Geht Hand in Huf: das Wohl der Tiere mit dem der Arbeiter in der Fleischindustrie.
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Berlin-BrandenburgInfolge von hunderten Corona-Infektionen in deutschen Schlachthöfen ist die schlechte Lage der Arbeiter zu Tage getreten. Die Politik hat reagiert und will das Arbeitsschutzgesetz verschärfen. Was auffällt: Die Art der Fleischerzeugung selbst wird nicht thematisiert. Und ist doch der Kern des Problems. 

Bio, Öko oder Neuland sind Alternativen, die es in Metzgereien und in einigen Kühlregalen gibt, doch liegt der Anteil von nicht konventionell erzeugtem Fleisch Schätzungen zufolge in Deutschland immer noch bei unter zwei Prozent. Das bedeutet: Von rund 60 Kilogramm Fleisch, die jeder Deutsche nach einer Berechnung des Landwirtschaftsministeriums jährlich verzehrt, stammt nur rund ein Kilogramm, sprich ein Brathähnchen oder drei kräftige Steaks, aus alternativer Landwirtschaft.

Hauptargument der Verbraucher gegen Biofleisch ist fast immer der Preis. Supermarktangebote wie Schweinerückensteaks für 2,99 Euro für eine 300 Gramm-Packung oder Hackfleisch für 4,99 Euro pro Kilo lassen selbst Menschen, denen das Tierwohl wichtig ist, schwach werden. Ökologisch erzeugtes Fleisch kostet in der Regel mehr: Schweinefleisch etwa das Doppelte, Geflügel das Dreifache, erklärt Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL).

Er berichtet, zwar sei rund ein Drittel der Verbraucher nach Umfragen bereit, mehr zu zahlen, doch die Schmerzgrenze liege bei den meisten bei einem Plus von 30 bis 40 Prozent. „Jetzt fragt sich, ob Bio zu teuer oder das konventionelle Fleisch zu billig ist“, kommentiert er und gibt selbst die Antwort: „Das konventionelle Preisniveau ist nur deswegen möglich, weil unter den jetzigen Rahmenbedingungen kaum Rücksicht auf Natur, Klima oder Regenwald genommen, weil das Tierwohl mit Füßen getreten wird, bis hin zu den skandalösen Arbeitsbedingungen in den Schlachtkonzernen.“

Man dürfe die Verantwortung aber nicht nur auf die Verbraucher oder den Markt schieben: Die Politik, insbesondere Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), sieht Wimmer in der Pflicht, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass der Landwirt, der „seine Tiere ordentlich hält, belohnt und nicht bestraft wird“. Das sei nur möglich, wenn man sich von der Exportorientierung bei Fleisch oder Milch verabschiede: „Denn wer auf dem Weltmarkt Preisführer sein will, darf aufs Tierwohl keine Rücksicht nehmen.“

Wimmer unterstreicht, dass der Markt für Fleisch aus ökologischem Anbau zurzeit wachse. Das treffe besonders auf Berlin zu. Dies bestätigt auch Jochen Dettmer, Vorstandssprecher von Neuland, einem Programm für tiergerechte und umweltschonende Haltung. Vom Ökofleisch unterscheidet Neuland lediglich das Futter, das die Tiere erhalten: Es wird konventionell produziert.

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Bio-Döner in Prenzlauer Berg

In Berlin gibt es Neuland in Fleischereien, an Marktständen, in Restaurants und Imbissen. „Am Stand nahe des Reichstags kommt Anton Hofreiter schon mal vorbei, um eine Neuland-Currywurst zu kaufen“, berichtet Dettmer. Sogar einen Neuland-Döner gibt es in Prenzlauer Berg.

Rund 20 der 70 Berliner Fleischerei-Fachgeschäfte verkaufen Neuland-Fleisch. „Das ist eine gute Quote“, meint Dettmer. In Städten wie Hamburg oder Bremen sei hingegen noch Luft nach oben. In ausgewählten Regionen testet Neuland derzeit in Aldi Nord den Verkauf von Fleisch unter dem Label „fair und gut.“ Aldi ist übrigens nicht der einzige Discounter, der sich ans Ökofleisch ran wagt. Auch Lidl führt nach eigenen Angaben in Berlin Bio-Rinderhack und Bio-Schweinemedaillons. Zu Absatzzahlen will das Unternehmen keine Angaben machen.

Einen Mittelweg hat der Prignitzer Landwirt Ralf Remmert beschritten. Rund 8300 Schweine hält er in Neudorf und denkt dabei „vom Tier aus“, wie er sagt. Vor zehn Jahren begann er, das Zähneschleifen bei Ferkeln zu unterlassen. Es soll verhindern, dass Ferkel die Sauen beißen. „Ich muss als Tierhalter dafür sorgen, dass die Ferkel nicht so hungrig werden, dass sie beißen“, betont er. Hat eine Sau nicht genug Milch, füttert er zu. Nach und nach schuf er Kastrationen und das Kupieren von Ringelschwänzen ab. Auch die Kastenstandhaltung ist dabei, zu verschwinden.

In der Branche findet Remmert mittlerweile Nachahmer. Er hält Vorträge und hat sogar eine Gesellschaft für Wissenstransfer gegründet. Sein Fleisch wird bei Rewe als „Rewe regional“ angeboten und ist nur etwa ein Drittel teurer als das Fleisch aus konventioneller Haltung.

Auch Wimmer hält Remmert für vorbildlich: Gerade in der Schweinehaltung sei der Unterschied zwischen konventionell und bio groß. „Bei der Ausarbeitung des Brandenburger Tierschutzplans ist Remmert zu einem glaubwürdigen Brückenbauer geworden, weil er trotz der Größe seines Betriebs vormacht, dass es anders geht.“

Ein Wermutstropfen: Remmert und auch viele alternative Fleischbetriebe schlachten – mangels anderer Möglichkeiten – in einem der beiden Großschlachthöfe in Brandenburg, in denen auch Werkvertragsarbeiter tätig sind.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch hält die Kriterien der Biofleischbauern – weniger Antibiotika, ökologisch erzeugte Futtermittel und mehr Platz im Stall – für ethisch wie ökonomisch zukunftsweisend. Sie ist jedoch gegen eine Zwei-Klassen-Fleischbranche, denn so einfach liegen die Dinge nicht. Zum Beispiel kämen bei Stichproben auch in Biofleischbetrieben immer wieder Verletzungen des Tierwohls zutage. „Nur weil es ein Biobetrieb ist, ist es nicht Bullerbü“, so Foodwatch-Sprecher Dario Sarmadi.

Letztlich führe kein Weg daran vorbei: Die Politik muss gesetzliche Zielvorgaben für alle Betriebe, bio wie konventionell, setzen, deren Einhaltung konsequent kontrolliert wird.