London - Mit Blick auf die jetzige Erntezeit haben die britischen Beerenbauern mehr Visa für Saisonarbeiter aus der EU gefordert. Es sei noch früh in der Saison. „Wir rechnen jedoch mit einem gewissen Arbeitskräftemangel“, sagte der Chef des Branchenverbands British Berry Growers, Nick Marston.

„Deshalb ist es von zentraler Bedeutung, dass das Innenministerium jetzt zusätzlich 10.000 Visa erteilt, um Verzögerungen zu vermeiden und den Bedürfnissen der hart arbeitenden britischen Beerenbauern und unserer Verbraucher gerecht zu werden“, sagte Marston.

Das Ministerium hatte im Dezember sein Visaprogramm bis 2024 verlängert. Es sieht jährlich bis zu 30.000 Visa für die Gartenbaubranche vor, mit der Möglichkeit von 10.000 weiteren. Erstmals dürfen auch Zierpflanzenbauern Anträge einreichen. Nach Schätzungen des Verbands benötigt die Branche 20.000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Der Anteil der Beerenbauern an den gesamten Saisonkräften betrage normalerweise rund 40 Prozent - das würde bedeuten, dass insgesamt 50.000 Helfer ins Land kommen müssten.

Weniger Rückkehrer nach dem Brexit

Wie viele Arbeitskräfte tatsächlich beschäftigt werden und wie viele noch benötigt werden, konnte der Verband auf Anfrage nicht beantworten und verwies auf die zuständigen vier Personaldienstleister. Von diesen gab es bis zum Freitagnachmittag keine Reaktionen.

Der Brexit hat für die Branche, die einen Jahresumsatz von rund 1,6 Milliarden Pfund (1,9 Mrd Euro) macht, schwere Folgen. Die Saisonarbeitskräfte, die vor allem aus osteuropäischen EU-Ländern wie Rumänien stammen, benötigen seit Anfang 2021 ein Arbeitsvisum, da die britische Regierung die Freizügigkeit abgeschafft hat. Wer bereits zuvor in Großbritannien arbeitete, benötigt kein Visum. Allerdings sei die Zahl dieser Rückkehrer 2021 deutlich unter das erwartete Niveau gefallen, sagte Verbandschef Marston. Es werde befürchtet, dass die Zahlen weiter sinken. Der Status helfe nicht dabei, neue Arbeitskräfte aus der EU anzulocken, sagte Marston. Deshalb sei das Sondervisaprogramm umso wichtiger.

„Die britische Beerenindustrie hat zwar in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Automatisierung gemacht“, sagte Marston. Allerdings seien die Aufgaben auf den Höfen komplex. Sie erforderten unter anderem Roboterhände und seien auch auf künstliche Intelligenz angewiesen. „Deshalb sind wir noch einige Jahre davon entfernt, dass Automatisierung und Robotik auf breiter Basis für die Ernte genutzt werden können.“ Die Sondervisa würden die Lücke schließen, bis Technologie die menschlichen Pflücker ersetzen könne.