Jetzt sind sie in der großen Finanzwelt angekommen. Die Bitcoins. Die Digitalwährung wird seit Sonntagnacht an der Chicagoer Optionsbörse gehandelt. Investoren können auf steigende und fallende Kurse setzen.

Die Aufregung ist groß

Schließlich haben die virtuellen Münzen in diesem Jahr eine wahnwitzige Entwicklung hingelegt. Ende voriger Woche kostete ein Bitcoin zeitweise 20.000 Dollar. Anfang des Jahres waren es noch um die 1000 Dollar – Spekulanten sind am Werk.

Die Aufregung ist allenthalten groß. Vielen IT-Experten gefällt dieser Hype überhaupt nicht, denn er bringt in Misskredit, was die Bitcoins-Deals erst möglich macht. Die sogenannte Blockchain-Technologie. Die Experten der IT-Beratungs- und Marktforschungsfirma Gartner bewerten sie als eine der wichtigsten Entwicklungen der Informationstechnik überhaupt.

Erfindung wird dem Internet gleichgestellt

Sie habe das Zeug dazu, die Basis für „disruptive digitale Geschäftsmodelle“ zu werden, da sie das Prinzip der zentralen Organisation von Transaktionen überwinde. Es gibt Experten, die der Erfindung der Blockchain eine ähnliche Bedeutung zumessen, wie der Erfindung des Internets.
Ein gewisser Satoshi Nakomoto soll sich das alles im Jahr 2009 ausgedacht werden. Doch die Identität dieser Person ist nicht geklärt.

Und selbst für computeraffine Zeitgenossen ist es nicht einfach zu verstehen, was da eigentlich dahintersteckt. Allein für die Abwicklung der Bitcoin-Deals wird eine enorme Rechenleistung beansprucht. 5600 Server sind miteinander vernetzt. Angeblich soll dabei täglich eine Rechenleistung aufgeboten werden, die 60000 Mal höher ist, als die Kapazität der 500 größten Supercomputer auf dieser Welt. Wozu das alles?

Grundprinzip ist mit einem Viehmarkt zu vergleichen

Auf der Website „Manage IT“ werden Blockchains als Datenbanken bezeichnet, die Transaktionen „ohne eine zentrale Kontrollinstanz, ohne die Notwendigkeit gegenseitigen Vertrauens und mit vollkommener Transparenz“ verwalten. Womöglich ist es tatsächlich das Ei des Kolumbus – zumindest für die digitalisierte Ökonomie. 

Dabei ist das Grundprinzip – stark vereinfacht beschrieben – recht simpel und ließ sich früher auch auf Viehmärkten beobachten. Der Verkauf eines Zuchtbullen wurde in aller Öffentlichkeit getätigt. Die Viehhändler gaben sich die Hand und es gab eine Reihe von Beobachtern, die drumherum standen und bezeugen konnten, dass sich die beiden die Hand gegeben haben.

Hacker haben es sehr schwer

Bei der Blockchain vollzieht sich der Handschlag virtuell und anonym. Käufe und Verkäufe werden besiegelt und in einer Kette von Datensätzen abgespeichert, und zwar so, dass man sie nicht mehr verändern kann. Das ist nichts anderes als ein digitales Kassenbuch. Der Witz dabei ist, dass Kopien davon auf Tausenden von Rechnern abgespeichert werden. Das macht die Sache für Hacker so schwer.

Einen Computer zu knacken, um Daten zu fälschen, ist machbar. Doch es auf mehreren Tausend Geräten und am besten noch zeitgleich zu tun, ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft zumindest extrem schwer bis unmöglich. Die gigantischen Rechenkapazitäten werden benötigt, um die Transaktionen mit komplizierten mathematischen Verfahren abzusichern. Das ist besonders bei den Bitcoins wichtig, denn das Erschaffen von neuem virtuellem Geld, das sogenannte Mining, unterliegt strengen Restriktionen. 

„Logistikbranche schreit nach der Blockchain“

Aber die Mühe lohnt sich: „Es werden direkte Transaktionen ohne Einbeziehung eines Vermittlers möglich“, sagt Achim Berg, Präsident des Hightech-Verbandes Bitkom. Das könnte zum Beispiel die gesamte Tourismusbranche umwälzen. Wer eine Ferienwohnung sucht, kann direkt mit dem Anbieter problemlos und ohne Risiken eine Blockchain-Vereinbarung treffen. Es braucht weder einen Reiseveranstalter noch ein Reisebüro.

Und selbst solche Internetplattformen wie Airbnb würden überflüssig. Oder wenn es um den Transport von Gütern geht: „Die gesamte Logistikbranche schreit nach der Blockchain“, sagt Berg. Gleichwohl, eine aktuelle repräsentative Befragung von Unternehmen im Auftrag des Bitkom zeigt, dass Manager zwar generell die Bedeutung digitaler Technologien sehen, aber Blockchain kommt derzeit gerade mal bei zwei Prozent der Firmen zum Einsatz.

Im großen Stil 

Vieles ist aus Sicht der Gartner-Experten derzeit noch unreif. Doch sie erwarten, dass sich die Verfahren in den nächsten fünf Jahren im großen Stil durchsetzen werden. Computerkonzerne wie IBM investieren schon jetzt viel Geld und Arbeitskraft, um kommerzielle Anwendungen für die elektronischen Kassenbücher zu entwickeln. Wolfgang Prinz vom Fraunhofer Institut für angewandte Informationstechnik, ist sich sicher, dass 2018 das Jahr wird, in dem wir „vermehrt Blockchain-Anwendungen in operationalen Business-Anwendungen sehen werden.“ 

Zu den Pionieren hierzulande zählen die Energieunternehmen. Auch weil deren Geschäfte extrem gefährdet werden könnten. Schließlich kann der Betreiber eines Windrades mit einem Verbraucher nun direkt Lieferverträge abschließen – da muss im Prinzip kein Stadtwerk und kein Stromhändler mehr dazwischen geschaltet werden. Mehr noch: Für Fachleute der Unternehmensberatung Roland Berger wird ein Versorgungssystem, das auf erneuerbaren Energien beruht, durch Blockchain erst wirklich gangbar gemacht.

Reaktionen erfolgen schneller und effizienter

Denn die die Technologie erlaube, erheblich schneller und effizienter als bislang auf die Schwankungen bei der Produktion von elektrischer Energie zu reagieren. Die Firma Tennet, Betreiber von großen Strom-Überlandnetzen, testet derzeit denn auch, wie sich das System mit dem Einsatz von Batterien besser steuern lassen kann. Wird zu viel Strom erzeugt, kann er in Akkus gespeichert werden, die in Kellern von Eigenheimen und Mehrfamilienhäusern stehen.

Bei Flaute und Dunkelheit kann der Strom wieder eingespeist werden. Das alles wird abgerechnet und gesteuert durch die Blockchain. Eine der wichtigsten Komponenten dieser Technologie sind sogenannte Smart Contracts: Verträge, etwa über die Lieferung von Strom zu bestimmten Preisen, die automatisch ausgelöst werden.

„Für alle Branchenteilnehmer stellt sich jetzt mit großer Dringlichkeit die Frage, wie sie sich zukünftig aufstellen. Zumal durch die Blockchain auch neue Akteure auf den Markt kommen werden", betont ein Sprecher des Stadtwerkeverbandes VKU. 

Schwankungen von bis zu 20 Prozent

Doch er macht zugleich auf ein Grundproblem aufmerksam: „Wir müssen im Auge behalten, dass computergesteuerte Systeme komplex sind und anfällig sein können“ Im Hochgeschwindigkeitshandel mit Aktien etwa gab es diverse „Unfälle“, weil irgendwo irrtümlich einige Nullen zu viel oder zu wenig bei Transaktionen eingetippt wurden.

Selbst ohne Eingabefehler wurden am Montag heftige Schwankungen von 20 Prozent bei den Bitcoins registriert. Da wird heftig gezockt. Für die Strombranche wären solche Ausschläge nicht unbedingt hilfreich. „Deshalb werden wir auch künftig steuernde Netzbetreiber brauchen, die die Transaktionen überwachen", so der VKU-Sprecher.