Knackig sollen Obst und Gemüse sein, aber auch schön billig. Für die Erzeuger geht diese Rechnung oft nicht auf.
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BerlinKlaus Engemann ist Biolandwirt in Ostwestfalen-Lippe. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erläutert er, warum die Landwirte in Deutschland Opfer und Täter zugleich sind und wie man mit Discountern wie Lidl auf Augenhöhe verhandeln kann.

Herr Engemann, die Bundeskanzlerin hat die Chefs von Handelsunternehmen zum Preisgipfel eingeladen. Was sagen Sie dazu?
Ich finde es gut, dass sich Frau Merkel dieses Themas annimmt. Und ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt. Die Preissituation bei den Lebensmitteln ist wirklich dramatisch.

Wie meinen Sie das?
Die konventionell erzeugten Lebensmittel sind viel zu billig. Zumal Folgekosten der Landwirtschaft wie zum Beispiel die Aufbereitung des Trinkwassers wegen zu hoher Nitratbelastung da noch gar nicht mit einberechnet sind. Würde man das mit einberechnen, wären konventionell erzeugte Lebensmittel nicht billiger als Bioprodukte.

Die Landwirte beklagen sich, dass sie vom Diktat der Handelsketten abhängen, dass die Preise drückt. Was denken Sie, wie konnte es zu dieser Abwärtsspirale überhaupt kommen?
Meiner Meinung liegt das am Konzentrationsdruck bei den Betrieben selbst. Vor 40, 50 Jahren waren die meisten landwirtschaftlichen Betriebe Mischbetriebe. Die Bauern betrieben Viehzucht, bauten aber auch Getreide und Obst an. Das hat sich geändert. Die Unternehmer spezialisierten sich, wurden größer, aber auch einseitiger. Hatte man damals 60 Mastschweine, dann waren es vor 30 Jahren schon 150. Und heute muss man 3000 bis 5000 Schweine haben, um sein Betriebsergebnis zu halten. Das aber macht abhängiger von demjenigen, der mir die Ware abnimmt.

Zur Person

Klaus Engemann ist Bio-Landwirt aus Überzeugung. Vor 32 Jahren übernahm er mit seinem Bruder den Hof der Eltern und stellte vom konventionellen auf den ökologischen Landbau um. Ihm geht es um Artenvielfalt und faire Produktionsbedingungen. Er ist Vorstandsmitglied im Verein FairBio. Dieser setzt sich dafür ein, dass die Produzenten nachhaltiger Lebensmittel auch angemessen bezahlt werden.

Sie sind die Sache von Anfang an anders angegangen?
Ja. Als mein Bruder und ich den Betrieb 1988 von unseren Eltern übernahmen, war für uns von Anfang an klar, dass wir auf Vielfalt setzen wollten. Wir wollten ökologischen Landbau betreiben.

Sind Sie da in Ihrem Ort nicht misstrauisch beäugt worden?
Eigentlich nicht. Unsere Familie ist alteingesessen in der Region. Wir betreiben seit Generationen Landwirtschaft. Als wir auf ökologischen Landbau umstellten, gehörten wir zu den Ersten in unserer Gegend und stießen natürlich auf Skepsis. Aber auch auf viel Wohlwollen. Wir haben eine breite Palette von Gemüse und Obst: Möhren, Rote Bete, Pastinaken, Blumenkohl, Erdbeeren, aber auch Getreide wie Weizen, Gerste Roggen, Dinkel. Und Spezialsorten wie Einkorn, das zu den ältesten Getreidearten überhaupt zählt.

Wie erleben Sie die Preisentwicklung bei Lebensmitteln?
Wir haben vor zehn Jahren den FairBio-Verein gegründet, um Fairness bei der Bezahlung von Bioprodukten zu erzielen. Wir bemühen uns um ein partnerschaftliches Verhältnis von Erzeugern und Kunden – und das über die ganze Wertschöpfungskette. Dennoch sind wir nicht abgekoppelt vom Markt. Aber die Verbraucher sind bereit, mehr für Bio-Qualität zu bezahlen. Deshalb ist es absolut wichtig, dass man Qualität auch kenntlich macht. Die Kennzeichnung von Hühnereiern etwa – das ist ein totaler Erfolg. Jeder kann auf den ersten Blick erkennen, ob er Ökostandard kauft oder nicht.

Haben Sie denn selbst Erfahrung mit den klassischen Handelsketten?
Ich bin für meine Region Delegierter bei Bioland. Das ist ein Anbauverband für Öko-Landwirte. Als uns unser Präsident vorschlug, einen Handelsvertrag mit Lidl auszuhandeln, gab es erst mal Aufruhr. Historisch ist der Discounter ja nicht der Freund der Bio-Landwirtschaft. Aber wenn man davon ausgeht, dass sich der Anteil der Bio-Lebensmittel erhöhen soll, macht es durchaus Sinn, auch dort gelistet zu sein. Bioland hat mit Lidl jetzt Fairplay-Regeln aufgestellt, etwa, dass keine Frischware willkürlich storniert wird.

Das hat Ministerin Julia Klöckner den Händlern jüngst beim Handel mit den Bauern vorgeworfen. Sind die konventionellen Landwirte die Verlierer der letzten Jahrzehnte?
Sagen wir mal so. Sie sind Opfer und Täter zugleich. Man trifft als Landwirt selbst die Entscheidungen für seinen Betrieb. Und da kann es auch Spaß machen, einen größeren Trecker zu fahren als der Nachbar. Aber wenn man immer größer werden muss, dann müssen Kredite abgezahlt werden. Die Abhängigkeiten machen ein Umlenken dann schwer.

Aber es gibt Kollegen, die umsteuern?
Wir haben in den letzten drei Jahren einen erfreulichen Zuwachs von über 40 Prozent an Biobetrieben verzeichnet. Das ist ein bundesweiter Trend, der sich auch in unserer Region so abbildet.

Wollen Ihre Kinder den Hof mal übernehmen?
Ja, und das mit Begeisterung. Ich führe den Betrieb mit meinem Bruder. Wir haben zusammen sieben Kinder und vier davon sind bereits im Unternehmen tätig. Von den fünf Biobauernhöfen in unserem Ort wollen alle in der nächsten Generation weitermachen.