und anerkannte Aufsichtsbehörden gibt, welche die Impfstoffe freigegeben haben. Die Sicherheit muss hier im Vordergrund stehen. Das letzte Wort hat hier die WHO.

Foto: Katharina Kritzler
Tobias Kahler

Deutschland-Chef der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Zuvor arbeitete er für den australischen NGO ONE. Er studierte Politik, Internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften an der University of North Carolina at Chapel Hill, an der Freien Universität Berlin und der London School of Economics.