Bitcoins sind die Zukunft, heißt es. Noch hat nur jeder sechste Bundesbürger von ihnen gehört, so eine Forsa-Umfrage. Doch das digitale Internetgeld verbreitet sich schnell über den Globus, löst als Tauschmittel Euro und Dollar ab – nur vier Jahre nachdem Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto es aus der Taufe hob. So die Erfolgsgeschichte. Doch bleibt fraglich, ob Bitcoins Geld sind, ob sie eine Zukunft haben und ob Satoshi Nakamoto überhaupt existiert.

Ein Bitcoin ist keine Münze und keine Papiernote, sondern ein verschlüsselter Code auf dem Computer, fälschungssicher, wie es heißt. An Börsen wie Mt. Gox kann man Bitcoins gegen Euro oder Dollar tauschen und im Internet mit ihnen einkaufen gehen, ohne Kreditkarte, ohne Banküberweisung, ohne Gebühren.

Zwar werden sie in keinem Land als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt. Doch wird die Liste der Orte, an denen man mit Bitcoins bezahlen kann, immer länger. Die erste bedeutende Transaktion soll im Jahr 2009 der Kauf zweier Pizzas für 10.000 Bitcoin gewesen sein, heute umgerechnet 700.000 Euro. Inzwischen erwägt sogar der Zahldienstleister Western Union die Aufnahme von Bitcoin als Zahlungsmittel. Zehn Prozent des Welthandels, so schätzen seine Fans, könnten über Bitcoins laufen. „Ein interessantes geldpolitisches Experiment“, sagt Ulrich Leuchtmann, Währungsexperte der Commerzbank.

Durch Lotterie verteilt

Initiiert hat es Satoshi Nakamoto im Jahr 2009, wobei vermutet wird, dass sich hinter diesem Namen eine Gruppe von Programmierern verbirgt. Nakamoto – oder wer auch immer – verfolgte ein Ziel: ein Geld, ohne dahinter stehenden Staat, ohne Banken und ohne Zentralbank, die Geld einfach druckt, auf diese Weise so genanntes Fiat-Geld schafft und gleichzeitig den Wert dieses Geldes untergräbt.

Kein Wunder, dass die globale Finanzkrise zu einem Run auf Bitcoins geführt hat. Denn seit Jahren wackeln die Banken unter ihren Schulden, die US-Zentralbank hat die Geldmenge in den letzten fünf Jahren mehr als verdreifacht. Das Schreckgespenst Inflation geht um. Hier sollen Bitcoins Sicherheit bieten. Sie müssen durch aufwändige Operationen ausgerechnet werden. Hochleistungscomputer lösen im Prinzip sinnlose mathematische Rätsel, an deren Ende ein neuer Bitcoin entsteht.

Er fällt quasi vom Himmel und wird durch eine Art Lotterie verteilt. Der ökonomische Trick: Durch das Konstruktionsprinzip bleibt die Geschwindigkeit der Geld-Schöpfung konstant. Zudem ist die Geldmenge begrenzt: 21 Millionen Bitcoins, mehr wird es nicht geben. Die Hälfte soll bislang ausgerechnet sein.

Die feste Geldmenge soll vor Inflation schützen, das glauben vor allem marktliberale Fans des Internet-Geldes, die schon immer der Meinung waren, der Markt müsse sich sein eigenes Geld schaffen, ohne dass der Staat dazwischenfunkt. Zu den Marktradikalen gesellen sich libertäre System- und Bankenkritiker, die auf ein nicht-hierarchisches, selbstbestimmtes Geld setzen. Bitcoins sind cool, sie brauchen keine Bankkonzerne, sie fließen zwischen den Nutzern hin und her, wie Bargeld.

Attraktiv für Spekulanten

Und wie Bargeld bieten sie weitgehende Anonymität. Das hat in vielen Ländern den Staat auf den Plan gerufen. Das US-Finanzministerium stellte den Bitcoin-Handel im März unter das Geldwäschegesetz. Und gegen den Betreiber der Börse Bitcoin24 in Bremen wird wegen des Verdachts auf Geldwäsche ermittelt. Der Betreiber bezeichnet die Vorwürfe allerdings als lächerlich.

Spektakuläre Hacker-Angriffe auf Bitcoin-Börsen und Computer-Einbrüche finden immer wieder statt. Zudem unterliegen Bitcoin-Börsen keiner staatlichen Aufsicht. Diese Probleme könnten jedoch technisch vielleicht gelöst werden. So wird derzeit fieberhaft an einer dezentralen Börse gearbeitet, die auch von Hackern nicht lahmgelegt werden kann.

Die wirkliche Schwachstelle der Internet-Währung ist jedoch eine ökonomische. Denn zum einen locken die Schwankungen des Bitcoin-Kurses Spekulanten an – Veränderungen von 30 Prozent pro Tag sind keine Seltenheit. Investoren spekulieren darauf, dass sich Bitcoins als Handelswährung durchsetzen, wodurch die Nachfrage und der Bitcoin-Kurs steigt. Die durch die Spekulation ausgelösten Wertschwankungen jedoch untergraben gleichzeitig die Funktion von Bitcoins als Handelswährung. „Die Blase zerstört die fundamentale Story“, erklärt Commerzbanker Leuchtmann. Ohne eine solche Story aber sei jede Blase zum Platzen verdammt.“

Zudem verhindert die feste Geldmenge der Bitcoins, dass sie dauerhaft Euro und Dollar ersetzen. Denn der globale Kapitalismus braucht ein Kreditsystem. Unternehmen leihen sich Geld, um zu investieren und zu wachsen. Jede Investition und jeder Kredit aber bergen das Moment der Unsicherheit in sich.

Kommen Zweifel am Geschäftsgang auf, geschieht, was im Jahr 2008 geschah: Niemand will mehr Kredit geben. Im Falle einer begrenzten Geldmenge führt dies zum Zusammenbruch. In der wirklichen Welt jedoch taten die Zentralbanken in der Krise genau das, wofür Nakamoto sie kritisiert: Sie druckten Geld, sprangen als Kreditgeber ein und retteten so die Wirtschaft vor der Katastrophe.