„Schwarzer Schwan“: Das Bild steht für einen drohenden Absturz, nachdem es an den Börsen und in der Wirtschaft lange nur aufwärts gegangen ist.
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Berlin - Die aktuellen Schlagzeilen aus der Wirtschaft lesen sich wie das Protokoll eines weltweiten Börsenkrachs: Die Aktien stürzen ins Bodenlose. Anleger fliehen in vermeintlich sichere Werte wie Staatsanleihen oder Gold. Die Zentralbanken fordern von den Banken Notfallpläne ein. Die Europäische Zentralbank (EZB) warnt vor einem möglichen Anstieg von Cyber-Kriminalität. Sie fordert alle Banken auf, ihre Systeme wetterfest zu machen. Airlines streichen Tausende Destinationen von ihren Flugplänen. Die Lufthansa reduziert ihre Kapazität um bis zu 50 Prozent. Soldaten im hohen Norden Norwegens werden unter Quarantäne gestellt. In Genua wird einem Schiff die Einfahrt in den Hafen verwehrt. Die großen amerikanischen Technologie-Konzerne Google, Facebook und Microsoft fordern ihre Mitarbeiter auf, von zu Hause zu arbeiten.

In Berlin ist das Bild ähnlich: Die Tourismusmesse ITB wird kurz vor der Eröffnung abgesagt. Die Investitionsbank Berlin (IBB) erwartet signifikante Wachstumseinbußen. Unternehmen bereiten Notfallpläne für die Produktion bei Werksschließungen vor. Erste Restaurants und Clubs müssen schließen oder sind im Betrieb eingeschränkt. Und das ist alles erst der Anfang.

Investoren der angesehenen Risikokapital-Firma Sequoia Capital aus Kalifornien warnen ihre Kunden und Anleger. Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus könnte der Auftritt des berüchtigten „Schwarzen Schwans“ sein. Das Bild bedeutet: Wenn es an den Börsen und in der Wirtschaft lange nur aufwärts gegangen ist, kommt irgendwann der Absturz. Er wird fast immer von einem Ereignis ausgelöst, das keiner vorhersehen konnte. Sequoia schreibt an seine Kunden: „In gewisser Weise spiegelt das Geschäft die Biologie wider. Wie Darwin vermutete, sind diejenigen, die überleben, nicht die Stärksten oder Intelligentesten, sondern diejenigen, die sich am schnellsten an Veränderungen anpassen können.“

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Es geht also nicht nur um die Schnelligkeit, sondern auch um die Anpassung an neue Verhältnisse.

Hier haben Europa und Deutschland deutliche Nachteile gegenüber anderen Volkswirtschaften: Die Position des „Export-Weltmeisters“ ist in der Corona-Krise kein Vorteil mehr, im Gegenteil: Es ist zu erwarten, dass der Welthandel von der Epidemie nachhaltig Schaden nehmen wird. Plötzlich geht es nämlich nicht mehr darum, Produkte zu verkaufen, die ein „Made in Germany“ tragen. Es geht oft darum, ob ein einziger Mitarbeiter infiziert ist und daher die ganze Produktion zum Stillstand kommt.

Die Bazooka des Mario Draghi ist leer

Deutschland und Europa haben noch ein weiteres Problem: Um die Ausfälle der Wirtschaft durch das Virus zu kompensieren, müssten die EZB oder die Staaten Geld in die Wirtschaft pumpen. Genau das macht die EZB jedoch seit dem Ausbruch der Euro-Krise, und zwar ohne Hemmungen. Statt die Wirtschaft in guten Zeiten fit zu machen, wurden mehr oder weniger wahllos große, alte und träge Unternehmen mit billigen Schulden am Leben gehalten. In guten Zeiten ist es immer leichter möglich, Unternehmens-Pleiten aufzufangen. Das wird in einer globalen Finanzkrise, wie sie jetzt droht, sehr schwer. Es rächt sich, dass die deutschen und europäischen Politiker zwar immer von den Herausforderungen der Globalisierung gesprochen haben. Doch ihre Geld- und Wirtschaftspolitik hat immer nur dem Status quo gedient. Die legendäre Bazooka des Mario Draghi ist leer.

Das Coronavirus fördert noch eine andere Facette des weltweiten Ungleichgewichts zutage: Offenbar sind es vor allem ältere Menschen, für die ernsthafte Gefahren bestehen. Die europäischen Staaten sind überaltert. Dies bedeutet zwar keine unmittelbare Gefahr. Doch es ist irgendwie symbolisch: Für einen wirklichen Überlebenskampf im darwinschen Sinne scheinen die westlichen Wohlstandsstaaten nicht unbedingt die Fittesten zu sein.

Es ist gut möglich, dass eine der Folgen der Epidemie eine stärkere Regionalisierung der Wirtschaft ist. Deutschland sollte sich auf dieses Szenario einstellen. Die Zeit könnte knapp werden.