Thomas Franz: „Vom Berliner Senat bin ich schwerst enttäuscht.“
Foto: Volkmar Otto

BerlinBerliner Großmarkt, Moabit, morgens um acht. Um diese Zeit sollte der Parkplatz vor der Halle 18, in der das Großhandelsunternehmen Dieter Fuhrmann sein Geschäft betreibt, eigentlich leer sein. Doch vor der Halle stehen gut 15 weiße Kühltransporter dicht an dicht. Es ist fast die gesamte Firmenflotte. 

„Dieter Fuhrmann – Lieferant der Berliner Spitzengastronomie“ steht auf den Kastenaufbauten. „Normalerweise beliefern wir täglich bis zu 180 Kunden in der Stadt mit frischem Obst und Gemüse“, sagt Juniorchef Marcus Fuhrmann. Jetzt seien es noch bestenfalls 20 Lieferungen am Tag. Ein Minus von 90 Prozent. „Die meisten Fahrzeuge sind seit fast drei Wochen nicht bewegt worden.“ Bremsspuren des Shutdown an der Beusselstraße.

Der Großmarkt neben dem Westhafen ist eine Art Lebensmittelladen im XXL-Format. Das Areal mit den vielen Hallen ist fast so groß wie 50 Fußballfelder. Der Volksmund nennt den Markt den „Bauch von Berlin“. Dort ist alles zu bekommen, was in den Küchen der Berliner Hotels und Restaurants, Krankenhäuser, Kitas, Schulen und Uni-Mensen gebraucht wird. 2 500 Menschen arbeiten auf dem Großmarkt. 580.000 Tonnen Obst, Gemüse und Fleischwaren werden dort jährlich umgeschlagen. Jahresumsatz: rund eine Milliarde Euro. Doch seit die Herde der Berliner Gastronomie-Küchen kalt bleiben, geht auch auf dem Großmarkt kaum noch etwas. Kurzarbeit statt Lieferservice.

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Großhändler in dritter Generation

An der Nordrampe der Halle 17 treffen wir Thomas Franz. Er führt die Firma Früchte-Franz in dritter Generation. Sein Großvater hat das Unternehmen 1949 gegründet, und Franz handelt bis heute mit Obst, Gemüse und Südfrüchten. „Alles von Ananas bis Zitronengras“, sagt der Gründerenkel. Franz, ein großer, schlanker Mann, führt uns mit schnellen Schritten durch die Halle zu seinem 800-Quadratmeter-Stand. Dort stehen Kisten mit Obst in kleinen Stapeln auf dem Boden. Es sieht ausgesucht aus. „Bis vor vier Wochen stand hier drei- bis viermal so viel“, sagt Franz. Von den drei Kühlräumen hat er einen schon vorige Woche abgeschaltet, um Energie und Kosten zu sparen. Bald werde der nächste folgen.

Marcus Fuhrmann: „Keiner wird entlassen. Das habe ich versprochen.“
Foto: Volkmar Otto

In einer Nachbarhalle, in der Franz noch einen sogenannten Schneidebetrieb betreibt, ist an diesem Tag bereits alles geschlossen. Der Chef muss erst den Lichtschalter suchen. Bevor das Coronavirus kam, putzten hier 15 Mitarbeiter Gemüse, schnitten Paprikastreifen oder Karottenstifte. Bis zu drei Tonnen Gemüse wurden hier täglich verarbeitet und verpackt. Jetzt seien es noch bestenfalls 70 Kilo am Tag.

Insgesamt sind für den Händler 85 Prozent seines Geschäfts weggebrochen. Die Restaurants, die jetzt außer Haus verkaufen, würden ihren kleinen Bedarf bei Lidl oder Edeka decken, sagt Franz. Einzig einige Senioren- und Pflegeheime sind ihm noch als Kundschaft geblieben, von den zwölf Transportern nur noch zwei im Einsatz, die 43 Mitarbeiter auf Kurzarbeit.

20.000 Euro Miete im Monat

Für die Kurzarbeiter-Regelung ist Franz dankbar. „Tolle Sache“, sagt er und lobt die Arbeit vor allem der Finanz- und Arbeitsminister Scholz und Heil. Vom Berliner Senat ist der 56-Jährige indes „schwerst enttäuscht“. Wie viele seiner Mittelstands-Kollegen fühlt er sich vergessen und versteht nicht, dass Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern rückzahlungsfreie Soforthilfen bekommen, Firmen mit mehr als zehn Mitarbeitern dagegen nur Kredite. Franz verweist auf Brandenburg, wo Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern von der Investitionsbank des Landes tatsächlich 30 000 Euro als „eine einmalige, nicht rückzahlbare freiwillige Leistung“ bekommen können. „Ich will nicht vom Staat alimentiert werden“, sagt Franz. „Aber ich will Gleichheit.“

Die 30.000 Euro würden dem Großhändler tatsächlich helfen. Denn obwohl er kaum Umsätze macht, hat er weiterhin laufende Kosten, die er auf 85.000 Euro im Monat beziffert. Allein die Hallenmiete betrage 20.000 Euro. Die werde ihm derzeit zwar gestundet, muss aber später an den übrigens landeseigenen Großmarkt nachgezahlt werden. Und Franz weiß auch, dass verlorene Umsätze in seinem Geschäft nicht nachgeholt werden können. Darüber hinaus glaubt er, viele seiner Kunden in dieser Krise zu verlieren. „Ich fürchte, 30 Prozent der kleinen Restaurants werden das nicht überleben.“  

In der Gastronomie viel „auf Kante genäht“

Das sieht auch Obst- und Gemüsehändler Marcus Fuhrmann so. Er weiß, wie viele Restaurants schon vor der Krise Mühe hatten, ihre Rechnungen pünktlich zu zahlen. In der Gastronomie sei viel „auf Kante genäht“, sagt er. Wenngleich Fuhrmann Schwergewichte wie das Hotel Adlon oder das Estrell zu seinen Kunden zählen kann, bereitet ihm die Krise schlaflose Nächte, zumal ein Ende nicht abschätzbar sei. Auch ohne Arbeit koste ihn die Firma 5000 Euro am Tag.

Aber Unternehmertum bedeute eben nicht nur mitunter sehr gut zu verdienen, sondern in schlechten Zeiten auch Verantwortung zu übernehmen. „Jetzt geht es ans Eingemachte“, sagt Fuhrmann und hofft, dass seine Rücklagen noch ein paar Monate reichen. Jedenfalls werde von den 35 Mitarbeitern niemand entlassen, sagt der Junior-Chef. „Das habe ich ihnen versprochen.“

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