Der spektakuläre Börsengang von Chinas größtem Onlinehändler Alibaba am vergangenen Freitag mit dem sagenhaften Kursplus von einem Drittel an der New Yorker Wall Street hat die Erwartungen für weitere Börsengänge erhöht. So werden die beiden Berliner Internet-Firmen Zalando und Rocket Internet voraussichtlich Anfang Oktober den Weg auf das Börsen-Parkett wagen. Ihnen folgen könnten noch in diesem Jahr der Kabelnetzbetreiber Telecolumbus und der Immobilienhändler TLG-Immobilien.

Es stellt sich für Anleger die Frage, ob es sich lohnt, einzusteigen – und wenn ja, wann: Sollte man schon von Anfang an dabei sein oder erst später Aktien kaufen, wenn sie schon länger an der Börse gehandelt werden? Letzteres wäre beim Börsengang des sozialen Netzwerks Facebook die richtige Strategie gewesen: Die Aktie war im Mai 2012 zum Ausgabepreis von 38 Dollar an die Erstanleger verkauft worden. An der Börse stürzte sie dann bis unter 18 Dollar ab. Erst danach ging es mit dem Papier aufwärts. Heute ist sie mit rund 76 Dollar etwa doppelt so teuer wie zum Zeitpunkt des Börsengangs.

Abwarten und später einsteigen

„Wie sich eine Aktie nach dem Start an der Börse entwickeln wird, ist natürlich nur schwer abzuschätzen“, sagt Michael Kunert vom Anlegerschutzverband SdK. Zumindest für die Aktie des Online-Schuhhändlers Zalando ist er aber recht optimistisch: „Zwar bedeutet ein Investment für Anleger ein gewisses Risiko, weil die Firma noch keine nachhaltigen Gewinne erzielt“, sagt Kunert.

Aber das Geschäftsmodell sei „überzeugend und überschaubar.“ Die hohe Retourenquote, die Zalando immer als Nachteil ausgelegt wird, empfindet er als relativ unproblematisch. „Das ist der Preis, den das Unternehmen dafür zahlen muss, dass es keine teuren Filialen unterhalten muss. Hier spart Zalando enorm an Kosten ein.“ Zalando sei auch ein Kandidat für die Aufnahme in einen Börsenindex wie den TecDax und später auch den MDax. Gelingt das, müssten große Fonds, die diese Indizes abbilden, die Aktie automatisch kaufen, was kurssteigernd wirke.

Rocket Internet: Börsengang ist problematisch

Weniger optimistisch ist Kunert hinsichtlich Rocket Internet. Problematisch sei der Börsengang schon deshalb, weil es sich gar nicht um einen richtigen Börsengang handele. Das Unternehmen will sich nämlich lediglich im Segment Entry Standard notieren lassen, wo es deutlich weniger Informationen preisgeben muss als am geregelten Prime Standard. „Die Anleger kaufen deshalb ein bisschen die Katze im Sack“, so Kunert. Zudem sei die Spannbreite bei Rocket Internet mit den vielen kleinen Start-up-Firmen, die zum Konzern gehören, sehr hoch. „Da sind hohe Gewinne drin, aber auch hohe Verluste“. Die Aktie sei deshalb nur etwas für besonders risikobereite Anleger.

Gute Chancen an der Börse räumt Kunert dem Immobilienunternehmen TLG ein: „Die Nachfrage nach Immobilien und die Preise sind hoch, davon dürften die natürlich profitieren“, sagt Kunert.

Börsengänge könnten anderen Mut machen

Generell hofft Kunert, dass die Börsengänge der beiden Berliner Unternehmen anderen deutschen Firmen den Mut geben, es ihnen gleichzutun. Denn trotz der boomenden Aktienmärkte gab es in den letzten Jahren in Deutschland nur wenige Börsengänge. „Das hängt auch damit zusammen, dass die Zinsen so niedrig sind“, erklärt Kunert. Für Unternehmen sei es deshalb oft lukrativer, sich billig zu verschulden, als Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen, zumal die Ausgabe neuer Aktien den Wert der vorhandenen Aktien reduziert (im Fachjargon: verwässert), weil der Gewinn auf mehr Aktien verteilt werde.

Für Anleger wiederum sei es meist interessanter, sich an Börsengängen zu beteiligen, wenn die Zeiten nicht so gut seien. Dann würden die Firmen den Ausgabepreis in der Regel moderat ansetzen, was entsprechend größere Chancen auf Kurssteigerungen eröffne.

Experte rät, abzuwarten

Jürgen Kurz von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz rät Kleinanlegern, bei den anstehenden Börsengängen abzuwarten, „wenn man sich nicht sicher ist, wie man die Firmen beurteilen soll“. Dann lasse man vielleicht mal ein paar Prozente Kursgewinne liegen und ist bei ersten Kurssprüngen nicht dabei. Aber wenn die Papiere dann etwas länger schon an der Börse gehandelt werden, lasse sich leichter eine Einschätzung über Kauf oder Nichtkauf treffen. Grundsätzlich sei es bei jungen Internetfirmen schwierig, sich eine Meinung zu bilden. „Bei diesen Werten steckt viel Hoffnung drin“, sagte er.

Zalando weise immerhin ein starkes Umsatzwachstum aus und habe auch schon Gewinn erwirtschaftet. Dennoch sei die Bewertung von Zalando deutlich höher als die von Dax-Firmen. Ein Einstieg in diese Aktie sei an die Frage gebunden, ob man glaube, dass das Unternehmen einmal den hohen Bewertungen entsprechen werde. Rocket Internet sei dagegen eine intransparente Holding mit vielen Beteiligungen. Ob die vielen Klonfirmen erfolgreich seien oder sein werden, könne man nicht beurteilen, sagt Kurz.

Von den drei Werten Zalando, Rocket und Alibaba ist seiner Meinung nach das Risiko bei Alibaba noch am geringsten – das Geschäftsmodell funktioniere, auf dem riesigen chinesischen Markt habe man kaum Konkurrenten. Kurz betonte aber auch, dass man von den unseligen Zeiten des Neuen Marktes und einer Dotcom-Blase weit entfernt sei. Viele Unternehmen hätten gezeigt, dass sie im Internet Geld verdienen können.

Philipp Dobbert, Chefvolkswirt der Berliner Quirin-Bank, sagt, dass die Nachfrage der Kunden nach Aktien von Börsen-Neulingen „nach der Enttäuschung des Neuen Marktes und der Telekom-Aktie äußerst begrenzt“ sei. Er hat denn auch eine absolut klare Empfehlung: „Wir raten grundsätzlich davon ab, nur in einzelne Aktien zu investieren.“ Insbesondere in neue Werte an der Börse.