Clemens Tönnies
Foto: Guido Kirchner

BerlinClemens Tönnies ist geübt darin, mit Ärger umzugehen. Als Aufsichtsrat des FC Schalke 04 ist er der Chefkontrolleur einer Dauerkrise. Er streitet regelmäßig vor Gerichten: über angeblichen Betrug beim Mischverhältnis von Hackfleisch, über Aktiengeschäfte, und mit Familienangehörigen über Macht. Aber langsam wird es etwas viel. Schalke 04 ist komplett runtergewirtschaftet, vor einigen Monaten diskutierte das Land über eine rassistische Entgleisung des Großmetzgers, und nun stehen seine Fleischfabriken als Corona-Hotspots und Orte der angeblichen Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter im Fokus. Es verfestigt sich das Bild eines Mannes, der sich moralisch verirrt hat.

Der 64-Jährige selbst sieht sich selbstredend anders. Im elterlichen Betrieb, wo das Geld immer knapp war, machte er eine Ausbildung als Fleischtechniker und Kaufmann. Er sei „Ostwestfale und ein ganz normal gestrickter Typ“, hat er einmal gesagt. In Rheda, seinem Wohnort, sei er für alle nur „der Clemens“. Jenseits der Heimat verkehrt er allerdings mit einigen der mächtigsten Menschen Deutschlands, lädt Großindustrielle zur Jagd ein, singt Volkslieder. Mit einem Vermögen von 1,7 Milliarden Euro listete das „Manager-Magazin“ Tönnies und seinen Sohn Maximilian 2019 auf Rang 104 der Liste der reichsten Deutschen. Es ist ein Vermögen, das auf der Grundlage einer durchindustrialisierten Fleischproduktion immer weiter wuchs. Wenn die Tönnies-Werke jetzt geschlossen werden, würden rund 20 Prozent des Fleisches in den Supermärkten fehlen.

Solche Zahlen mag er. Leute, die Tönnies etwas näher kennen, beschreiben ihn als Menschen, der sich immer auf der Suche nach Anerkennung befindet. Dass seine rassistischen Äußerungen am „Tag des Handwerks“ im vorigen Jahr zu einer Topmeldung der Nachrichtensendungen wurden, soll ihn tief verletzt haben. Er hat sich einen Bart wachsen lassen, um nicht mehr erkannt zu werden. Der Schalker Ehrenrat und der Deutsche Fußball-Bund untersuchten den Fall und gelangten zu der Einsicht, dass Tönnies kein Rassist sei.

Aber die Zweifel an seinen Werten, seinem Welt- und Menschenbild werden nicht kleiner. Tönnies ist reich geworden durch die Arbeit von Menschen aus Polen, Rumänien und Bulgarien, die für wenige Euro seine in Massentierhaltung produzierten Schweine zerlegen. Die in schäbigen Unterkünften hausen, die auf in Deutschland eigentlich selbstverständliche Rechte verzichten müssen. Kritiker nennen dieses System „Ausbeutung“. Unter dem Druck dieser Wochen fordert Tönnies plötzlich „deutsches Arbeitsrecht und deutsche Sozialversicherung für alle Beschäftigten“. Offen bleibt die Frage, warum ihm diese Selbstverständlichkeit nicht schon viel früher eingefallen ist?