Berlin/Nürnberg - Die gute Beschäftigungsentwicklung geht an vielen Jugendlichen vorbei. „Die Herausforderungen am Ausbildungsmarkt werden größer“, stellt die Bundesagentur für Arbeit (BA) fest. Derzeit seien noch 21 000 junge Menschen ohne Ausbildungsstelle. Das sind 5400 oder rund vier Prozent mehr als vor einem Jahr.

Im Ausbildungsjahr 2012/13, das im September zu Ende ging, fuhr die Wirtschaft trotz der robusten Konjunktur die Zahl der Ausbildungsstellen um 1,3 Prozent zurück. Noch stärker sank das außerbetriebliche Angebot, weil Förderprogramme etwa in Ostdeutschland ausliefen und die öffentliche Unterstützung für benachteiligte Jugendliche generell heruntergefahren wurde. Insgesamt wurden den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern 504 500 Lehrstellen gemeldet, knapp zweieinhalb Prozent weniger als zwölf Monate zuvor.

Erstaunlich ist vor allem das nachlassende Interesse der Unternehmen am Nachwuchs, warnen sie doch lautstark vor einem Fachkräftemangel in Deutschland. „Viele Betriebe fallen notgedrungen aus dem Kreis der Ausbildungsbetriebe heraus, weil sie keine Bewerber finden“, sagte Markus Kirsch vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag dieser Zeitung. Dirk Werner vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft spricht von einer „Konsolidierung auf hohem Niveau“. Viele große Unternehmen vor allem in der Industrie hätten lange über Bedarf ausgebildet und führen nun ihre Aktivitäten etwas zurück.

Auch die Bundesagentur für Arbeit beklagt zwar den aktuellen Rückgang, stellt jedoch zugleich fest: „Im längerfristigen Vergleich fällt die Zahl gemeldeter Ausbildungsstellen 2012/2013 aber in West- wie Ostdeutschland hoch aus“. Lange Zeit hätten sich die Chancen für Bewerber tendenziell erhöht. Doch seit 2011 sei keine weitere Verbesserung mehr eingetreten.

Diese Erklärung weisen die Gewerkschaften zurück. Nur noch jeder fünfte Betrieb bilde überhaupt aus, betonte die IG Metall. „Der Ausbildungsmarkt nimmt krisenhafte Züge an“, meinte Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). „Die Betriebe dürfen nicht nur über den Fachkräftemangel und Akademisierungswahn klagen. Sie müssen endlich wieder mehr ausbilden.“ DGB und IG Metall forderten Union und SPD auf, einen Rechtsanspruch für alle Jugendliche mit einem Schulabschluss auf eine dreijährige Ausbildung fest zu schreiben. „Deutschland hat weniger einen Fachkräftemangel als vielmehr einen Ausbildungsmangel“, sagte IG Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall verwies dagegen auf Probleme mit der Qualifikation des Nachwuchses. „Schlechte Schulabschlüsse und mangelnde Ausbildungsreife lassen sich nicht durch einen Rechtsanspruch aus der Welt definieren“, betonte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander.

Für etwas Entspannung könnte die demografische Entwicklung sorgen. Derzeit ist die Konkurrenz unter den Jugendlichen ungewöhnlich stark, weil noch Bewerber aus den doppelten Abiturjahrgängen des Jahres 2012 auf Suche sind. Für die Zeit danach erwartet die Kultusministerkonferenz jedoch, dass die Zahl der Schulabgänger wieder sinkt.

Regional stellt sich die Lage allerdings sehr unterschiedlich dar. Schlechte Aussichten gebe es in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Hessen sowie in Berlin, sagte BA-Vorstand Raimund Becker. Dagegen seien die Perspektiven für junge Menschen in Bayern, an der Ostseeküste und in Sachsen besonders gut. „Hier fällt es den Betrieben mitunter schwer, Auszubildende zu finden.“

Auch zwischen den Branchen sind die Abweichungen enorm. Begehrt sind Stellen bei Dienstleistern und der Industrie. Viele Handwerker wie Fleischer, Bäcker oder auch Einzelhändler tun sich sehr schwer, junge Leute für ihre Berufe zu begeistern. „Es ist schwerer geworden, Bewerber und Ausbildungsstellen zusammenzubringen“, betonte Becker. Die Angebote der Wirtschaft und die Bedürfnisse der Schulabgänger passen immer weniger zusammen – sowohl fachlich als auch regional.