Die Hilfsprogramme von Bund und Ländern werden durch neue Staatsschulden finanziert. (Symbolbild)
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BerlinDie Corona-Krise schwächt die Wirtschaft. Von der Bundesregierung, den Bundesländern und der EU sind deshalb diverse Soforthilfen bereit- und in Aussicht gestellt worden.  Auch der Berliner Senat unterstützt nun auch mittelständische Unternehmen. Die Beträge aus den verschiedensten Quellen summieren sich auf über eine Billion Euro. Es stellt sich die Frage, wo dieses Geld herkommt.

Die Hilfsprogramme von Bund und Ländern werden durch neue Staatsschulden finanziert, sagt  Alexander Kriwoluzky, Wirtschaftsprofessor an der Freien Universität und Abteilungsleiter beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Dafür werden Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarkt angeboten.

Der Bund ist laut Kriwoluzky in der komfortablen Situation, dass die Nachfrage nach seinen Schuldtiteln größer ist als das Angebot.Deswegen sind die Zinsen „negativ“ – wer die deutschen Anleihen kauft, bekommt folglich zu den aktuellen Konditionen später weniger zurück, als er dafür ausgegeben hat. Private Anleger, Versicherungen oder auch Rentenfonds nehmen das in Kauf, weil sie ihr Geld sicher anlegen wollen, statt es bar in den Geldschrank zu legen. Der Professor erklärt es plastisch: „Es ist leichter, eine Milliarde Euro in Schuldscheinen zu halten als in Banknoten.“ Da reicht ein Panzerschrank nicht.

Mit Schulden Gewinn machen

Kriwoluzky: „Die Anleger könnten zwar auch Aktien oder Immobilien kaufen, aber das ist mit größeren Risiken verbunden als der Kauf von Schuldtiteln mit einem absehbaren, geringen Verlust.“ Viele Institutionen wie Lebensversicherungen oder Rentenfonds dürften wegen des Risikos auch überhaupt nicht in die Realwirtschaft investieren, wo sie hohe Verluste leiden könnten.

Nicht alle Euro-Staaten sind in der Lage Deutschlands, mit Schulden noch Gewinn zu machen. Deshalb greift die EZB ein. „Ein großer Teil der Nachfrage nach sicheren Staatstiteln kommt von der Europäischen Zentralbank, die die Zinsen senken will, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen“, sagt der Wissenschaftler. Deshalb kauft die EZB die Anleihen der Euro-Staaten auf dem Kapitalmarkt ein. Hierfür wird tatsächlich Geld „gedruckt“, beziehungsweise wird den Geschäftsbanken bei der EZB Guthaben eingeräumt – potenziell unbegrenzt, bis heute etwa 2 Billionen Euro. Mit dieser Möglichkeit im Rücken erhöht die EZB durch ihre Käufe die Nachfrage der Staatsanleihen. Was aber hat die Wirtschaft davon?

Kriwoluzky nennt ein Rechenbeispiel. „Nehmen wir an, eine Bank kauft heute eine Anleihe eines europäischen Staats und bekommt damit die Zusage, beispielsweise im Jahr 2030 1.000 Euro dafür zu erhalten. Der Preis, zu dem die Bank jetzt den Schuldschein erwirbt, hängt jedoch von der Nachfrage auf dem Kapitalmarkt ab. Sind Anleger vielleicht nur bereit, 500 Euro für die Anleihe zu zahlen, ist die Verzinsung für den ausgebenden Staat hoch. Nimmt er doch zur Beschaffung des für ihn heute notwendigen Gelds nur die Hälfte dessen ein, was er später zurückzahlen muss.“

Durch die EZB-Käufe steigt jedoch die Nachfrage, die Schuldscheine werden teurer, die Verzinsung sinkt. Das Ziel: Wenn dann ein Unternehmen oder Privatmann einen langfristigen Kredit für eine Investition in Maschinen oder den Kauf eines Autos will, orientiert sich seine Geschäftsbank an der Verzinsung der Staatsanleihen. Ist sie relativ niedrig, werden auch die Kredite billiger. Investitionen und privater Konsum steigen, die Wirtschaft erfährt einen Aufschwung.

Angst vor einer Inflation

Wenn die EZB Geld „druckt“, kommt besonders in Deutschland die Angst vor einer großen Inflation auf. Die katastrophale Geldentwertung Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als beispielsweise ein Ei für 320 Milliarden Mark verkauft wurde, hat sich in das nationale Gedächtnis eingebrannt.

Der Ökonom meint aber, dass die Rettungsprogramme nicht mit dem exzessiven Gelddrucken der frühen Weimarer Republik vergleichbar sind: „Die Republik war pleite, konnte die Kriegsschulden des 1. Weltkriegs und die Kosten des Ruhrkampfs weder durch Steuern noch durch Einsparungen jemals begleichen.“ Alle Anleger wussten das und wollten deshalb keine deutschen Staatsanleihen kaufen. Also wurde Geld gedruckt und die damalige Zentralbank kaufte die Staatsschulden auf.

Kein Vergleich mit Weimar

Kriwoluzky: „Die Situation damals ist nicht mit der Euro-Zone vergleichbar. Erst in dem Moment, wenn Staaten ihre Anleihen nicht mehr bedienen oder ihre Schulden bei der EZB nicht mehr begleichen, erst dann würde der Euro an Wert verlieren.“ Die EZB-Politik an sich führe nicht zur Inflation. Das liege an diesem Zusammenhang: „Der Staat bedruckt zwei Arten von Papieren: Staatsschulden und Geld. Beide Papiere können sie jederzeit gegeneinander tauschen. So lange das eine Papier einen Wert besitzt, besitzt deswegen auch das andere Papier einen Wert. Erst wenn die Bürger keines der Papiere mehr besitzen möchten, kommt es zu einer starken Inflation wie in der Weimarer Republik“.

Erste, gegenwärtige Preissteigerungserscheinungen hätten andere Gründe, die in der Corona-Pandemie liegen. Die Globalisierung sei im Rückwärtsgang, Waren aus dem Ausland werden in Deutschland knapper und deshalb teurer - ob das nun Tomaten aus Spanien oder Maschinenteile aus Italien sind. Restaurants rufen höhere Preise auf, weil sie wegen der Kontakteinschränkungen weniger Gäste gleichzeitig bewirten können, Friseure reagierten mit Preissteigerungen auf die größere Nachfrage nach ihrer Zwangsschließung.

Kriwoluzky ist nicht sicher, ob diese Preissteigerungen Bestand haben werden: „Ihnen steht entgegen, dass die Nachfrage sinkt. Wir befinden uns in einer Rezession, viele Menschen haben weniger Geld wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit. Welche Tendenz da obsiegt, kann ich nicht sagen.“

Die Frage der Schulden

Bei all den Schulden der Staaten bleibt die Frage: Werden sie zurückgezahlt? Der Professor ist da ziemlich sicher, dass es geschehen wird. So sei zum Beispiel die deutsche Staatsschuldenquote, die nach der Finanzkrise 2008/9 stark angewachsen war, vor Corona wieder auf dem alten Stand von 60 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung zurückgegangen. Auch die (niedrigen) Zinsen hätten es den Staaten erleichtert, die Schulden zu begleichen. Wie es in der gesamten Eurozone aussähe, sei schwieriger vorherzusagen. Vor allem, falls Italien noch einmal schwer von einer möglichen zweiten Corona-Welle betroffen wird.

Insgesamt müsse man die Corona-Aufwendungen - die EZB plant mit 750 Milliarden Euro für Anleihenkäufe - auch ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung stellen, und die ist in Europa hoch: Das Bruttoinlandsprodukt in den 19 Euro-Ländern lag 2019 bei knapp zwölf, in allen damals noch 28 EU-Staaten bei fast 14 Billionen Euro.