Sein Büro in der Nähe der Binnenalster in Hamburg ist absolut nüchtern gehalten: keine Kino-Plakate, keine Laser-Schwerter, keine Konterfeis von Hollywood-Stars. Das braucht Christian Gisy, Chef von Deutschlands zweitgrößter Kinokette, auch nicht, denn er trifft Schauspieler wie Angelina Jolie und Brad Pitt bei Premierenfeiern persönlich. Der sportliche Kino-Manager hat ein großes Privileg: Neue Filme kann er sich lange vor der Publikums-Aufführung ansehen, allein im großen Saal. Aber er bevorzugt das Erlebnis mit vielen Zuschauern – wenn gemeinsam gelacht oder der Atem vor Spannung angehalten wird. Nur Quatschen im Kino kann er nicht leiden. Zu Recht.

Herr Gisy, geht Kino auch ohne Popcorn?

Ausgeschlossen! Wenn ich mit meinen beiden Jungs einen Film ansehe, dann nehme ich die Jumbo-Packung. Das sind zwölf Liter. Die teile ich mir mit dem einen, der andere nimmt lieber Nachos und darf mal in unsere Tüte greifen.

Wie wichtig ist die Gastronomie für Ihr Unternehmen?

Der Ertrag ist größer als im Ticketverkauf.

Also muss es erstes Ziel sein, den Verkauf an der Theke anzukurbeln, wenn der Besucher schon ins Kino kommt?

Natürlich versuchen wir, den Umsatz zu erhöhen. Grundsätzlich wollen wir aber dem Besucher ein Wohlfühl-Erlebnis verschaffen. Damit er wieder zu uns kommt – und vielleicht auch mehr konsumiert.

Im Durchschnitt gab 2012 jeder Besucher bei Ihnen 12,52 Euro aus, davon etwas mehr als ein Viertel für Snacks und Getränke. Wie lässt sich dieser Anteil steigern?

Das ist endlich. Man kann die Menge kaum steigern, man kann die Preise kaum erhöhen. Es ist auch nicht gelungen, zu Popcorn und Coca-Cola vergleichbare Produkte zu platzieren. Wir erweitern schon die Produktpalette mit Hotdogs und Currywurst, aber das findet bei weitem nicht so großen Zuspruch wie Popcorn. Es macht auch keinen Sinn, zum Beispiel Sushi anzubieten.

Cinemaxx hatte 2012 wie die gesamte Kinobranche ein Rekordjahr. Lag's am Wetter oder an besonders vielen guten Filmen?

Es liegt immer an den Filmen. Haben wir gute Ware, haben wir gute Besucherzahlen; haben wir schlechte Ware, sind die Besucherzahlen schlecht. Das Wetter und solche Ereignisse wie eine Fußball-WM oder EM spielen eine Rolle, aber man darf sie auch nicht überbewerten, da letzteres zudem durch uns eingeplant werden kann.

Letztes Jahr war „Ziemlich Beste Freunde“ der Top-Film. So einen Kassenschlager braucht man jedes Jahr?

Ja, einen wirklich herausragenden Film, oder viele Filme, die eben sehr gut sind. Auch wenn es in diesem Jahr bisher nicht so aussieht, als ob ein Film den Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ wiederholen könnte, bin ich doch optimistisch, dass wir die Zuschauerzahlen des Vorjahres wieder erreichen.

Erreichen oder übertreffen?

Wenn wir sie erreichen, wäre das schon ein sehr gutes Ergebnis. Das hieße nämlich, dass die gesamte Kinobranche zum zweiten Mal hintereinander über die Marke von 130 Millionen Besuchern käme.

Sie haben jetzt mit zwei kanadischen Pensionsfonds neue Eigentümer. Solche Fonds sind stark renditeorientiert. Steigen nun die Ticketpreise noch stärker als bisher schon?

Unsere Preise setzen wir unabhängig von unseren Eigentümern. Zudem widerspreche ich der These, dass Ticketpreise hoch sind. Im Vergleich zu anderen Freizeitaktivitäten sind die Preise absolut angemessen. Wann waren Sie das letzte Mal im Freizeitpark oder auf einem Volksfest? Was geben Sie dort in drei Stunden aus – und dann sind Sie oft noch lange nicht so gut unterhalten.

Ihre Kette setzt auf Massengeschmack, viel Action, viel Fantasy. Kann man nur damit die großen Säle von Cinemaxx füllen?

Nehmen wir als Beispiel Cinemaxx am Potsdamer Platz in Berlin. Das sind 19 Säle. Da macht Mainstream 60 Prozent des Angebots aus. Aber 40 Prozent sind Crossover, Arthouse. Also anspruchsvolle Autorenfilme, nicht nur Massengeschmack. Was läuft, hängt auch vom Standort ab.

Was unterscheidet den Besucher in Sindelfingen von dem in Berlin?

In Sindelfingen mit neun Leinwänden macht es keinen Sinn, in zwei Sälen Arthouse zu zeigen. Das rentiert sich nicht. Im Cinemaxx am Potsdamer Platz können wir mit unseren 19 Kinosälen hingegen mit täglich bis zu 52 Filmen eine enorm große Filmauswahl bieten – die in ihrer Vielfalt deutschlandweit einzigartig ist. Und das Angebot wird entsprechend angenommen, da es in seiner Breite das Interessensspektrum einer Großstadt wie Berlin abgreift. In Stuttgart oder Köln ist das schon wieder anders. Die ersten fünf Filme auf der Top-Liste spielen wir aber überall. Danach muss man schauen, welche Zielgruppe man erreicht.

Was ist der ideale Film?

Das sind natürlich die James Bonds dieser Welt, die Hobbits, oder solche Filme wie „Fast & Furious“ mit schnellen Autos und schönen Frauen. Am besten in 3D und HFR ...

... also 48 Bilder pro Sekunde statt der herkömmlichen 24.

Das ist ein tolles Seh-Erlebnis und wurde bei „Der Hobbit“ – der erste Film, der in dieser innovativen Technik gedreht wurde – unglaublich bei uns nachgefragt. Sie sehen sofort den Unterschied zu den 24 Bildern. Ende des Jahres ist es mit dem zweiten Teil der Hobbit-Trilogie dann wieder so weit, dass wir einen Blockbuster in 3D HFR anbieten können.

Ich hatte bei einigen Filmen eher den Eindruck, dass 3D überflüssig ist.

Da stimme ich Ihnen zu.

Und dass es vor allem darum ging, höhere Preise zu rechtfertigen.

Das ist in der Vergangenheit manchmal so gewesen. Aber wenn Sie sich heute die neuen Star-Trek- oder Iron-Man-Filme anschauen, dann merkt man, dass die Regisseure und Produzenten mittlerweile verstanden haben, wo 3D etwas bringt und wie man es einsetzt. Hier gibt es eine Lernkurve. Der letzte „Transformers“ war in 3D tausendmal besser als in 2D.

Was wird es an technischen Innovationen im Kino noch geben?

Einiges, da bin ich zuversichtlich. Die Lichtquellen der Projektoren bieten vor allem im Hinblick auf die großen Bildleinwände von über 180 Quadratmeter noch Entwicklungspotenzial. Irgendwann kommt der Laserstrahl als Lichtquelle – das wird die Wahrnehmung auf der Leinwand deutlich ändern.

50 Prozent der Cinemaxx-Besucher sind zwischen 20 und 39 Jahre alt. Befürchten Sie nicht, dass Ihnen durch das Internet, durch Raubkopien und DVD diese Zielgruppe etwas verloren geht?

Bei DVD nein, die sind für diese Altersgruppe nicht sehr relevant. Bei den Raubkopien ja, wobei das mit zunehmenden Alter abnimmt, weil dann wahrscheinlich das Bewusstsein für Recht und Unrecht steigt.

Was kann man gegen Raubkopien tun?

Wir gar nichts. So selten ich nach Vater Staat rufe, hier kann nur etwas durch Regulierung getan werden. Denn eine Raubkopie ist nichts anderes als Diebstahl. Es ist ein krimineller Akt. Das den Leuten ins Bewusstsein zu rücken, hat man noch nicht geschafft.

Die Jüngeren sind Ihre wichtigste Zielgruppe, aber die Gesellschaft altert. Müssen Sie nicht mehr auf die Ü50 und darüber eingehen?

Keine Frage, und das tun wir längst. Unsere Zielgruppe reicht vom Kleinkind in der Familienvorstellung bis zu den Senioren mit 80 und auch noch darüber hinaus. Wir übertragen ja bereits Konzerte live aus der Metropolitan Opera in New York in unsere Säle. Demnächst gibt es live die Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit dem „Fliegenden Holländer“. Wir hoffen, unsere Besucher finden das so toll, dass sie zu einem normalen Film wiederkommen. Wie zum „Großen Gatsby“.

Wie ist die Resonanz auf die Übertragungen aus der Met?

Großartig! Ein Beispiel: Das traditionelle Holi in Hamburg, das beste Haus des Konzerns in der Met-Reihe, ist zu jeder Met-Vorstellung ausverkauft. Das sind 500 Tickets, davon drei Viertel als Abos für zehn Veranstaltungen in der Saison. Das ist sensationell!

Opern-Übertragungen sind eine Nische. Wie viele Nischen kann man anbieten, welche lohnen sich?

Die Met-Vorstellungen sind schon aus der Nische entwachsen: Wir hatten hier im Markt für die Saison 2012/2013 rund 190 000 Besucher, bei Kartenpreisen zwischen 25 und 30 Euro. Das sind schon erhebliche Umsatzdimensionen. Die Konzerte mit den Berliner Philharmonikern sind auch gut gelaufen. Wir wollen mehr alternative Inhalte in unsere Kinos bringen, damit sie den Nischencharakter verlieren.

Welche Nischen reizen Sie?

Bei Klassik und Rock/Pop sind wir drin. Jetzt sind wir dabei, bestimmte Serien-Events aus dem Fernsehen vorab in den Kinos stattfinden zu lassen, sozusagen als Appetizer. Sport ist noch sehr reduziert und wird nur über 3D funktionieren. Nur dann kann man mehr zeigen als im Fernsehen.

Also kommt demnächst das Champions-League-Finale in 3D ins Kino?

Vielleicht. Box-Übertragungen kann ich mir auch gut vorstellen. Wirklich spannend auf der großen Leinwand wären Formel1-Rennen in 3D. Formel1 ist Action-Kino live. Das sehen Millionen im Fernsehen, das könnte auch im Kino gut ankommen. Schon allein wegen des irren Sounds. Das würde ich gern ausprobieren.

Mehr aufregende Überholmanöver müsste es aber schon geben.

Wenn beim Boxenstopp Räder durch die Gasse fliegen, wäre das auch ein tolles Spektakel auf der Leinwand.

Was sich die kleinen Kinos nicht leisten können. Die werden weiter abgedrängt.

Wenn Sie auf das immer wieder kolportierte Kinosterben anspielen, dann sage ich Ihnen: Das Gerede darüber ist Quatsch. Wir haben in Deutschland viel mehr Kino-Leinwände als in vielen anderen Ländern Europas. Kleine Kinos in den Städten machen doch nicht zu, weil es Ketten wie unsere gibt.

Sondern?

Weil der Vermieter mit anderen Einrichtungen und Geschäften mehr Miete verlangen kann, also mehr Geld verdient. Und dann sind die Kinos raus. Wir haben in den vergangenen Jahren seit 2006 von rund 4850 Leinwänden 230 verloren. Das soll Kinosterben sein? Niemals. Durch die Digitalisierung haben die kleinen Kinos heute sogar noch einen Vorteil. Sie müssen nicht mehr wie früher drei, vier Wochen warten, bis sie eine Kopie bekommen, sondern sie können gleichzeitig mit den großen Kinos den Filmstart machen. Es kommen alle gleichzeitig an die frischen Sachen ran.

Aber das tut Cinemaxx umsatzmäßig doch nicht wirklich weh?

Wir merken es schon.

Cinemaxx warnt im Geschäftsbericht mehrfach vor Risiken. Sind die Aussichten so schlecht?

Wir haben unter anderem vor den Gefahren gewarnt, die sich aus der Filmpiraterie und der Verkürzung unseres Auswertungsfensters ergeben – also den Zeitraum, in dem ein Film im Kino läuft, bevor die DVD auf den Markt kommt. Dazu sind wir als börsennotiertes Unternehmen verpflichtet und dies ist auch zutreffend. Früher lief ein Film sechs Monate im Kino, ehe die DVD herauskam. Jetzt sind es nur noch vier. Je kürzer dieser Abstand, umso mehr hält er potenzielle Besucher davon ab, ins Kino zu gehen.

Es liest sich so, als ob Cinemaxx in der Existenz bedroht wäre.

Das sind wir ganz sicher nicht. Die Aussichten sind positiv. Wir hatten 2012 das bisher beste Jahr in der Unternehmensgeschichte. Und ich habe in keiner Weise Anlass, für das laufende und die kommenden Jahre pessimistisch zu sein. 2014/15 kommen beispielsweise der letzte „Hobbit“-Teil und die beiden „Avatar“ Fortsetzungen ins Programm, auch ein neuer James Bond steht an, vielleicht mit Penelope Cruz. Das werden starke Filme.

Die auch mit weniger Werbung vor dem eigentlichen Film auskommen?

Das ist sicherlich ein wunder Punkt. Aber ganz ohne Werbung funktioniert unser Geschäft nicht – zudem gibt es starke qualitative Unterschiede bei den Werbespots.

Aber ich will den Film sehen, nicht die Werbung. Das Vorprogramm dauert in unseren Kinos nicht länger als 35 Minuten. Da sind Trailer von neuen Filmen darunter, auch Eigenwerbung. Die eigentliche Werbung macht nicht mehr als zehn, zwölf Minuten aus. Das, glaube ich, ist ok.

Das Gespräch führte Matthias Loke.