München - Die deutsche Autoindustrie überrascht in Form von BMW und VW mit Spitzenpersonalien. Beim weltgrößten Luxuswagenbauer aus München wechselt der langjährige Konzernchef Norbert Reithofer nächsten Mai vorzeitig in den Aufsichtsrat. Das hat das von der Aktionärsfamilie Quandt beherrschte Aufsichtsgremium beschlossen. Ihm folgt der bisherige Produktionschef Harald Krüger nach.

Zugleich wirbt VW den BMW-Entwicklungschef Herbert Diess zum 1. Oktober 2015 ab. Er soll die renditeschwache Kernmarke VW aufmöbeln. Es ist das zweite Mal binnen kurzem, dass sich die Wolfsburger bei der Konkurrenz bedienen, nachdem Daimler-Manager Andreas Reschler schon von VW verpflichtet wurde.

Im Fall von Reithofer ist speziell der Zeitpunkt seines Rückzugs in den Aufsichtsrat überraschend. Der Vertrag des 58-jährigen wäre noch bis 2016 gelaufen. BMW-Finanzchef Friedrich Eichiner kann dagegen auch nach Erreichen der BMW-intern für das Spitzenpersonal geltenden Altersgrenze von 60 Jahren im Amt bleiben, hatten die Aufseher verfügt.

In Ungnade gefallen ist Reithofer aber keineswegs. Denn er soll nicht nur ohne jede Abkühlphase vom Chefsessel ins Aufsichtsgremium wechseln, sondern dort nach der Hauptversammlung im Mai 2015 auch den Vorsitz übernehmen. Den macht der langjährige Oberaufseher Jochim Milberg für ihn frei.

Generationswechsel bei BMW

 BMW begründet die Rochade, die durch die Berufung des Eigengewächses Klaus Fröhlich zum neuen Entwicklungschef komplettiert wird, mit einem geplanten Generationswechsel. Krüger ist mit seinen 49 Jahren in der Tat einer der jüngsten Konzernchefs , die BMW jemals hatte. Der zu VW wechselnde Diess, der sich dem Vernehmen nach auch Chancen auf die Reithofer-Nachfolge ausgerechnet hatte und schon deshalb freudig nach Wolfsburg wechselt, ist 56 Jahre alt.

Der Altersunterschied soll ein Grund gewesen sein, warum Krüger das Nachfolgerennen für sich entschieden hat.

Zudem begeht BMW im März 2016 seinen hundertsten Konzerngeburtstag. Das ist ein Datum, das im in mancher Hinsicht sehr traditionsbehafteten Konzern für die Familie Quandt sehr wichtig ist. In das neue BMW-Jahrhundert will sie mit dem für die nächsten Jahre auserkorenen Spitzenpersonal gehen. Diese Idee wird von Reithofer unterstützt, heißt es in seinem Umfeld zurückhaltend. Reithofer wäre nicht der erste BMW-Manager, der sich den Vorstellungen der einflussreichen Aktionärsfamilie loyal beugt, ohne offen zu murren. Managementfehler kann man ihm ohnehin nicht vorwerfen.

Lob für Reithofer

Der seit 2006 den Konzern lenkende Reithofer habe BMW auf ein neues Erfolgsniveau gehoben, lobte der scheidende Aufsichtsratschef Milberg. Vor allem der Aufbruch in die Elektromobilität mit dem aktuellen Zugpferd BMW i3 ist mit dem Namen des gebürtigen Bayern verbunden. Renditemäßig haben die Münchner zuletzt sogar die VW-Premiumtochter Audi abgehängt und Mercedes längst hinter sich gelassen.

Nachfolger Krüger ist indessen auch erste Wahl der Arbeitnehmerseite. Mit ihm an der Spitze werde man die traditionell gute Partnerschaft zwischen Betriebsrat und Management fortsetzen, sagte Gesamtbetriebsratschef Manfred Schoch. Krüger kennt die Verhältnisse. Er ist seit 1992 im Konzern und hat mehrere Vorstandsressorts durchlaufen. Produktionschef ist er seit April 2013. Bei BMW kommen Topmanager traditionell aus dem eigenen Haus.

Bei VW war das zuletzt nicht so. Für die Baustellen im eigenen Konzern holt sich Europas größter Autobauer immer wieder gezielt Spitzenpersonal von außen. Im Fall der Nutzwagensparte, wo die beiden Marken MAN und Scania kooperieren und viel Geld sparen sollen, war es Daimler-Nutzfahrzeugexperte Renschler. Für Diess schafft VW nun sogar ein neues Vorstandsressort mit der Bezeichnung Markenvorstand Volkswagen-Pkw. Dort gilt es Sparpotential in Milliardenhöhe zu heben und die Stammmarke wieder auf die Überholspur zu bringen. Sie fährt mit zwei Prozent Umsatzrendite derzeit stark hinterher.

Bislang hat Konzernchef Martin Winterkorn die Marke VW in Personalunion gemanagt. Diess sei sein Wunschkandidat, betonte ein Konzernsprecher in Wolfsburg. Zugleich entfacht dessen Bestellung in eine strategisch exponierte Position die Spekulationen um eine Winterkorn-Nachfolge neu.