Er liebt es unkonventionell. Zu offiziellen Terminen erscheint Skuli Mogensen gern in Jeans, offenem Hemd und Freizeitsakko. Ein Outfit, das man vielleicht noch einem kleinen Berliner Start-up-Unternehmer zutrauen würde. Doch der Isländer Mogensen ist Gründer, Chef und Alleineigentümer einer Airline, die den internationalen Flugmarkt aufmischen will. So wie es Easyjet und Ryanair in den vergangenen Jahren getan haben, nur noch eine Stufe extremer.

Auch der Name der Airline ist alles andere als konventionell: Wow-Air. Das erinnert an den Internet-Pionier Yahoo! – auch wenn in diesem Fall das Ausrufezeichen fehlt. Seit gut einem Jahr ist das Unternehmen am Markt. Von Islands Hauptstadt Reykjavik steuert es 14 Ziele in Europa an, darunter auch viermal die Woche Berlin. Wer frühzeitig bucht, kann mit Wow Air schon für 80 Euro nach Island fliegen. Eine Strecke von immerhin 2400 Kilometern. „Auf den Strecken, die wir anbieten, wollen wir immer die günstigsten sein“, hat sich Mogensen zum Ziel gesetzt.

Islands geografische Lage ist aus Mogensens Sicht strategisch ideal für seine Expansionspläne. Zudem sei Island ein stark wachsender Markt für den Flugverkehr, alleine schon durch den steigenden Tourismus. Mit Wow Air will er noch höher hinaus als Easyjet und Ryanair. Während sich die beiden arrivierten Billigflieger auf Europa konzentrieren, will Mogensen irgendwann weltweit aktiv sein.

"Wachstum ist ungebrochen"

Beginnen soll die globale Expansion schon im nächsten Jahr. Dann will Wow Air täglich Flüge von Reykjavik nach Boston und New York anbieten. „Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Langstreckenflügen“, sagt Mogensen. Zum Beispiel von New York nach Berlin mit einer Zwischenlandung in Reykjavik. Die isländische Hauptstadt würde dadurch zu einem Knotenpunkt, einem sogenannten Hub für Wow Air.

Tollkühne Visionen eines Größenwahnsinnigen oder realistische Ziele eines cleveren Strategen? Sebastian Hein, Luftfahrtanalyst beim Bankhaus Lampe, hält die Pläne von Wow Air durchaus nicht für abwegig. „Der Markt boomt ungemein und wer hier clever operiert, kann es sehr weit bringen“, sagt er. Während die großen Airlines wie die Lufthansa unter dem rückläufigen Frachtgeschäft litten, sei die Passagierentwicklung weiterhin sehr robust – und nur darauf konzentrierten sich die Billigflieger. „Ihr Wachstum ist ungebrochen“, so Hein. „Ein Ende ist derzeit nicht in Sicht.“ Viele kleinere Flughäfen in Europa hätten noch Kapazitäten. Um die auszulasten, seien Airports oft bereit, Billigfliegern bei den Landegebühren erheblich entgegen zu kommen.

Kein Wunder also, dass Ryanair und Easyjet in den letzten Jahren zunehmend Konkurrenz bekamen. Allen voran vom norwegischen Anbieter Norwegian, der vom Wegfall des Monopols der heimischen SAS profitierte, deren Ticketpreise sehr hoch sind. Norwegian verfügt bereits über eine stattliche Flotte von 72 Flugzeugen und ist nach Ryanair und Easyjet die Nummer drei. Doch im Gegensatz zu den beiden Branchenriesen bietet Norwegian seit kurzem auch Langstreckenflüge nach Asien an. Wow-Air-Chef Mogensen dürfte sich angesichts seiner eigenen Langstrecken-Pläne dafür interessieren, wie es dabei für Norwegian läuft.

Langstrecken sieht Analyst Hein für Billigflieger indes als schwierig an. „Ihre Kostenvorteile können sie vor allem auf der Kurzstrecke ausspielen“, sagt er. Diese ergäben sich vor allem durch die deutlich kürzeren Standzeiten. Je länger die Strecken, umso weniger falle dieser Vorteil naturgemäß ins Gewicht. „Auf der anderen Seite sind die Kunden auf der Langstrecke noch deutlich höhere Preise gewöhnt, weil der Wettbewerb dort noch nicht so stark ausgeprägt ist.“ Darin liege für die Billigflieger durchaus eine Chance.

Kooperation mit Hotels und Restaurants

Einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zufolge gab es für die Billigflieger in Deutschland zwar 2011 und 2012 eine kleine Delle, die vor allem auf die Einführung der Luftverkehrssteuer zurückgeführt wird. Doch seit Anfang 2013 wächst die Zahl der Starts und der Passagiere in Europa wieder deutlich.

In diesem Umfeld will Wow Air künftig eine bedeutende Rolle spielen. Noch aber ist die Wow-Air-Flotte eher bescheiden. Gerade einmal über vier Flugzeuge – alle vom Typ Airbus 320 – verfügt das Unternehmen, das durch die Markenfarbe lila auffällt. Die Flugzeuge sind nicht gekauft, sondern geleast. Das spart Kosten.

Mogensen will seine Flotte rasch erweitern. Das nötige Geld für die Expansion bringt er ganz alleine auf. Denn der 44-Jährige ist ein sehr reicher Mann. Zuvor nämlich hatte er ein Technologieunternehmen aufgebaut, das er 2008 an Nokia verkaufte. Den damaligen Verkaufspreis will er nicht verraten, doch er lässt durchblicken, dass es eine sehr große Summe gewesen sein muss: „Es war ein Vielfaches dessen, was ich gebraucht hätte, um von diesem Moment an ein luxuriöses Rentnerleben zu führen“, sagt Mogensen. Doch als Frührentner taugt Mogensen nicht. Er ist nicht einmal in der Lage, ein paar Stunden am Stück von der Arbeit abzuschalten. Für seine engsten Mitarbeiter ist er immer erreichbar, wie er betont, auch nachts, auch am Wochenende, auch im Urlaub. „Ich habe Wow Air nicht gegründet, um damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern weil ich dieses Geschäft unglaublich spannend finde – und weil ich glaube, dass man als Newcomer unter den Billigfliegern trotz der harten Konkurrenz noch immer sehr erfolgreich sein kann. Wenn man es nur richtig anstellt“, sagt Mogensen und grinst dabei.

Ein Kernpunkt seiner Strategie ist es, neben den Erlösen durch die die Flugtickets und für Serviceleistungen – bekanntlich lassen sich Billigflieger ja so ziemlich alles extra bezahlen, vom aufgegebenen Koffer bis zum ausgeschenkten Kaffee – noch weitere Einnahmequellen anzuzapfen. So setzt Wow Air stark auf Kooperationen mit Hotels, Restaurants oder Mietwagenfirmen. Denn für jeden Fluggast, den Mogensen an seine Kooperationspartner vermittelt, kassiert Wow Air eine Provision. Und das macht sich bezahlt: „Wir werden bereits in diesem Jahr, dem zweiten unseres Bestehens, profitabel sein und ungefähr 100 Millionen Dollar Umsatz erzielen“, sagt Mogensen. 150 Mitarbeiter beschäftigt Wow Air.

Mogensen, das spürt man, ist trotz seiner Lockerheit ein ausgebuffter Geschäftsmann. Das war nicht immer so. Ursprünglich wollte er mal einen ganz anderen Weg einschlagen: „Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe Philosophie studiert“, sagt Mogensen. Vor allem die Existenzialisten um Jean-Paul Sartre haben es ihm angetan. Irgendwann entdeckte er, dass er doch ein praktischer Mensch ist, wie er sagt. Diese Erkenntnis hat ihn zum Multimillionär gemacht. Läuft es mit Wow Air so wie er es sich vorstellt, dürfte er sein Vermögen noch einmal vervielfachen. Falls nicht, kann er auch wieder alles verlieren, denn als Alleineigentümer trägt er auch alle Risiken alleine. Das muss aber nicht so bleiben. „Vielleicht brauche ich für meine Expansionspläne irgendwann noch mehr Geld als ich selbst aufbringen kann“, sagt Mogensen. „Dann bringe ich Wow Air möglicherweise an die Börse.“