Wer bei Klimakonferenzen mitmacht, braucht eine hohe Frustrationsschwelle. Martin Cames gehört zu dieser Spezies. Der Umweltökonom ist Teil der deutschen Delegation, die zusammen mit Vertretern von fast 200 weiteren Staaten in Warschau darüber verhandelt, wie die Erderwärmung gebremst werden kann. Cames kümmert sich um die Weiterentwicklung des Emissionshandels – ein wahrlich dickes Brett muss er bohren. Denn die Wirkung des Geschäfts mit Verschmutzungsrechten für den Klimaschutz geht gegen null.

Dabei wurde der Emissionshandel noch vor einigen Jahren als eine Art Wunderwaffe angesehen. Inzwischen sprechen Insider von einem „einzigen Desaster“. Beispiel EU: Experten hatten erwartet, dass hier der Preis dieses Jahr bei mindestens 15 Euro pro Tonne Kohlendioxid liegt. Tatsächlich müssen Industrieunternehmen und Stromerzeuger aber nur knapp fünf Euro zahlen.

Die Preise sind aus zwei Gründen gesunken. Die EU war erstens beim Verteilen der Zertifikate in den vergangenen Jahren sehr großzügig. Die Lobbyisten der Industrie haben ganze Arbeit geleistet und wurden dabei noch von nationalen Regierungen unterstützt, auch der scheidende deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) zählte dazu. Zugleich brach zweitens die Nachfrage nach CO2 -Zertifikaten ein. Ein maßgeblicher Grund war die Wirtschaftskrise in vielen südlichen Ländern der EU. Die Auswirkungen in Deutschland waren fatal: Trotz des Ausbaus der erneuerbaren Energien stiegen 2012 nach ersten Schätzungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen die gesamten deutschen Kohlendioxid-Emissionen um etwa 20 Millionen Tonnen, was einem Plus von zwei Prozent entspricht. Hauptfaktor war aber offenbar, dass in Kohlekraftwerken erheblich mehr vom fossilen Brennstoff verfeuert wurde. Denn Kohle selbst ist aufgrund globaler Konjunkturkrisen billiger geworden, die CO2 -Zertifikate zum Schleuderpreis kamen hinzu.

Immerhin, Ende voriger Woche, also unmittelbar vor der Warschauer Konferenz, haben die EU-Staaten sich doch noch auf eine Art Notoperation am Handelssystem geeinigt: Back Loading. 900 Millionen Zertifikate kommen erst in en Jahren 2019 und 2020 auf den Markt. „Wir begrüßen diese Entscheidung“, sagt Tina Löffelsend, Klimaschutzexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). „Aber damit ist das Problem noch längst nicht gelöst.“

Reduzierung der Zertifikate

Das System werde kurzfristig stabilisiert, um einen weiteren Preisverfall zu stoppen. Die Vergabe der Verschmutzungsrechte sei bislang aber nur verschoben. Löffelsend ist aber dafür, diese überhaupt nicht mehr in den Handel zu bringen. Und auch damit sei es noch nicht getan. „Wir brauchen dauerhaft eine deutlich stärkere Verknappung.“ Das sieht auch Felix Matthes, Energieexperte vom Öko-Institut, so. Er hält eine Reduzierung der Zertifikate um insgesamt zwei Milliarden für sinnvoll – das entspricht etwa der Menge an CO2 -Emissionsrechten, die in einem Jahr im europäischen System nachgefragt wird.

Das Ziel von all dem ist für Löffelsend klar. Die Zertifikate müssen um ein Vielfaches teuer werden. Ein modernes Gaskraftwerk etwa werde im Vergleich zu einem alten Kohlekraftwerk erst dann wettbewerbsfähig sein können, wenn das CO2Zertifikat 35 Euro kostet. Da es schwer wird, solche Preisniveaus zu erreichen, hält die BUND-Expertin zusätzlich gesetzliche Emissionsstandards für sinnvoll. Das könnte dann dazu führen, dass alte Kohlekraftwerke abgeschaltet werden müssen, da ihr Wirkungsgrad zu niedrig ist.

Matthes geht es überdies um mehr Flexibilität, damit bei künftigen Krisen in der EU nicht wieder ein enormes Überangebot nebst Preisverfall entsteht. Er hält für denkbar, nur eine knapp kalkulierte Grundmenge an Zertifikaten auszugeben, die bei besonders guter konjunktureller Entwicklung aufgestockt werden kann. In Boomphasen gibt es Aufschläge, in der Krise wird geknausert. Gut möglich, dass auch in Warschau auch über derartige Konzepte diskutiert wird. Und auch darüber, wie sich daraus ein international wirksames System der CO2 -Reduktion zimmern lässt. Knackpunkt ist, sich auf gemeinsame Standards zu einigen.

Noch ist dafür Zeit. Die Konferenz in Warschau dient vor allem der Vorbereitung einer Konferenz 2015 in Paris. Dann sollen sich die Staaten verbindlich auf neue Klimaziele verpflichten. Auch Matthes’ Kollege Cames weiß, wie komplex das ist. „Doch ich glaube, dass es gelingen kann“, schreibt er auf der Website des Öko-Instituts.