Die Schweizer Envion AG war angetreten, um mobile Miningeinheiten für Kryptowährung herzustellen und an Orten mit günstiger Energie zu platzieren.
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BerlinDie im Oktober 2017 in der Schweiz gegründete Envion AG galt kurzzeitig als eines der vielversprechendsten Start-ups in der Krypto-Szene. Inzwischen aber sind die Berliner Gründer und Geschäftsführer heillos zerstritten, gegenseitig werfen sie sich in Strafanzeigen Betrug und Untreue vor.

Auch die Justiz ist mittlerweile aktiv geworden: Das Berliner Landgericht versucht seit Ende September in einem Zivilprozess zu klären, wer von den Envion-Machern die Verantwortung trug für den virtuellen Börsengang, bei dem Anlegerbeträge von insgesamt 100 Millionen Euro eingesammelt wurden.  Und die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugsverdachts. Nun wurden Geschäftsräume des ehemaligen Envion-Geschäftsführers Matthias Wöstmann und seines Beraters, Anwalt Thomas van Aubel, in Berlin durchsucht. Die Frage, wen die Schuld am Scheitern des Envion-Projektes trifft, ist damit aber noch längst nicht geklärt.

Was von Envion übrig geblieben ist, stand zumindest bis vor kurzem noch in einer Industriehalle in Spandau. Es war ein weißer Schiffscontainer voller Regale mit Dutzenden Computern. Er war der Prototyp einer – wie es schien – genialen Geschäftsidee: Die Computer in dem Container sollten Bitcoins produzieren.

Envion-Macher versprachen Renditen bis zu 161 Prozent

Das Mining, also die Herstellung einer solchen Kryptowährung mittels Computern, ist nicht kompliziert, aber energieintensiv. Wenn man jedoch eine solche mobile Mining-Fabrik besitzt, schafft man den Container einfach dorthin, wo überschüssiger Strom verfügbar ist, und schließt ihn direkt an das Netz an. Das funktioniert etwa bei nicht voll ausgelasteten Solar-, Wind- oder Wasserkraftwerken. Dadurch könnten extrem hohe Gewinne erwirtschaftet werden – die Envion-Macher versprachen Renditen bis zu 161 Prozent.

Envion-Anleger erhielten virtuelle Münzen - Token

Als das Unternehmen Mitte Dezember 2017 den bislang größten virtuellen Börsengang (Initial Coin Offering, ICO) Deutschlands startete, wurde das ein voller Erfolg: Innerhalb eines Monats sammelte Envion von Investoren aus aller Welt insgesamt rund 100 Millionen Dollar ein. Die Anleger erhielten bei dem ICO keine Aktien, sondern virtuelle Münzen, sogenannte Token. Für jeden Token – so das Versprechen der Envion – werden die Investoren später einen bestimmten Anteil am Profit bekommen, der durch das Bitcoin-Schürfen in den Containern erwirtschaftet wird.

Das Versprechen wurde nicht eingehalten. Von den eingesammelten 100 Millionen Dollar ist nur knapp die Hälfte noch da. Jeder Token, der einst für einen Dollar ausgegeben wurde, ist heute gerade mal noch zwölf Cent wert. Und auch die im schweizerischen Baar ansässige Envion AG, die nie einen Euro Umsatz erzielte, ist längst aufgelöst worden.

Der spektakuläre Niedergang des Envion-Projekts begann bereits kurz nach dem Ende des virtuellen Börsengangs. Kaum waren die 100 Millionen Dollar eingesammelt, zerstritten sich der Berliner Firmengründer Michael Luckow und der von ihm als Geschäftsführer eingesetzte Matthias Wöstmann heillos. Kern der Auseinandersetzung ist die geradezu handstreichartige Übernahme der Evion AG durch Wöstmann und den von ihm als Berater ins Unternehmen geholten Berliner Anwalt van Aubel.

Luckow warf Wöstmann vor, ihm die Firma gestohlen zu haben

Ermöglicht wurde der Coup dadurch, dass Luckow, der während des ICO im Hintergrund bleiben wollte, seine Envion-Aktien zeitweilig an den Geschäftsführer übertragen hatte mit der Option, sie nach dem Börsengang wieder zurückzuerhalten. Wöstmann aber nutzte seine Position als plötzlicher Mehrheitsaktionär dazu, im Januar 2018 unabgesprochen eine Kapitalerhöhung durchzuführen. In der Folge stieg die Zahl der Envion-Aktien massiv an.

Anschließend übertrug Wöstmann wie vereinbart die „ausgeliehenen“ Aktien an Luckow zurück – die aber nun nicht mehr wie vorher 81 Prozent des Aktienkapitals entsprachen, sondern nur noch 31 Prozent. Weil Wöstmann und van Aubel aber die neuen Aktien erworben hatten, besaßen sie nun das Sagen bei Envion.

An eine Zusammenarbeit war nun nicht mehr zu denken. Luckow warf Wöstmann vor, ihm die Firma gestohlen zu haben. Der kontert mit der Unterstellung, der Envion-Gründer habe beim ICO mehr Token produziert als vereinbart. Zunächst redete man noch miteinander, sogar ein Psychiater wurde für eine Mediation eingeschaltet. Aber dann überzogen sich beide Seiten mit Klagen und begannen eine Propagandaschlacht. Auf eigenen Internetportalen beschuldigen und beschimpfen sie sich seitdem in Erklärungen und Videos gegenseitig.

ICO-Börsengang für illegal erklärt

Den Schweizer Aufsichtsbehörden waren die seltsamen Vorgänge um die Envion AG nicht verborgen geblieben. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma kündigte im Sommer letzten Jahres „eigene Abklärungen“ an und erklärte im März 2019 schließlich den ICO-Börsengang für illegal. Fünf Monate vorher schon, am 14. November 2018 um 10 Uhr, hatte das Kantonsgericht Zug die Auflösung der Envion AG verfügt. Genau dreizehn Monate hatte das Unternehmen existiert.

In einem aber sind sich die beiden Streithähne Luckow und Wöstmann einig: Ihre Idee der mobilen Mining-Fabriken hat eine Zukunft. Envion-Gründer Luckow ist überzeugt, dass man mit den eingesammelten 100 Millionen Dollar bis zu 1000 Container in etwa sechs Monaten hätte bauen können. Mit einer Produktionsfirma in Tschechien sei dies bereits vorbereitet gewesen, sagt er. Sein Widersacher Wöstmann stimmte ihm im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung zu: „Envion war keine Fake-Firma. Die Technologie funktionierte“, sagte er.