Frankfurt - Wenn das kein Durchbruch ist: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Carsharing-Nutzer um ein Drittel auf gut 1,7 Millionen geklettert. Noch deutlicher ging es bei der Spielart Freefloating nach oben. Die Zahl der Nutzer stieg um gut die Hälfte. Rund 1,26 Millionen Autofahrerinnen und Autofahrer nutzen Pkw, die in der Stadt auf ganz normalen Parkplätzen bereit stehen und nach der Fahrt an ebensolchen abgestellt werden.

Freefloating wird seit einigen Jahren von Autobauern offeriert. Marktführer ist Daimler mit seiner Marke Car2Go. Als zweiter wichtiger Anbieter kommt Drive Now hinzu, ein Gemeinschaftsunternehmen von BMW und Sixt. Die Kurzzeit-Mietwagen werden per Smartphone gebucht. Bezahlt wird pro Minute. Die Nutzung von Freefloat-Autos ist billiger als eine vergleichbare Taxifahrt, aber teurer als das traditionelle Carsharing – Autos werden bestimmten Stellplätzen abgeholt und auch wieder dorthin gebracht. Die Kurzzeitmiete ist ein Phänomen, das in den Metropolen zu beobachtet ist. Jüngere Männer sind die wichtigste Nutzergruppe.

Autos als ihre eigenen Werbeträger

Das Erstaunliche am Freefloat-Boom: Er wurde erreicht, ohne neue Städte zu erschließen und ohne die Operationsgebiete zu erweitern. Es ist endlich eingetreten, worauf die Manager seit Jahren hinarbeiten. Die Autos werden zur Kurzzeitmiete immer intensiver genutzt. Wie das erreicht wurde? Ganz einfach. Die Autos selbst sind ihre besten Werbeträger. „Wir sehen die größten Zuwächse in den Städten, wo die Fahrzeuge im öffentlichen Raum präsent sind“, sagt Gunnar Nehrke, Sprecher den Bundesverbandes Carsharing (BCS). Davon hätten dann schließlich auch die stationsbasierten Angebote profitiert. Doch deren Wahrnehmbarkeit müsse künftig noch verbessert werden.

Carsharing ist keine neue Idee. Das Teilen von Autos wurde einst in der Öko-Szene ersonnen. Jahrzehntelang ging es zwar nach oben. Doch das passierte alles sehr langsam und auf niedrigem Niveau. Mit dem Freefloating, das um das Jahr 2012 in die Gänge kam, steigerten sich die Wachstumsraten merklich. Einen derart großen Sprung wie im vergangenen Jahr hat es allerdings noch nicht gegeben. Bei Drive Now hat das bedeutet, dass die Flotte an die steigende Mitgliederzahl angepasst und um 20 Prozent erhöht“ wurde, so die BMW-Sixt-Tochter. 

Der stetige Zuwachs in Städten, wo Drive Now schon länger präsent sei, zeige, dass „hier weiterhin viel Entwicklungspotenzial für Freefloating-Carsharing liegt“, sagt Geschäftsführer Sebastian Hofelich. Man werde den Service ausbauen und ihn auch in weiteren europäischen Städten anbieten, um „eine Lücke im Mobilitätsangebot“ zu schließen. Hofelich hebt dabei hervor, dass es sich um ein stabiles und wirtschaftlich nachhaltiges Mobilitätsangebot handele. Schon Mitte 2014 sei die operative Profitabilitätsschwelle erreicht worden.

Car2Go will Flotte ausweiten

Auch der größere Rivale setzt auf Expansion „Wir werden unser Geschäft deutlich ausweiten – mit neuen Flotten, neuen Angeboten, und neuen Produkten“, sagte kürzlich Car2Go-Chef Olivier Reppert. Sein Unternehmen tritt vor allem mit blau-weißlackierten Smarts an. Doch im vergangenen Jahr wurden unter anderem auch Fahrzeuge der A-Klasse und der GLA offeriert. Drive Now hat Minis, den 1er, den X1 und das Elektroauto i3 im Angebot. Deshalb sieht Hofelich sein Unternehmen auch als „starken Treiber“ für Elektromobilität. Kein anderer Anbieter in Deutschland habe bislang so viele Menschen fürs elektrische Fahren sensibilisiert und begeistert. Insgesamt kämen bislang rund 900.000 Fahrten zusammen.

Am Fahrzeug-Angebot entzündet sich aber immer wieder Kritik. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) etwa kritisiert, die hohen Ruß-Emissionen des Smart-Benziners, mit dem Car2Go-Nutzer durch die Straßen kurven. Außerdem wird den Autobauern vorgeworfen, dass das Carsharing Marketing für die sogenannten Premiumautos sei – jede Fahrt ist immer auch eine Probefahrt. Dies bestreiten die Anbieter allerdings nicht.

Streit um Umweltbilanz

Noch heftiger wird über den generellen ökologischen Nutzen diskutiert. DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch kritisiert, dass mit den Freefloating-Angeboten Bussen und Bahnen Kunden weggenommen würden. Auch sei es nicht richtig, dass sich durch das Angebot der Kurzzeit-Automiete die Zahl der Pkw in den Städten reduziere. Drive Now widerspricht und verweist auf eine Langzeitstudie, wonach ein Wagen der eigenen Flotte schon heute drei private Pkw ersetze. BCS-Sprecher Nehrke betont indes, dass unter den Freefloat-Nutzern nur 43 Prozent keinen eigenen Pkw mehr haben. Bei den Kunden der stationären Autoteiler seien es hingegen 78 Prozent.

Und wie ist das mit der sogenannten Kannibalisierung der öffentlichen Verkehrsmittel? Nehrke verweist dabei auf eine Faustformel: Je vielfältiger das Angebot an alternativen Verkehrsmitteln sei, umso eher seien Leute bereit, auf ihr Auto zu verzichten.