Berlin - In der Debatte um die Zukunft der deutschen Braunkohle rückt nun auch der Gesundheitsschutz in den Fokus. Die Umweltorganisation Greenpeace warf der Bundesregierung am Mittwoch vor, die Gefahren von Quecksilber-Emissionen systematisch zu unterschätzen und zu wenig zum Schutz der Bevölkerung zu tun.

„Braunkohleverstromung ist giftig“

Auf europäischer Ebene unterstütze die Merkel-Regierung hinter den Kulissen Pläne für neue Grenzwerte, die weit hinter dem Stand der Technik zurückblieben, beklagte Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling am Mittwoch in Berlin. „Die Braunkohleverstromung ist nicht nur besonders klimaschädlich, sondern auch besonders giftig“, sagte er. Die Bundesregierung dürfe nicht länger zusehen, wie Braunkohlemeiler tonnenweise Quecksilber ausstoßen. Sie müsse  die Menschen vielmehr vor den Giftstoffen aus den Kohleschloten schützen. 

Schwermetall schadet Menschen und Umwelt

Die Hälfte der Quecksilber-Emission hierzulande geht auf Braunkohle-Kraftwerke zurück. Das Schwermetall gilt als extrem schädlich für Mensch und Umwelt, schwangere Frauen und ihre Kinder sind den größten Gefahren ausgesetzt. Der Stoff kann das Nervensystem schädigen und Herzinfarkte sowie Krebs auslösen. Gelangt er in die Umwelt, reichert er sich weltweit in der Nahrungskette an. An deren Ende steht der Mensch.

Ausstoß könnte eigentlich reduziert werden

Bislang dürfen in Deutschland Kohlekraftwerke täglich bis zu 30 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Abluft ausstoßen. EU-weit soll ab 2020 für Braunkohlemeiler ein Grenzwert von zehn Mikrogramm und für Steinkohle-Anlagen von vier Mikrogramm gelten. Die entsprechenden Beschlüsse dazu will die Gemeinschaft in Kürze fassen. Greenpeace präsentierte am Mittwoch eine Studie, wonach sich der Quecksilber-Ausstoß von Kraftwerken mit modernen Filteranlagen ohne weiteres auf einen Mikrogramm je Kubikmeter Abluft reduzieren ließe. Die Nachrüstung würde die Stromerzeugungskosten lediglich um ein Prozent erhöhen, hieß es.

USA haben strengere Grenzwerte

In den USA gelten seit einigen Jahren strenge Quecksilber-Grenzwerte für Kohlekraftwerke. Diese sind bereits jetzt deutlich niedriger als jene Werte, die die EU erst ab 2020 durchsetzen will. Würde man die US-Vorschriften zugrunde legen, müsste etliche deutsche Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Die geplanten EU-Grenzwerte würden die meisten hiesigen Meiler nach Greenpeace-Angaben zwar schon jetzt erfüllen. Gleichwohl werde das technische Potenzial zur Minderung des Quecksilber-Ausstoßes bei weitem nicht ausgeschöpft.

7300 Kilogramm Quecksilber pro Jahr

In Deutschland werden pro Jahr mehr als 7.300 Kilogramm Quecksilber in die Luft geblasen. Ein großer Teil davon lässt auf zehn Braunkohlemeiler zurückführen. Die größten Quecksilber-Schleudern der Republik waren zuletzt die RWE-Anlagen Neurath und Niederaußem  im rheinischen Braunkohle-Revier mit einem Ausstoß von 667 beziehungsweise 527 Kilogramm pro Jahr. Jeweils mehrere hundert Kilogramm Quecksilber emittierten die Kraftwerke Schkopau (Sachsen-Anhalt/Eon), Weisweiler (Nordrhein-Westfalen/RWE), Jänschwalde (Brandenburg/Vattenfall)  sowie Lippendorf und Boxberg (beide Sachsen/Vattenfall).

Kohlekraftwerke bilden in Deutschland trotz des Ökostrom-Booms weiterhin das Rückgrat der Stromversorgung. Ihr Anteil am Strommix beträgt etwa 44 Prozent. Doch ist insbesondere die Braunkohleverstromung hochgradig umstritten. Bei der Verbrennung des heimischen Rohstoffes werden nicht nur viele Giftstoffe freigesetzt, sondern auch große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid.

Diskussion um Braunkohle-Politik

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat wegen seiner Braunkohle-Politik gerade Ärger mit Gewerkschaften, Länder-Regierungen, Stromkonzernen sowie Teilen der Sozialdemokratie und der Union. Der Minister verlangt von den Kraftwerksbetreibern einen zusätzlichen Beitrag, damit Deutschland bis 2020 seine selbst gesteckten Klimaschutzziele erreicht. Im Gespräch  sind Sonderzahlungen für alte und wenig effiziente Meiler. Gabriels Kritiker lehnen dies ab. Sie fürchten um den Bestand der Anlagen und um die Arbeitsplätze in der Braunkohle.