Die Deutschen lieben ihr Bargeld: Mit ihm zahlen 91 Prozent ihr Mittagessen, Taxifahrten werden von 92 Prozent bar bezahlt und 77 Prozent legen in Restaurants grundsätzlich Scheine auf den Tisch. Auch am Imbiss und der Kaffee im Becher werden von 91 Prozent in klingender Münze bezahlt. Generell werden Kleinstbeträge bis zehn Euro von 94 Prozent der Befragten in bar beglichen.

Die gefühlte Freiheit durch Bargeld

Das ergab Ende letzten Jahres eine Umfrage der Bank Ing-Diba. Die Ergebnisse zeigen: In kaum einer anderen westlichen Nation wird noch so oft mit Bargeld bezahlt wie in Deutschland. Aber: Banken und manche Politiker würden die Geldscheine und Münzen in Deutschland am liebsten abschaffen. Teuer in Herstellung, Verteilung und Überwachung sei das Bargeld, sagen die Banken. Und: Ohne Bargeld könnten Kriminelle nicht so ungehindert ihre dunklen Geschäfte wie Drogenhandel, Korruption oder Geldwäsche betreiben, sagen Politiker.

Was denken die Bürger? Die Deutschen lehnen die Idee einer bargeldlosen Gesellschaft mehrheitlich ab. Zu groß ist das Misstrauen vor der totalen Kontrolle mithilfe der digitalen Daten, zu stark der Wille, an der gefühlten Freiheit des Bargeldes festzuhalten.

Die Mentalität der Schweden

Aber warum fürchten sich die Schweden nicht vor der vollständigen, persönlichen finanziellen Transparenz? Das skandinavische Land wird stets als Beispiel genannt, in dem die verordnete Bargeldlosigkeit offenbar bereitwillig umgesetzt wird. 

Als die schwedische Reichsbank vor einiger Zeit fragte „Wie hast du zuletzt bezahlt?“ antworteten 70 Prozent mit „Karte“ und 15 Prozent mit „cash“. Vom Busticket bis zum Essen im Restaurant, von der Zeitung am Kiosk bis zur Kollekte in der Kirche – alles kann und wird von den Nordeuropäern inzwischen mit Karte bezahlt. Und die Schweden tun das – zum Erstaunen der Deutschen - auch noch gern. Ebenso übrigens die Dänen, denen schon vorausgesagt wird, die erste wirklich bargeldlose Nation der Welt zu werden.

Einerseits liegt das an der Mentalität der Skandinavier, deren Verhältnis zu ihren sozial agierenden Regierungen stärker von Vertrauen geprägt ist als in Deutschland. Die Angst vor Datenmissbrauch ist gering und wird selten thematisiert. Stattdessen ist man eher geneigt, den Kampagnen der schwedischen Gewerkschaft der Finanzdienstleister zu glauben, die mit Sprüchen wie „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“ oder „Bargeld braucht nur noch deine Oma ‒ und der Bankräuber“ wirbt.

Gemeinsame Bezahlsysteme sind der Schlüssel

Andererseits haben die nordischen Geldinstitute gemeinsame Bezahlsysteme entwickelt, die Nutzern das bargeldlose Leben leicht machen. Besonders gut angenommen werden die Mobilepay-Apps, die aus dem Smartphone ein digitales Portemonnaie machen. Einer Studie der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte zufolge zahlt inzwischen fast jeder dritte Däne und etwa jeder vierte Schwede im Laden mit dem Handy. Smartphone-Apps werden auch genutzt, um Freunden und Bekannten Geld zu überweisen oder Ebay-Einkäufe zu bezahlen.

In den USA ist Bezahlen mit Kreditkarten schon seit Jahrzehnten ganz normal und praktisch immer und überall möglich. Das Bezahlen mit dem Smartphone wird lediglich als konsequente Weiterentwicklung gesehen und gern genutzt.

Interessant dürfte die Entwicklung in Indien werden. Das Schwellenland erklärte Ende 2016 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die beiden größten Geldscheine für ungültig, um Korruption und Schattenwirtschaft einzudämmen. Auch die Zukunft soll bargeldlos werden. Aber wie soll das in einem Land gelingen, in dem Millionen Menschen ohne fließend Wasser und Strom leben und die Hälfte der Einwohner nicht einmal über ein Bankkonto verfügt? (kra/BLZ)