Bitcoin: Der Wert von Bitcoin hängt vom Glauben ab, lasst euch nicht veräppeln!

Dies ist Teil zwei eines Essays über die Kryptokrise und den Mythos Bitcoin von unserem Kolumnisten Fabio De Masi. Ein paar weitere kritische Worte zu Bitcoin.

Ein Protest-Graffiti gegen Bitcoin aus San Salvador.
Ein Protest-Graffiti gegen Bitcoin aus San Salvador.Marvin Recinos/AFP

Teil 1 der Krypto-Kolumne von Fabio De Masi lesen Sie hier!

Transaktionen auf der Blockchain funktionieren ähnlich wie das berühmte Spiel „Ich fahre auf eine Insel und packe meinen Koffer!“. Nur wer die ganze Kette an Gegenständen der vorherigen Mitspieler in der richtigen Reihenfolge aufsagt, kann einen neuen virtuellen Gegenstand in den Koffer packen. So kann kein einzelner Spieler in diesem Netzwerk allein die Datenbank manipulieren.

Bitcoin ist so programmiert, dass maximal 21 Millionen Bitcoin geschaffen werden können. Dies soll die „Cyberwährung“ künstlich knapphalten. Daher behaupten die Anhänger von Bitcoin, es handele sich um digitales Gold. Das Verfahren zum Schürfen von Bitcoin und zur Fortschreibung der Blockchain funktioniert so, dass die sogenannten Miner mit ihren Rechnern versuchen, im Wettbewerb komplizierte Rechenaufgaben zu lösen. Die Besitzer der erfolgreichen Computer werden bei Erfolg mit neuem Bitcoin belohnt.

Bei Bitcoin ist ein ganzes Netzwerk an weltweiten Computern beteiligt

Dies ist das sogenannte „Proof of Work“-Verfahren. Der Arbeits- und Energieeinsatz soll Bitcoin knapphalten und dem Netzwerk Rechenleistung für die Buchhaltung zur Verfügung stellen. Es gibt auch ein weniger aufwendiges „Proof of Stake“-Verfahren, das sich auf die Bestätigung von Transaktionen durch etablierte Miner stützt. Es begünstigt jedoch Miner mit großen Bitcoinvermögen.

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BLZ/Paulus Ponizak
Zum Autor
Fabio De Masi war Mitglied des Deutschen Bundestages für die Linke sowie des Europäischen Parlaments und machte sich dort bei der Aufklärung von Finanzskandalen – etwa um den Zahlungsdienstleister Wirecard – einen Namen. Er ist Kolumnist bei der Berliner Zeitung.

Dieses aufwendige Verfahren ist der Grund, warum Bitcoin mehr Energie verbraucht als ganze Länder und es immer wieder Debatten gibt, das Mining aus ökologischen Gründen zu verbieten. Das Verfahren und die Programmierung sind aber auch der Grund, warum die Technologie keine effiziente Methode zur Abwicklung von Transaktionen ist: Visa schafft etwa 1700 Transaktionen pro Sekunde, Bitcoin nur 7. Eine Zahlungsanweisung zwischen Banken erfordert wenige Computer und womöglich noch ein paar Bankmitarbeiter zur Kontrolle: Bei Bitcoin ist ein ganzes Netzwerk an weltweiten Computern beteiligt.

Bitcoin hat keine Zentralbank hinter sich

Selbstverständlich könnte Bitcoin die Energienutzung teilweise auf regenerative Energien umstellen. Aber auch dann wird knappe Energie verbraucht, die woanders fehlt. Die viel wichtigere Frage lautet daher, wozu wir Bitcoin eigentlich brauchen. Wozu ein so aufwendiges Verfahren wie bei Bitcoin, um eine der wenigen Dinge zu machen, die Banken bei aller berechtigter Kritik an Gebühren, verschleppter Digitalisierung oder Kreditvergabe für spekulative Zwecke zuverlässig erledigen? Nämlich die Buchhaltung.

Bitcoin hat keine Zentralbank hinter sich, die den Wert garantiert. Bitcoin hat daher einen realen Wert von null, außer man misst ihm die verausgabte Energie zu. Der Wert von Bitcoin ist Glaube. Solange Investoren daran glauben, dass andere Investoren in Bitcoin investieren wollen und es genug Nachfrage gibt, können Kurse steigen. Dies ist auch der Grund, warum der Mythos Bitcoin von manchen Nutzerinnen in den sozialen Medien und Internetforen koordiniert und aggressiv befeuert wird. Schließlich geht es um ihr Geld.

Bitcoin eignet sich nicht als Zahlungsmittel

Und natürlich eignen sich viele knappe Güter wie Rohstoffe, Edelmetalle, Kunstwerke, Aktien für Spekulation, da die Kurse bei hoher Nachfrage und begrenztem Angebot durch die Decke gehen. Es ist jedoch keinesfalls garantiert, dass ein knappes Gut langfristig als wertvoll erachtet wird. Nicht jedes Kunstwerk erzielt hohe Preise. Auch meine getragenen Socken sind knapp, aber kein Investitionsobjekt. Selbst wenn sich die Kryptotechnologie durchsetzt, könnte Bitcoin durch andere und effizientere Assets oder digitales Zentralbankgeld abgelöst werden.

Zudem eignet sich Bitcoin nicht als Zahlungsmittel: Warum sollte ich meine Brötchen beim Bäcker mit Bitcoin bezahlen, wenn dieser langfristig angeblich immer wertvoller wird? Dann warte ich lieber ab. Wir kaufen auch nicht mit dem Picasso unter dem Arm ein.

Bitcoin macht für den allgemeinen Verbrauch keinen Sinn

Es ist auch wenig überraschend, dass der Bitcoinkurs ausgerechnet in dem Moment fällt, wo das Bankengeld knapper wird, weil die Zentralbanken die Zinsen erhöhen. Die Verfechter des Bitcoins sehen diesen gerade als Alternative zum „inflationären Bankengeld“. Tatsächlich ist Bitcoin aber wie ein Junkie vom Bankengeld abhängig. Ohne Nachschub an Bankengeld keine Nachfrage für Bitcoin. Zudem ist die gegenwärtige Inflation nicht durch zu viel Geld verursacht, sondern durch hohe Energiepreise. Das Mining wird daher immer teurer.

Es bleibt ein weiteres Argument für Bitcoin übrig: Als die Enthüllungsplattform Wikileaks oder der Ex-Agent Edward Snowden Kriegsverbrechen enthüllten, wurden sie verfolgt und sanktioniert. Sie nutzen daher Bitcoin, um Spenden entgegenzunehmen, Server zu betreiben oder die Flucht abzusichern. Kurzum: um Geld zu waschen. Denn Visa und Mastercard wickelten wegen der verhängten Sanktionen keine Transaktionen mehr für Wikileaks ab. Die Nutzung von Bitcoin ist hier verständlich. So wie Oppositionelle in autokratischen Ländern zum Bespiel Bargeld nutzen, um Datenspuren zu verwischen. Dies macht aus Bitcoin aber noch kein sinnvolles Asset für den allgemeinen Gebrauch.

Die Nachfrage für Champagner geht durch die Decke

Natürlich ist es denkbar, dass Bitcoin, nachdem die technisch definierte maximale Menge an 21 Millionen Bitcoin ausgeschöpft wurde, als virtuelles Artefakt der Pioniere des Kryptozeitalters überleben wird. Das Asset aus dieser Zeit wäre dann wie eine seltene Briefmarke. Der Wert resultierte dann wie ein streitbares Kunstwerk aus der Knappheit und dem Image.

Die enorme Ungleichheit bei Vermögen und die unzureichenden Investitionen des Staates führen auch dazu, dass Investoren händeringend nach Finanzanlagen suchen. Während die Mehrheit der Bevölkerung unter hohen Energiepreisen ächzen, geht etwa die Nachfrage für besonders teuren Champagner durch die Decke. Die Kryptotechnologie ist daher für manchen Investor einfach eine Gelegenheit auf eine interessante Wette.

Die Blockchain-Technologie könnte natürlich die Finanzmärkte umkrempeln, weil sie im Kern automatische Transaktionen und Vertragsabschlüsse ermöglicht. Banken und Versicherungen könnten etwa Personal entlassen und ihre Gewinne steigern. Ob dies gesellschaftlich nützlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Denkbar wäre auch, dass Aufsichtsbehörden den Hochfrequenzhandel an den Börsen mit der Blockchain überwachen. Vieles hängt von der Entwicklung der Computertechnologie und der zukünftigen Rechenleistung ab.

Viele Start-up-Unternehmen der New Economy, die einst mit Milliarden an der Börse bewertet wurden, sind längst Geschichte. Doch das Internet bliebt. So könnte auch Bitcoin wie ein Stern am Finanzhimmel verglühen. Aber die Kryptotechnologie könnte vielleicht dennoch eines Tages so selbstverständlich werden wie Google Maps oder ein Apple-Handy. Denn die Revolution frisst ihre Kinder.

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