Im Gegensatz zu Berlin ist ist das brandenburgische Zossen ein Steuerparadies für Gewerbe.
Foto: imago/Steinach

PotsdamEs war wie ein Nachbeben. In Berlin hatte man die von Tesla angekündigte Vier-Milliarden-Euro-Investition für eine neue Fabrik in der brandenburgischen Gemeinde Grünheide gerade erst verdaut, da meldeten die Seismografen für Ludwigsfelde heftige Ausschläge: Das US-Unternehmen Microvast will dort eine Produktion für schnellladefähige Batterien aufbauen und zudem seine Europa-Zentrale von Frankfurt am Main nach Ludwigsfelde verlegen.

Im Januar 2021 soll die Produktion dort beginnen. Zunächst investiert Microvast 43 Millionen Euro in die neue Fertigungsstätte. Am Ende soll ein dreistelliger Millionenbetrag nach Ludwigsfelde fließen. 250 Jobs sind versprochen. Es läuft in Brandenburg.

Aus der Berliner Industrie gibt es hingegen schlechte Meldungen: Der Tabakkonzern Philip Morris schließt zum Jahresende sein Werk in Neukölln. Fast 1000 Jobs gehen verloren. Bei Siemens ist zwar ein Zukunftscampus geplant, aber auch dort werden Industriearbeitsplätze ebenso wegfallen wie bei Bosch in Reinickendorf oder Osram in Spandau. Der Leuchtenhersteller beschäftigte einmal dreieinhalbtausend Menschen in Berlin. Jetzt steht die Streichung von weiteren 200 Jobs bevor, 500 werden übrig bleiben.

Verarbeitendes Gewerbe - Umsatz in Millionen Euro.
Graphik: BLZ/Hecher, Quelle: IHK, Amt für Statistik, eigene Recherche

Vorerst, sagen einige an der Nonnendammallee. Nicht wenige rechnen damit, dass der Berliner Osram-Standort aufgegeben wird
Betrachtet man Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg zur Entwicklung der Industrie über einen längeren Zeitraum, so hat sich Brandenburg tatsächlich dynamischer entwickelt als Berlin. Das zeigen vor allem die Umsätze, aber nicht nur.

Während in der Hauptstadt die Zahl der Betriebe im verarbeitenden Gewerbe mit mindestens 50 Beschäftigten von 2005 bis 2018 nahezu unverändert bei knapp 340 verharrte und die Zahl der Jobs hier um etwas mehr als 1000 auf 80.250 stieg, wuchs die Zahl der Industriebetriebe in Brandenburg auf zuletzt 444, die Beschäftigtenzahl um 16.000 auf knapp 83.000.

Symbiotisches Verhältnis

Ist Brandenburg in Sachen Industrie also auf der Überholspur, während Berlin der Sprit ausgeht? Martin Gornig, Forschungsdirektor Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, widerspricht: „Diese getrennte Betrachtung funktioniert nicht“, sagt er. Brandenburg profitiere von Berlin und Berlin von Brandenburg. „Jedes Land wäre um Vieles ärmer ohne das andere.“ Berlin habe das Image, die gut ausgebildeten Leute, die Wissenschaft und Kreativität und Brandenburg vor allem Flächen, die Berlin fehlen, so der Wirtschaftsforscher.  

Tatsächlich haben sich laut Berliner Industrie- und Handelskammer in den Jahren 2013 bis 2018 insgesamt etwa 4000 Firmen aus der Hauptstadt in ein anderes Bundesland verabschiedet. Die meisten gingen, weil sie in Berlin keine oder nur zu teure Flächen für Expansion fanden. Jedes vierte Unternehmen blieb allerdings in der Nähe und zog von Berlin nach Brandenburg.

Die zehn größten Industriearbeitgeber - Anzahl der Beschäftigten
Graphik: BLZ/Hecher Quelle: IHK, Amt für Statistik, eigene Recherche

Steuerparadies Zossen

Trotz des symbiotischen Verhältnisses stehen beide Länder jedoch im Wettbewerb, und Brandenburg nutzt gern seinen Spielraum bei der Gewerbesteuer. Konkret ist es der sogenannte Gewerbesteuerhebesatz, ein von den Kommunen und Gemeinden bestimmter Faktor zur endgültigen Berechnung der Gewerbesteuer.

Während dieser in Berlin 410 Prozent – also Faktor 4,1 – beträgt, liegt er im Land Brandenburg bei durchschnittlich 324 Prozent, was den niedrigsten Satz aller Bundesländer markiert. Folge: Wer sein Unternehmen in Brandenburg statt in Berlin ansiedelt, zahlt 21 Prozent weniger Gewerbesteuer. Im Landkreis Oder-Spree, wo Tesla bauen will, liegt der Hebesatz sogar nur bei 317 Prozent.

„Natürlich ist das ein Wettbewerbsfaktor“, heißt es in der Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg. DIW-Mann Gornig stimmt dem zu, schränkt aber ein: „Image und Infrastruktur sind wichtiger als ein niedriger Preis.“

Der Unterschied zwischen den Gewerbesteuerhebesätzen in verschiedenen Regionen ist groß.
Graphik: BLZ/Hecher Quelle: IHK, Amt für Statistik, eigene Recherche

Dass ein geringer Gewerbesteuerhebesatz aber durchaus als Lockmittel taugt, wird trefflich in Zossen im Landkreis Teltow-Fläming illustriert. Die Stadt, die sich auf ihrer Homepage als „Ihr starker Wirtschaftsstandort“ preist, führt einen „minimalen Gewerbesteuerhebesatz“ als ersten Standortvorteil an und gilt damit längst als das Steuerparadies im „Es-kann-so-einfach-sein“-Land.
Tatsächlich liegt der Satz exakt auf der gesetzlich möglichen Untergrenze von 200 Prozent, was bundesweit nur fünf Gemeinden bieten.

So können Firmen mit der Ansiedlung in Zossen statt in Berlin 51 Prozent der Gewerbesteuer sparen, was freilich auch Briefkastenfirmen anlockte. Die Folge: Hatte Zossen vor 15 Jahren etwa sechs Millionen Euro per Gewerbesteuer eingenommen, so waren es im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro.

Martin Gornig vom DIW sieht dennoch große Chancen für Berlin. „Industrie in der Stadt hat eine Zukunft“, sagt er und meint eine neue Industrieform. „Kleiner, smarter, kundennah.“ Für Großprojekte empfiehlt sich indes Brandenburg. Der Chemiekonzern BASF etwa, der in den USA und Asien bereits Fertigungslinien für Komponenten von Lithium-Ionen-Akkus betreibt, will auch in Europa eine solche Produktion aufbauen. Schwarzheide werden dafür beste Chancen nachgesagt. Es geht um eine Investition im dreistelligen Millionenbereich.