Am Donnerstag geht’s los. Dann ist Anstoß bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Doch nicht nur für die Fußballfans dürfte das Ereignis ein Fest werden, sondern auch für Anleger, die auf den brasilianischen Aktienmarkt setzen. Davon geht jedenfalls Uwe Wiesner vom Berliner Vermögensverwalter Hansen & Heinrich aus. Der ist auf die originelle Idee gekommen, sich anzuschauen, wie sich in der Vergangenheit die Aktienmärkte des jeweiligen Gastlandes der Fußball-WM entwickelt haben.

Das Ergebnis ist beeindruckend: „Wir haben die Börsenentwicklung der Gastgeberländer im Jahr der WM seit 1982 untersucht und konnten feststellen: Regelmäßigkeiten lassen sich erkennen“, sagt Wiesner. Das Wichtigste: Acht Fußball-Weltmeisterschaften haben seitdem stattgefunden, siebenmal ging es im jeweiligen Jahr mit den Börsen des Gastgeberlandes nach oben. Nur ein einziges Mal gab es ein Minus: bei der WM 1990 in Italien. Besonders spektakulär war der Anstieg im Jahr 1986 an der Börse des Gastgebers Mexiko: Damals schossen die Kurse um über 320 Prozent nach oben.

Erst im Herbst einsteigen

Doch Hansen & Heinrich gingen noch einen Schritt weiter. Sie untersuchten auch, wie sich die jeweiligen Börsen des WM-Gastgebers ein Jahr darauf entwickelten, um festzustellen, ob es sich jeweils nur um ein von der WM-Euphorie getragenes Hoch handelte, oder ob die Kursentwicklung nachhaltig war. Und siehe da: Auch im Jahr nach der WM legten die Kurse an der Börse des Gastlandes in sieben von acht Fällen zu. Einzige Ausnahme ist die Entwicklung in Südafrika, wo die Aktienkurse im Jahr nach der WM 2010 nachgaben. Das Minus war allerdings minimal, es betrug lediglich 0,4 Prozent (siehe Grafik).

Die Ergebnisse der Studie lassen ein Engagement am brasilianischen Aktienmarkt aktuell verlockend erscheinen. Doch mit einem Einstieg in Brasilien sollten sich Anleger laut Hansen & Heinrich-Experte Wiesner ruhig noch ein paar Wochen Zeit lassen. Der Vermögensverwalter hat sich nämlich auch angeschaut, wie sich die Kurse im Verlauf der WM-Jahre entwickelt haben und auch dabei Gesetzmäßigkeiten festgestellt: „Im Jahr einer WM notiert die Börse des Gastgeberlands bis zum Beginn meist freundlich, dann setzt eine Korrektur ein, erst später im Jahresverlauf ziehen die Kurse wieder an“, erläutert Wiesner. Seine Erklärung für dieses Phänomen: „Da die WM immer im Juni/Juli stattfindet, spielen saisonale Gründe eine wichtige Rolle. So sei tendenziell das zweite Quartal an der Börse das Beste, das dritte Quartal aber das Schlechteste.

Für den Anleger seien das gute Nachrichten, findet Wiesner: Er könne sich jetzt auf den Spaß der WM konzentrieren und später im Jahresverlauf in Brasilien einsteigen – weil dann, seiner Rechnung zufolge, die Aktien voraussichtlich wieder billiger sein werden: „Nach der kräftigen Rallye seit Februar kann jetzt eine Konsolidierung am brasilianischen Aktienmarkt anstehen“, sagt Wiesner. Die werde womöglich mit dem Beginn der WM einsetzen und bis zum Ende des Sommers andauern. „Anschließend besteht eine gute fundamentale Basis für weitere Kursgewinne weit ins nächste Jahr“, zeigt sich Wiesner überzeugt.

Anleger, die sich nicht nur auf diese Gesetzesmäßigkeiten verlassen wollen, sollten vor einem finanziellen Engagement am Zuckerhut aber die wirtschaftliche Lage in Brasilien unter die Lupe nehmen. Und die ist nicht nur rosig: So stieg das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr 2013 lediglich um 2,3 Prozent – für ein Schwellenland eigentlich viel zu wenig.

Für 2014 ist laut der Investmentbank Goldman Sachs sogar nur mit einer Wachstumsrate von 1,8 Prozent in Brasilien zu rechnen. Viele strukturelle Reformen wurden in den letzten Jahren verzögert. Die Landeswährung Real verlor seit 2011 rund 40 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Euro. Das führte zu Zinsanhebungen durch die Notenbank. Diese wiederum haben das Wachstum weiter gebremst.

Stabiler Binnenmarkt

Entsprechend schwach war auch die Entwicklung an der brasilianischen Börse: Im Vergleich zu Anfang 2011 hat der Aktienmarkt rund 30 Prozent verloren. Wiesner ist aber überzeugt, dass der Tiefststand in diesem Februar erreicht wurde. Seitdem stiegen die Kurse immerhin um rund zehn Prozent. „Es zeigt sich jetzt, dass der Boden erreicht ist. Exporte werden durch die massiv abgewertete Währung begünstigt und die bessere Weltkonjunktur strahlt auch auf Brasilien aus.“

Auch Sven Scherner, Portfoliomanager der Honoris Treuhand GmbH, ist optimistisch für lateinamerikanische Aktien im allgemeinen und brasilianische im besonderen. Die Märkte in diesen Ländern hätten sich erheblich weiterentwickelt. Zudem würden die gestiegenen Einkommen dem Binnenmarkt eine solide wirtschaftliche Basis verleihen, so Scherner.

Weil Brasilien Gastgeber der Fußball-WM in diesem Jahr und der Olympischen Sommerspiele 2016 (in Rio de Janeiro) sei, habe dies zu einem erheblichen Infrastrukturwachstum im Land geführt. „Das dürfte das Wachstum in den nächsten Jahren antreiben und die Grundlage für ein solideres, nachhaltiges und langfristiges Wachstum bilden“, sagt Scherner. Brasilien sei eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. „Der stabile Binnenmarkt und das große Vorkommen an Rohstoffen und Energie machen das Land für Anleger sehr attraktiv.“ Ein großes Problem sei aber die Abhängigkeit von China – dem mit Abstand größten Rohstoffimporteur Brasiliens.

In Brasilien investieren können deutsche Anleger über Investmentfonds und Zertifikate. Nur eine brasilianische Aktie ist momentan an der Frankfurter Börse notiert: die des Rohstoffkonzerns Vale.

Nachdenklich hinsichtlich eines Aktienengagements in Brasilien sollten Anleger allerdings werden, falls Deutschland den WM-Titel holt: Die einzige der letzten acht Weltmeisterschaften, bei der die Börse des Gastlandes im WM-Jahr nicht zulegte, fand 1990 statt. Weltmeister wurde damals Deutschland.