Berlin - Dass der Versandhandel boomt, ist nicht nur an Umsatzzahlen ablesbar, sondern auch im Straßenverkehr zu spüren. Allein DHL liefert an einem Werktag im Land rund fünf Millionen Pakete aus. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr etwa 3,5 Milliarden Sendungen transportiert. Die großen Zusteller DHL, Hermes, DPD und GLS haben dafür mehr als 90.000 Transporter im Einsatz. Branchenprognosen zufolge sollen in neun Jahren bereits neun Milliarden Päckchen und Pakete verschickt werden. Macht man dabei so weiter wie bisher, wird die Zahl der Lieferwagen auf den Straßen ebenfalls auf fast das Dreifache steigen. Auch in Berlin.

Für Julius Menge ist das eine Horrorvorstellung. Der promovierte Geograph will nicht mehr Kfz-Verkehr in Berlin, sondern weniger. In der Berliner Senatsverkehrsverwaltung am Köllnischen Park in Mitte treffen wir ihn in einem kleinen Büro mit Fenster zum Innenhof. Hier befasst sich der 42-Jährige mit dem Wirtschaftsverkehr in dieser Stadt, der immerhin 30 Prozent des gesamten Kfz-Verkehrs ausmacht. Vor allem im Paketzustellgeschäft will Menge die Transformation der Fahrzeugflotten vorantreiben. „In Innenstadt-Quartieren muss kein Zusteller mit einem Transporter unterwegs sein“, sagt Menge. Seine Alternative: das Lastenrad.

Mikro-Depots dienen als Zwischenlager

Dafür hat der Verkehrsstratege vor etwa zwei Jahren zum Test die Einrichtung eines sogenannten Mikro-Depots in der Innenstadt initiiert. Dies ist ein Zwischenlager, in das Paketversender die Fracht bringen, um die Sendungen dann leise, emissionsfrei und ohne Fahrspur-Blockade durch Parken in der zweiten Reihe per Lastenrad zu verteilen. „Seit Generationen wird darüber gesprochen, wir haben es endlich mal gemacht“, sagt Menge.

Im Sommer vergangenen Jahres wurden im Test-Depot an der Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg die ersten Pakete in E-Cargobikes verladen, um sie im Umkreis von etwa drei Kilometern zu verteilen. Alle großen Versender haben sich an dem Test beteiligt: DHL, Hermes, GLS, DPD, UPS.

Bilanz nach zwölf Monaten: Mit elf Lastenrädern wurden insgesamt 160.000 Pakete ausgeliefert und damit 28.000 Transporter-Kilometer vermieden, bei denen 4139 Liter Diesel verbrannt worden wären. Allein Hermes stellte während dieser Zeit etwa 58.000 Pakete per Lastenrad zu und hatte so drei bis fünf klassische Lieferwagen weniger im Einsatz.

Tausende Kilometer könnten eingespart werden  

„Es geht“, sagt Menge. Inzwischen sind weitere Mikro-Depots vorgesehen. In den fünf Jahren sollen bis zu zehn solcher Umschlagplätze für den Cargobike-Verteilverkehr in Berlin entstehen. Damit könnten rund eine Viertel Million Kilometer Kfz-Wirtschaftsverkehr vermieden werden, rechnet der Verkehrsplaner hoch. Laut Menge müssten die Depots von der Stadt betrieben werden. Die Versender wären die Nutzer.

Tatsächlich steckt einiges Potenzial im Lastenrad. Es gibt Studien, nach denen 50 Prozent aller Gütertransporte in europäischen Städten durch verschiedene Fahrradtypen einschließlich E-Lastfahrräder ersetzt werden können. Andere beziffern die Ersatzquote durch Cargobikes auf 20 Prozent. Menge will sich für Berlin auf keine Zahl festlegen. Die Einsatzfelder seien zu vielfältig und auch situationsabhängig, um das in einer Zahl fassen zu können, sagt er. Das Lastenfahrrad habe seine Vorteile auf kurzen Strecken. Paketzustelldienste passten da wie zugeschnitten.

500.000 Euro Förderung vom Senat geplant

Für Menge sind die Einsatzmöglichkeiten des Cargobikes damit aber längst nicht erschöpft. Schornsteinfeger, Klempner, Maler zählt er auf. In fast jedem Betrieb könnte ein Lastenfahrrad zur Flotte gehören, sodass man sich dann für das jeweils sinnvollste Transportmittel entscheiden kann, sagt er. „Im Gegensatz zum Auto verursacht es auch keine laufenden Kosten“, so Menge.

Zudem wird die Anschaffung des Kfz-Ersatzes gefördert. 200.000 Euro machte der Senat dafür im vergangenen Jahr locker, von denen 70.000 Euro an gewerbliche Nutzer flossen. Für dieses und auch für das nächste Jahr sind jeweils 500.000 Euro als Lastenrad-Förderung eingeplant. Menge hofft zudem auf die gerade laufende Novellierung der Straßenverkehrsordnung, nach der auch das Parken in zweiter Reihe teurer werden soll. „Das dürfte dem Lastenrad im Zustelleinsatz einen Schub verleihen.“

Start-up Labor in Treptow

Darauf hofft man auch im sogenannten Motionlab, einem Coworking-Space samt Maschinenpark und Werkstatt, der sich in zwei alten Fabrikhallen in Treptow eingerichtet hat. Hier sind Start-ups zu Hause, die nach dem Automobilersatz suchen. Das Unternehmen Citkar etwa arbeitet bereits seit 2013 an umweltfreundlichen Transportmitteln für Innenstädte. Inzwischen steht das vierrädrige Lastenrad namens Loadster kurz vor der Serienreife. Im nächsten Frühjahr soll die Produktion beginnen. Montiert werden die Fahrzeuge in den VfJ-Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen in Neukölln. Eigenen Angaben zufolge haben bereits 20 Firmen Bestellungen unterschrieben. Im nächsten Jahr sollen 2000 Bikes produziert werden.

In der Halle nebenan ist das Start-up Onomotion untergekommen. Gegründet wurde es 2016 von dem Fahrzeugtechniker Philipp Kahle, dem BWLer Beres Seelbach und dem Designer Murat Günak, der in seinem früheren Berufsleben Automobile für Peugeot, Mercedes und Volkswagen kreierte. Nun verpackt der Vater des Mercedes SLK nicht mehr Kompressor-Aggregate, sondern Hybridantriebe mit Tretlager und Elektromotor.

Das Lastenrad Ono hat die 14-köpfige Firma inzwischen zur Vorserienreife gebracht. Seit dem Sommer werden zwei Fahrzeuge unter anderem bei den Lieferdiensten Hermes, Liefery und GLS im Praxiseinsatz getestet. Auch die Firma Brillux nutzte das Container-Dreirad für den Farbenversand an Maler-Betriebe. „Wir bekommen Anfragen von Firmen, die wir ursprünglich gar nicht auf dem Schirm hatten“, sagt Ono-Chef Seelbach und führt Elektriker oder Wäschereidienste an. „Wer heute mit einem VW Caddy unterwegs ist, für den sind wir eine Alternative.“

Cargo-Bikes sollen vermietet werden

Rund zwei Millionen Euro hat die Entwicklung des Fahrzeugs bislang verschlungen. 350.000 Euro kamen per Crowdfunding zusammen. Darüber hinaus hat Ono Investoren an Bord, über deren Engagement man keine Auskunft geben möchte. Die Produktion soll spätestens im Sommer nächsten Jahres bei einem großen Automobilzulieferer starten, dessen Namen man noch nicht nennen will.

Ono will seine Cargobikes nicht verkaufen, sondern bietet sie als Service-Paket inklusive Wartung und Akku-Management an. So soll ein Laster samt 2,1-Kubikmeter-Container knapp 600 Euro im Monat kosten. Bei Ono ist man dabei zuversichtlich. 200 Fahrzeuge sollen in den ersten zwölf Produktionsmonaten ausgeliefert und in Berlin eingesetzt werden. Geht die Rechnung auf, werden danach weitere Städte bedient und dort Service-Netze aufgebaut. Längerfristig rechnet Beres Seelbach mit eine Jahresproduktion von mindestens 10.000 Bikes pro Jahr. „Wir wollen kein Nischenanbieter bleiben. Wir wollen verändern.“