Berlin - Auf den ersten Blick scheint alles gut. Als der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, die Arbeitsmarktzahlen für März verkündete, sprach er von einer „spürbaren Frühjahrsbelebung“. 2,827 Millionen Menschen waren zuletzt in Deutschland arbeitslos. Das waren 77.000 weniger als im Februar.

Der Arbeitsmarkt nimmt also Schwung auf. Weltweit zieht die Konjunktur an. China und die USA treiben das Wachstum, davon profitiert auch Deutschland. Bei genauerem Hinsehen aber zeigt sich: Die Corona-Pandemie hat zu schweren Verwerfungen am Arbeitsmarkt geführt – vor allem bei niedrig qualifizierten Jobs.

So ist die durchschnittliche Zahl der Arbeitslosen im Helferbereich im letzten Jahr auf 461.428 Personen gestiegen, ein Plus von 126.467 Menschen oder 37,8 Prozent. Und es sind längst nicht nur die Geringqualifizierten, die Corona vor Probleme stellt. Auch bei den Fachkräften – also Menschen mit Berufsausbildung – ist die Zahl der Arbeitslosen um durchschnittlich 105.458 (22,5 Prozent) auf 575.098 Personen gestiegen. Das geht aus einer Anfrage der Linken an die Bundesagentur für Arbeit hervor, die der Berliner Zeitung vorliegt.

„Die verfehlte Krisenpolitik der Bundesregierung hat Hunderttausende Beschäftigte in Arbeitslosigkeit gestürzt. Das Instrument der Kurzarbeit ist ein löchriger Schutzschirm“, sagt Linke-Arbeitsmarktexpertin Sabine Zimmermann.

Experte: Beschäftigung hat sich von Konjunktur „emanzipiert“

Allerdings ist die Arbeitslosenquote mit 6,2 Prozent verhältnismäßig niedrig – trotz Corona und eines heftigen Konjunktureinbruchs. Dass die Krise nicht voll auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen hat, ist vor allem ein Verdienst des Kurzarbeitergeldes, sagen Experten. „Es hätte viel schlimmer kommen können“, so Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der BA. Schon seit der Finanzkrise 2009 habe man gesehen, dass Arbeitskräfte knapper werden. Und die Unternehmen daher – unterstützt durch Instrumente wie das Kurzarbeitergeld – an ihnen festgehalten. „Die Beschäftigung hat sich von der Konjunktur stärker emanzipiert“, sagte Weber der Berliner Zeitung.

Im März waren nach Berechnungen des Ifo-Instituts noch 2,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit, 200.000 weniger als einen Monat zuvor. Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise im Mai letzten Jahres bezogen in Deutschland rund 6,7 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld. Die Bundesregierung hat die maximale Bezugsdauer inzwischen auf 24 Monate verlängert.

Droht eine „Generation Corona“ auf dem Jobmarkt?

Was Arbeitsmarktexperten zunehmend Sorge bereitet, ist die Spaltung des Jobmarktes. „Wer in der Krise seinen Job behalten hat, ist ziemlich gut abgesichert“, sagt Holger Bonin, Forschungsdirektor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Die Unternehmen vermeiden zwar Personalabbau. Für Arbeitslose und Berufseinsteiger wird es aber zunehmend schwieriger, einen Job zu bekommen – ein klassisches Insider-Outsider-Problem. „Die Firmen halten sich bei Neueinstellungen spürbar zurück“, so IZA-Forscher Bonin im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Mit Blick auf die Neueinsteiger am Arbeitsmarkt spricht IAB-Experte Weber bereits von einer „Generation Corona“ – mit dem Risiko dauerhaft schlechterer Jobperspektiven und niedrigerer Gehälter.

Das Kurzarbeitergeld hilft da nicht weiter. Es stabilisiert bestehende Beschäftigungsverhältnisse. Zur Dynamik am Arbeitsmarkt trägt es aber nicht bei. So ist in der Krise die Langzeitarbeitslosigkeit um mehr als 300.000 Personen gestiegen. Die Corona-Arbeitslosen sind darin noch nicht eingerechnet, sie fallen – durch den vorherigen Bezug des Arbeitslosengeldes – erst ab April in die Statistik der Langzeitarbeitslosen. Diese Personengruppe hat es ohnehin schwer auf dem Arbeitsmarkt. Je länger Arbeitslosigkeit andauert, desto komplizierter wird die Vermittlung. IAB-Mann Weber wirbt daher für Neueinstellungszuschüsse. Arbeitgeber sollten bei neuen Jobs vorübergehend von den Sozialversicherungsbeiträgen befreit werden. Die Ausfälle übernimmt der Bund.