Bioland-Präsident Jan Plagge: "Biokunden werden bestraft"

Herr Plagge, jedes Jahr rennen mehr als 400.000 Menschen auf die Grüne Woche, die weltgrößte Verbraucherschau für Landwirtschaft und Ernährung. Was suchen die Menschen dort?

Essen und genießen gehört zu den Urbedürfnissen. Wer bewusst nach Spezialitäten und gezielt nach Hintergründen der landwirtschaftlichen Erzeugung sucht, kann dort fündig werden. Viele Besucher jedoch bekommen von den spannenden Diskussionen nichts mit. Für die ist das ein Event, bei dem sie sich die Zeit vertreiben.

Irren all diese Menschen, weil man ihnen eine Realität vorgaukelt, die es nicht gibt?

Ja und nein. Die Grüne Woche ist ja nicht nur ein Spektakel, sondern dort findet auch eine politische Debatte statt, sei es beim Agrargipfel oder bei den vielen Veranstaltungen der Verbände. Wer dort hingeht, der bekommt tatsächlich ein Stück Realität der heutigen Landwirtschaft mit. Der Rest ist viel Schau und zeigt nur, was die Verbraucher gerne sehen wollen, zum Beispiel die Tiere im sauberen Stroh ...

Die Wirklichkeit sieht oft anders aus.

Ich glaube schon, dass sich die Veranstalter in den letzten Jahren bemüht haben, etwas mehr landwirtschaftliche Praxis zu zeigen und den Verbraucher wieder stärker an die Arbeit auf den Höfen heranzuführen. Die harten Probleme, mit denen wir es jeden Tag zu tun haben, werden dort allerdings ausgeblendet.

Nämlich?

Zum Beispiel der Kampf um die knappen Flächen etwa durch die Biogasförderung oder die intensive Tierhaltung. Die führt dazu, dass in Deutschland immer mehr Tiere gemästet werden, das Futter dafür aber nicht bei uns, sondern in Teilen in Südamerika angebaut wird. Das hat fatale Folgen wie die Überdüngung der Böden und die daraus resultierende Verschmutzung der Flüsse. Davon hört der Besucher wenig auf der Grünen Woche. Auch nicht, dass es keinen Trend weg von der Massentierhaltung gibt. Diese hat in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen, auch wenn Politiker den Verbrauchern gern etwas anderes erzählen.

Auch in Deutschland?

Gerade in Deutschland! Denn die staatliche Förderpolitik hat eine Spezialisierung der Betriebe und damit die Industrialisierung der Tierhaltung vorangetrieben. Das wissen viele Verbraucher nicht. Die denken an einen schönen Bauernhof, auf dem die Tiere frei herumlaufen und genug Platz haben. Das werden sie in der Regel aber dort nicht antreffen.

Zum zweiten Male wird es während der Grünen Woche eine Demonstration geben, die ein Bündnis von Umwelt- und Agrarverbänden, darunter Bioland, organisiert. Titel: „Wir haben es satt!“ Was haben Sie satt?

Wir streiten gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft. Wir wollen die Politik davor warnen, diesen Weg weiterzugehen. Man kann nicht einfach für die Industrie entwickelte Rationalisierungssysteme auf die Landwirtschaft übertragen. Frappierend ist das in der Tierhaltung. Aber auch im Pflanzenbau sind die negativen Auswirkungen deutlich zu sehen. Dort, wo früher noch fünf oder sechs Kulturen in einer Fruchtfolge wuchsen, gibt es heute nur noch eine oder zwei, meist Mais und Weizen. Diese Monokulturen bieten keine Lebensräume mehr für Insekten und Vögel. Hinzu kommt, dass die Saatgut-, Futtermittel und Pflanzenschutzmittelkonzerne immer größere Gewinne abschöpfen – fast immer zulasten bäuerlicher Betriebe.

Worum geht es Ihnen? Wollen sie global agierenden Konzerne wie Unilever, Nestle, Monsanto oder BASF die rote Karte zeigen? Oder die EU bewegen, für eine tatsächlich nachhaltige Landwirtschaft in Europa zu sorgen?

Ich bin vor allem gegen das System, das diese Konzerne etablieren wollen. Die wollen die Welt mit einer einheitlichen, einer industriellen Agrarproduktion überziehen, die mit hohem In- und Output arbeitet und auf komplexen und anfälligen Abhängigkeitsverhältnissen basiert. Die wollen von dem ganzheitlichen Ansatz der selbstbestimmten bäuerlichen Betriebe, die immer noch das Rückgrat der weltweiten landwirtschaftlichen Erzeugung bilden, nichts wissen. Wir sind gegen die Subventionierung agrarindustrieller Systeme, die nachgewiesenermaßen unsere Lebensgrundlagen aufzehren. Wir wollen den Systemwechsel. Der Biolandbau verkörpert eine nachhaltige Landwirtschaft, die mit dem auskommt, was die Natur nachliefert. Wir wollen, dass die Steuergelder in eine wirklich nachhaltige Landwirtschaft fließen.

Kommt der Ruf nach dem Systemwechsel an? Voriges Jahr kamen 22.000 Menschen zur Demo „Wir haben es satt“, die damals unter dem Eindruck des Dioxin-Skandals im Schweine- und Hühnerfutter stand. 22.000 gegen 400.000 Messebesucher: Warum ist trotz der Skandale ums Essen noch nichts von einer Massenbewegung zu spüren?

Eine Massenbewegung entsteht doch nur, wenn die Menschen sich bedroht fühlen.

Ist das nicht der Fall, wenn man etwa die jüngsten Berichte über antibiotikaresistente Keime auf Hähnchenschenkeln betrachtet?

Das ist eine Bedrohung, ohne Frage. Das bringt wie der Dioxinskandal vor einem Jahr die Menschen auf die Straße. Andere aber kaufen diese Lebensmittel nicht mehr. Und dann gibt es noch die, die es trotz aller Risiken schlucken und weiter der Industrie vertrauen, Hauptsache, es ist billig.

Die appetitliche Alternative wäre, zu Bio-Kost zu greifen. Vielen ist das aber zu teuer.

Etliche Studien und meine eigene Erfahrung zeigen: Bio muss nicht teurer sein. Es sind doch vor allem hochverarbeitete Convenienceprodukte, Tiefkühlwaren und Restaurantbesuche, die den Geldbeutel belasten. Mit selbst Gekochtem kann man viel sparen. Klar: Bio-Fleisch ist teuer weil Bio-Tiere mehr Platz und Auslauf haben. Deshalb rate ich: Lieber weniger, dafür aber gutes Fleisch. Das bringt nicht nur mehr Genuss, sondern ist auch besser für den Verbraucher, den Bauern, die Umwelt, die Tiere. Das bedeutet kein Verzicht, sondern Bereicherung für Alle.

Gefühlt ist Bio ein Riese, den Zahlen nach eher ein Zwerg. Vier Prozent macht der Bioanteil am Lebensmittelmarkt aus. Was muss geschehen, um diesen Anteil auszubauen?

Hemmnis Nummer eins ist: Wer sich biologisch ernährt, der wird bestraft.

Wie bitte?

Ja, bestraft, das heißt, er hat Nachteile. Es ist deutlich günstiger in unserem Land, unter Ausschöpfung aller Produktionsmöglichkeiten Gewinnmaximierung zu betreiben. Damit stehe ich ökonomisch besser da. Wenn ich biologisch arbeite oder mich biologisch ernähre und damit Gutes fürs Gemeinwohl tue, werde ich bestraft. Denn geringere Erträge und die erforderliche Mehrarbeit im Biolandbau kosten mehr. Die Biokunden bezahlen die Umweltleistungen des Biolandbaus, wohingegen die Umweltkosten der Industrielandwirtschaft sozialisiert werden.

Deutschland kann nicht einmal den Bedarf an Bio-Getreide oder Bio-Möhren decken. Sind deutsche Bauern zu träge, auf einen lukrativen Markt umzusatteln?

Viele scheuen die Mühsal, die die Umstellung mit sich bringt. Dieses Anbausystem mit vielfältigen Fruchtfolgen und viel Arbeit ist vielen Bauern zu kompliziert, zumal die politischen Rahmenbedingungen den Umstieg kaum stützen. Außerdem gibt es lukrativere Alternativen, wie Biogas, um ein gutes Einkommen zu erzielen.

Sie sehen das so wie der Ökobeauftragte des Bauernverbands, Bassewitz: Weil man auch mit Agrosprit gut verdienen kann und der Staat sich aus der Ökolandbauförderung zurückzieht, tun sich Bauern mit einem Umstieg schwer.

Genau. Jeder Bauer hat die Möglichkeit, auf seinen Feldern 80 Prozent Mais anzubauen und sie in eine Biogasanlage zu stopfen. Es ist unsere größte Sorge, dass sich immer mehr Landwirte für diesen Weg entscheiden. Schon heute ist fast ein Viertel der Ackerfläche mit Energiepflanzen belegt, und die Betriebe bekommen eine Abnahme-Garantie für Strom aus Biogas für die nächsten 20 Jahre. Das erscheint viel bequemer und sicherer als die Umstellung auf Bio. Da muss die Politik dringend umsteuern. Das geht auf unser aller Kosten.

Das heißt, die deutsche Energiepolitik konterkariert ihre Ziele? Es kommt am Ende nicht mehr Klimaschutz, sondern weniger Nachhaltigkeit heraus?

Richtig, und es macht mich fassungslos, dass sich diese Erkenntnis noch nicht herumgesprochen hat. Mit der aktuellen Förderungspraxis von Biogas wird genau das Gegenteil des Angestrebten erreicht. Der Schutz der natürlichen Ressourcen und eine nachhaltige Energieproduktion, die nicht auf Kosten künftiger Generationen geht, findet nicht statt.

Die Folge ist, dass Bio in Deutschland nur schleppend vorankommt und wir Bio importieren müssen. Eines der Hauptlieferländer ist ausgerechnet Italien, wo die Reihe der Betrugsfälle mit Bioprodukten nicht abreißt.

In Ländern wie Italien und Österreich wirtschaften deutlich mehr Bio-Bauern als in Deutschland, bis zu 15 Prozent. Wir liegen im Mittelfeld, und die deutsche Bundesregierung tut viel zu wenig, um ihr eigenes Ziel von 20 Prozent Ökofläche zu erreichen. Zudem verabschieden sich einzelne Bundesländer aus der Bioförderung. Das ist der falsche Weg. Nun muss man zur Ehrenrettung der italienischen Biobauern sagen: Die meisten arbeiten ehrlich und korrekt. Wir brauchen aber Verbesserungen bei der Kontrolle. Ein Problem liegt in den immer noch nicht vereinheitlichen Anforderungen an die rund 200 Kontrollstellen in der EU. Die von Landwirtschaftsministerin Aigner angekündigte Gesetzesinitiative, um die Kontrollqualität in Deutschland zu verbessern, ist absolut richtig. Das muss aber auch auf europäischer Ebene durchgesetzt werden. Deutschland muss da sein Gewicht einbringen und dafür sorgen, dass der Informationsfluss zwischen den Kontrollstellen beteiligter Staaten besser funktioniert.

Interview: Stephan Börnecke