Es scheint eine gegenseitige Win-Win-Situation zu sein, die jedoch eine wachsende Abhängigkeit Russlands von asiatischen Nachbarn aufweist.

Russland habe allein im Mai so viel Öl nach China verkauft wie noch nie, meldete die Zollbehörde in Peking am Montag, und sei damit zu Chinas größten Öl-Lieferanten aufgestiegen. Das heißt, aus keinem anderen Land importiert jetzt China genauso viel Öl wie aus Russland.

Insgesamt habe China im Mai fast 8,42 Millionen Tonnen Rohöl aus Russland importiert, was knapp zwei Millionen Barrel pro Tag ausmache und und 55 Prozent mehr sei als vor einem Jahr. Ein Grund dafür sind unter anderem die Rabatte, die Russland ihren Partnern anbietet.

Damit hat Russland sogar Saudi-Arabien als Chinas bisher größten Öl-Lieferanten abgelöst. Doch die Tendenz gilt auch umgekehrt: auch China entwickelte sich in den letzten 100 Tagen der russischen Invasion in der Ukraine (vom 24. Februar bis zum 3. Juni) zum größten Abnehmer aller fossilen Brennstoffe (Pipeline- und LNG-Gas, Erdöl und Produkte, Kohle) aus Russland. Das heißt, in kein anderes Land liefert Russland so viele Brennstoffe wie nach China. Diese Erkenntnis geht aus einer aktuellen Analyse des Forschungszentrums für Energie und saubere Luft mit Sitz in Helsinki, Finnland, hervor.

China überholt Deutschland

Damit habe China Deutschland als größten Importeur russischer fossiler Brennstoffe überholt, heißt es weiter in der Analyse. Diese vollendete Tatsache ist unter anderem auf die Reduzierung der russischen Ölimporte durch Deutschland zurückzuführen.

Trotz der westlichen Sanktionen konnte Russland jedoch alleine in den ersten 100 Tagen des Krieges über 93 Milliarden Euro aus den Energieexporten kassieren; China als größter Importeur soll dabei insgesamt 12,6 Milliarden Euro an Russland gezahlt haben. Darauf folgen Deutschland mit 12,1 Milliarden Euro und Italien mit 7,8 Milliarden Euro, die in die russischen Kassen flossen. Die EU-Länder zahlten insgesamt rund 57 Milliarden Euro an an Russland, was 61 Prozent russischer Einnahmen aus den Energieexporten ausmachte.

Dabei lassen sich die russischen Einnahmen aus den Energieexporten auf folgende Weise einteilen:

Für das Rohöl: rund 46 Milliarden Euro, oder 49 Prozent aller Rohstoff-Einnahmen;

Für das Pipeline-Gas: 24 Milliarden Euro, oder 26 Prozent;

Für die Ölprodukte, das LNG-Gas und die Kohle entsprechend 13, 5,1 und 4,8 Milliarden Euro.

Insgesamt sind Russlands physische Exportvolumen im Mai im Vergleich zur Zeit vor der Invasion um 15 Prozent gesunken, weil viele Länder, vor allem die USA und Polen, deutlich weniger bei Russland einkauften. Das Land konnte im Mai auch etwas weniger Geld mit den Exporten verdienen, als noch im März, aber trotzdem mehr, als noch vor der Invasion im Januar, geht weiter aus der Analyse hervor. Trotzdem bleiben russische Exporteinnahmen auf Rekordniveau, so die finnischen Analysten, weil Russlands durchschnittliche Exportpreise mit allen Rabatte durchschnittlich 60 Prozent höher waren, als im Vorjahr.

Indien importiert deutlich mehr Öl aus Russland - und kauft es nach Europa weiter?

Interessanterweise kaufte zuletzt Indien mit 18 Prozent russischer Ölexporte so viel Öl aus Russland wie noch nie. „Ein erheblicher Teil des Rohöls wird als raffinierte Ölprodukte wieder exportiert, unter anderem in die USA und nach Europa, ein wichtiges Schlupfloch, das es zu schließen gilt“, warnen die finnischen Analysten. Zuletzt hatten mehrere Medien über die indischen Mega-Deals berichtet.

Wie Reuters am Wochenende auf Berufung auf vertrauliche Informationen der indischen Regierung mitteilte, soll Indien im Zeitraum zwischen dem 27. Mai und dem 15. Juni die Kohle-Lieferungen aus Russland um das Sechsfache und die Öllieferungen sogar um das 31-Fache im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2021 gesteigert haben. Russland bietet demnach indischen Importeuren Rabatte von bis zu 30 Prozent an. Nicht zuletzt erhöhte auch Frankreich Importe vom russischen Öl zu reduzierten Preisen in den ersten 100 Tagen Ukraine-Krieg, so eine weitere Erkenntnis des des finnischen Forschungszentrums.

Doch so leicht haben es die russischen Öllieferanten trotzdem nicht. Die größte Herausforderung liegt für sie am Bedarf an noch mehr Tankerkapazitäten, um die Ware in weitentfernte Märkte zu transportieren. Im April und Mai wurde das russische Öl zu 68 Prozent mit Schiffen transportiert, die Unternehmen aus der EU, dem Vereinigten Königreich und Norwegen gehörten. 97 Prozent der eingesetzten Tanker waren demnach in drei Ländern versichert: Großbritannien, Norwegen und Schweden.