Bundeskongress: Verdis Abwehrkämpfe

Traditionell fallen Bundeskongresse der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft in eine stürmische Saison. Stets im Frühherbst kommen die Verdi-Delegierten alle vier Jahre in Leipzig zusammen, um den Kurs der nächsten Jahre abzustecken. Und natürlich, um ihren Vorsitzenden zu wählen. Der heißt Frank Bsirske, seit es Verdi gibt, also seit 2001. Daran wird auch der sechstägige 4. Verdi-Bundeskongress, der am Sonntag in Leipzig beginnt, nichts ändern. An der Wiederwahl des 63-Jährigen besteht kein Zweifel. Alles weiter wie gehabt?

Keineswegs. Der Eindruck unerschütterlicher Kontinuität täuscht. Die mit gut zwei Millionen Mitgliedern zweitgrößte DGB-Gewerkschaft steuert durch turbulente Zeiten. Die Arbeitswelt ändert sich rapide, im Einzelhandel, im Transportwesen, in der Telekommunikation und selbst im öffentlichen Dienst, um nur einige Beispiele zu nennen.

Amazon wenig beeindruckt

Beispiel bei Amazon. Das US-Unternehmen weigert sich beharrlich, einen Tarifvertrag für seine knapp 10 000 festangestellten Beschäftigten in Deutschland abzuschließen. Der Handelsgigant orientiert sich zwar an den Tariflöhnen der Logistik-Branche, die aber liegen deutlich unter denen des Einzelhandels. Seit mehr als zwei Jahren ruft Verdi immer wieder zu Streiks beim weltgrößten OnlineHändler auf, um die Einzelhandelstarife durchzusetzen. Dabei geht es Verdi nicht nur um Amazon, sondern um Grundsätzliches: nämlich wie künftig Beschäftigte im boomenden Online-Geschäft einzustufen und zu vergüten sind. Verdi fordert, sie nicht schlechter zu stellen als ihre Kolleginnen und Kollegen in stationären Läden.

Was tut Amazon? Wickelt während der Streiks die Bestellungen über Warenlager im Ausland ab, stellt in Stoßzeiten wie dem Vorweihnachtsgeschäft Tausende zusätzliche Hilfskräfte ein und zeigt sich von schlechter Publicity unbeeindruckt. Das funktioniert auch deshalb, weil der gewerkschaftliche Rückhalt bei Amazon und anderen Dienstleistungsfirmen, etwa im Vergleich zur Metall- und Elektroindustrie, traditionell schwach ist. Wenn bei Amazon gestreikt wird, streikt höchstens ein Drittel der Belegschaft. Mit Verdis Erfolgsaussichten steht es mithin nicht zum Besten.

Zweites Beispiel: der Poststreik im Sommer. Daran beteiligte sich zwar ein Großteil der nicht beamteten Zusteller. Millionen Briefe und Pakete blieben liegen. Das eigentliche Ziel des Ausstandes, den Vorstand zur Aufgabe soeben gegründeter Billigtöchter mit rund 50 Prozent geringeren Löhnen zu bewegen, verfehlte Verdi aber.

Basis lehnt Schlichtung ab

Schließlich scheiterte auch der Versuch der Gewerkschaft, Kommunal-Beschäftigte im Erziehungs- und Sozialbereich durch höhere Eingruppierungen mit durchschnittlichen Lohnsteigerungen von 10,5 Prozent generell aufzuwerten. Es gab viele Streiks, aber das Schlichtungsergebnis wurde von der enttäuschten Basis als zu niedrig abgelehnt. Der noch ungelöste Konflikt ist seither auf die Zeit nach dem Verdi-Bundeskongress in den November vertagt. All diese Arbeitskämpfe zeigen, wie sehr die Megatrends der Globalisierung und Digitalisierung heute Konfliktlinien zwischen den Tarifparteien bestimmen. Und sie zeigen, wie schwer es eine Gewerkschaft hat, die großen Entwicklungen im Interesse der Belegschaften zu beeinflussen.

Mehr als drei Viertel aller streikbedingten Ausfalltage seit 2006 gehen nach Angaben des arbeitergebernahen Instituts IW auf das Konto der Dienstleistungsgewerkschaft. Angesichts der jüngsten Misserfolge wirke Verdi „wie ein manövrierunfähiger Tanker auf hoher See“.

Weniger interessengebundene Wissenschaftler gelangen zu weniger negativen Einschätzungen. „Eine Gewerkschaft, die viel streikt, verbucht naturgemäß nicht nur Siege. Sie muss auch Niederlagen einstecken“, sagt Britta Rehder, die an der Uni Bochum Arbeits- und Organisationsforschung lehrt.

Klar sei aber auch: „Verdi muss dicke Bretter bohren“. Probleme gibt es einige: die Konkurrenz durch kleine schlagkräftige Berufsgewerkschaften, Zuständigkeitskonflikte mit großen Industriegewerkschaften wie der IG Metall oder die wachsende Zahl sogenannter Crowd-Worker, die sich als soloselbstständige Gelegenheitsarbeiter ohne jede soziale Absicherung im Internet verdingen.

Dieses digitale Proletariat an Gewerkschaften heranzuführen, zählt zu Verdis Herkulesaufgaben. Nicht von ungefähr ist die Digitalisierung eines der zentralen Themen des Bundeskongresses.