Berlin - Die aktuelle Lage bei den Corona-Erkrankungen sei ernst zu nehmen, aber „kein Grund zu Angst und Panik“. Dies sagte Stefan Willich, der Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité, der Berliner Zeitung. Willich: „Wir haben zum Glück bisher eine geringe Auslastung der Krankenhäuser. Es gibt zwar einen Zuwachs bei den Infektionen, aber viele der positiv getesteten Personen sind entweder nicht erkrankt oder haben nur geringe Symptome.“ Das Berliner Gesundheitssystem habe „viel Luft, bis die entsprechende Ampel auf Rot springen müsste“, so Willich.

Für Willich ist der rationale Umgang mit dem Virus entscheidend: „Wir müssen uns daran gewöhnen, mit dem Virus zu leben. Es wird nach meiner Einschätzung noch mindestens ein Jahr dauern, bis wir einen Impfstoff haben, der ausreichend getestet, wirksam und sicher ist. Wahrscheinlich sogar eher länger, wenn wir die bisherigen Erfahrungen nehmen.“ Willich glaubt, dass für Deutschland Maßnahmen wie Mindestabstand und, wenn das nicht möglich ist, Mund-Nasen-Schutz sowie Hygiene und die konsequente Nachverfolgung von Kontakten bei bestätigten Infektionen ausreichend seien: „Wenn wir diese Regeln einhalten, dann kann uns in Deutschland nicht viel passieren.“ Es bestehe keine Notwendigkeit, „über einen Lockdown zu diskutieren“.

Tests und Impfungen schwerpunktmäßig in der Corona-Risikogruppe

Willich verweist auf die Fakten: „Die Fallsterblichkeit liegt bei ca. 0,3 Prozent aller infizierten Personen, wie eine aktuelle zusammenfassende Analyse der bisherigen Studien zeigt. Valide Daten gab es schon im Frühjahr von den Schiffen, die anfangs betroffen waren – ein Kreuzfahrtschiff und ein Flugzeugträger. Die Sterblichkeit auf dem Kreuzfahrtschiff war ungefähr 1 Prozent, weil viele ältere und Menschen mit Vorerkrankungen betroffen waren. Auf dem Flugzeugträger, wo es lauter junge und gesunde Männer gab, gab es keine Todesfälle. Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Für die Hochrisikogruppe der älteren Bevölkerung mit medizinischen Vorerkrankungen ist das Virus um ein Vielfaches gefährlicher als eine Grippe, für die Jüngeren dagegen ist das Virus sogar weniger gefährlich als eine Grippe.“ Daher müssten auch die Maßnahmen zu Eindämmung entsprechend differenziert erfolgen. Willich: „Wir müssen die Risikogruppen besonders gut schützen, wobei auch hier gilt, dass jeder einzelne selbst entscheiden sollte, welchem Risiko er sich aussetzen möchte.“

Auch Tests und Impfungen (wenn verfügbar) sollten daher schwerpunktmäßig und zielgerichtet in der „Risikogruppe“ erfolgen. Dies sei auch notwendig, um die Ressourcen richtig einzusetzen. Er gibt zu bedenken, dass auch „Einschränkungen durch Corona-Maßnahmen nicht frei von Nebenwirkungen seien“. Daher mahnen mittlerweile viele Ärzte zu „Nüchternheit und Gelassenheit“. Willich: „Wirtschaftliche Restriktionen bieten erhebliche Risiken für die Gesundheit. Es sind nicht nur die Folgen von materiellen Verlusten. Auch psychische Folgen einschließlich Alkoholismus, Angststörungen und Depressionen sind zu beobachten, wenn die Menschen ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage verlieren.“ Es sei außerdem besonders wichtig, „Kinder und Jugendliche in die Lage zu versetzen, ein möglichst normales Leben zu führen“. Willich: „Wenn wir nicht aufpassen, kommen unsere Kinder unter die Räder, denn sie haben keine wirkliche Lobby.“

Im Umgang mit dem Virus stellt Willich zudem fest, dass durch die Corona-Pandemie - wie auch bei vielen anderen Erkrankungen zu beobachten - die schlechter gestellten sozio-ökonomischen Schichten stärker betroffen sind: „Viele verstehen die Regeln nicht und können sich daher auch nicht angemessen schützen. Das war zum Beispiel in Israel zu beobachten, wo arabische Großfamilien und ultraorthodoxe Familien vom Virus stärker betroffen waren als andere Teile der Gesellschaft.“ Daher müsse in diesen „schlechter gestellten Milieus die Aufklärung intensiviert werden“, soll Willich. Es sei wichtig, auf Freiwilligkeit zu setzen, weil nur so die Maßnahmen über einen längeren Zeitpunkt akzeptiert und daher auch praktiziert würden.