Berlin - Der Gesetzestitel kommt dröge daher, doch der Inhalt bedeutet eine kleine Revolution: Dank des „Gesetzes zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften“ können Ärzte seit Anfang März Schwerstkranken Cannabis auf Kosten der Krankenversicherung verschreiben. Während es am Anfang noch zahlreiche Schwierigkeiten beim Umgang mit dem Gesetz gab, scheint sich neun Monate nach Inkrafttreten die Lage zu normalisieren. Das zeigen neueste Zahlen der Krankenkasse Barmer, die den Zeitungen der DuMont Mediengruppe vorliegen.

Nach Angaben der Barmer haben bis Ende November 2857 Patienten bei der Kasse eine Therapie mit Cannabis beantragt. Die meisten Anträge wurden in Nordrhein-Westfalen gestellt (605), es folgt Bayern (567) und danach bereits Berlin (230). Die Zahl der Anträge pendelte sich pro Monat auf etwa 400 ein. Die Barmer bewilligte 1732 Anträge, also fast zwei Drittel. Ein Drittel (1125 Anträge) wurde abgelehnt.

Geringere Ablehnungsrate als erwartet

Die Ablehnungsrate ist damit geringer, als erste Zahlen aus dem Sommer erwarten ließen: Damals hieß es, die Kassen hätten bis zu zwei Drittel der Anträge negativ beschieden. Begründet wurde das unter anderem mit dem fehlenden Nachweis, dass Behandlungsalternativen erfolglos probiert wurden oder gar nicht in Frage kommen.

Das gab nun auch die Barmer als häufigen Ablehnungsgrund an. Sie wies Anträge auch dann zurück, wenn sie der Ansicht war, dass angesichts des Krankheitsbildes nicht nur der Hausarzt, sondern auch ein Facharzt konsultiert werden muss.

Medizinischer Cannabis „kein Allheilmittel“

„Medizinischer Cannabis ist aus der Versorgung schwer kranker Menschen heute nicht mehr wegzudenken. Es ist aber kein Allheilmittel“, sagte Barmer-Chef Christoph Straub dieser Zeitung. Daher bleibt es immer eine individuelle Entscheidung, bei der für jeden Patienten Nutzen und Risiken möglicher Alternativen gegeneinander abgewogen werden müssten. Nach seinen Angaben wurden zwei Drittel der Anträge mit Hilfe des unabhängigen Medizinischen Dienstes der Krankenkassen bewertet.

Bis zum Inkrafttreten des neuen Gesetzes benötigten Patienten eine Ausnahmegenehmigung, um Medizinalhanf in der Apotheke zu bekommen – auf eigene Kosten. Nur etwa 1000 Schwerstkranken gelang es, eine derartige Genehmigung zu erhalten. Erst nachdem Patienten vor dem Bundesverwaltungsgericht durchsetzten, Cannabis auch selbst anbauen zu dürfen, reagierte die große Koalition: Durch die Neuregelung dürfen Cannabis-Präparate von jedem Arzt verschrieben werden, wenn alle übrigen Behandlungswege ausgeschöpft wurden.

Monatliche Kosten von 500 Euro

Konnten früher nur Fertigarzneimittel mit Cannabis-Wirkstoffen verschrieben werden, sind seit der Gesetzesänderung im März per Rezept auch Cannabisblüten oder flüssige Cannabisblütenextrakte erhältlich. Eine Monatstherapie kostet im Schnitt um die 500 Euro.

Die Wirksamkeit von Cannabis ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Die Studienlage ist eher dünn. Patienten berichten jedoch, dass chronische Schmerzen und die Nebenwirkungen von Chemotherapien gelindert werden. Cannabis wird aber auch bei Appetitlosigkeit, Depressionen und Spastiken erfolgreich eingesetzt.

Problematische Lieferengpässe

Problematisch ist nach wie vor, dass es Lieferengpässe bei Cannabis gibt, weil die Produkte aus Kanada oder den Niederlanden importiert werden müssen. Cannabisblüten aus Deutschland wird es nicht vor 2019 geben. Dazu hat die neue Cannabis-Agentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) in Bonn für den Zeitraum zwischen 2019 und 2022 den Anbau von jährlich etwa 1,5 Tonnen Cannabis ausgeschrieben. Die Ernte wird dann von der Agentur aufgekauft und an Hersteller und Apotheken abgegeben.

Potenzieller Bedarf von vier Tonnen pro Jahr

Ob die Menge ausreicht, ist unklar. Nach früheren Angaben der Regierung benötigten die 1000 Patienten, die eine Ausnahmegenehmigung hatten, 365 Kilogramm Cannabis im Jahr. Rechnet man die Barmer-Zahlen auf die gesamte gesetzliche Krankenversicherung hoch, dann wurden bisher gut 12.000 Anträge bewilligt. Daraus ergibt sich ein Bedarf von mehr als vier Tonnen pro Jahr. Die Cannabisagentur hat aber schon versichert, dass die Unternehmen, die den Zuschlag für den Anbau erhalten, bei Bedarf auch größere Mengen anbauen und liefern können. Zudem sei der Import weiterhin möglich.