Auch Autobauer mussten im Zuge der Corona-Krise ihre Produktion massiv herunterfahren. 
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BerlinDer Aufsichtsratschef von Continental und Linde, Wolfgang Reitzle, fordert ein zügiges Ende des wirtschaftlichen Shutdowns in der Corona-Krise. Reitzle sagte dem Magazin Capital: „Mit jeder weiteren Woche werden irreparable Schäden für unsere Wirtschaft entstehen. Viele kleinere Firmen werden sterben und nicht mehr wiederzubeleben sein. Aber auch Konzerne sind bedroht.“

Das Versprechen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, das kein Arbeitsplatz verloren geht, hält Reitzle für eine Illusion: „Dieser Shutdown wird zu einem immensen nachhaltigen Wohlstandsverlust für ganz viele Menschen führen, wenn er länger als vier, fünf Wochen andauert.“ Reitzle sagte, die Produktion müsse ab dem 20. April oder spätestens am 27. April wieder hochgefahren werden.

Reitzle empfiehlt der Politik, nicht auf Italien und Spanien zu schauen, sondern eher nach Japan: „Weshalb orientieren wir uns nach den Ländern mit dramatischem Verlauf und lernen nicht von denen, die ihre Wirtschaft weiterlaufen lassen und dennoch kein Problem haben?“

Reitzle hält es vor allem für wichtig, an die Folgen für die Autoindustrie zu denken. Keine andere Industrie integriere so viele Teile, Einzelkomponenten und Werkstoffe. Schon Betriebsurlaube würden ein Jahr vorher festgelegt: „Das ist ein komplexes, weltweit verästeltes und aufeinander abgestimmtes System, das man in so einer Situation nicht einfach per Knopfdruck wieder hochfahren kann.“

Störungen der Lieferketten

Auch für den deutschen Maschinenbau sind die Folgen bereits gravierend. Eine aktuelle Umfrage des Branchenverbandes VDMA hat ergeben, dass der Anteil der Unternehmen, deren Betriebsablauf beeinträchtigt ist, innerhalb von zwei Wochen von 60 auf 84 Prozent gestiegen ist. Fast jeder zweite betroffene Betrieb leide unter „gravierenden“ oder „merklichen“ Störungen entlang der Lieferketten, teilt der VDMA mit. Lediglich fünf Prozent blieben bisher verschont.

Störungen der Lieferketten liegen demnach insbesondere in Italien, Deutschland, China, Frankreich und den USA vor. Die Lage in China und Südkorea scheine sich allerdings leicht zu entspannen. Zudem berichten Unternehmen über eine „signifikante Zunahme der Bestellungen ihrer chinesischen Kunden“, so der VDMA.

Großer Gewinner: China

Wolfgang Reitzle erwartet, dass China nach der Krise der große Gewinner sein werde. Die USA, aber vor allem Europa, würden verlieren. Allein Italien werde über Jahre dreistellige Milliardensummen brauchen.

Reitzle erwartet außerdem, dass Amazon zu den Gewinnern gehören werde: „Während die Geschäfte geschlossen haben, schafft Amazon traumhafte Marktanteilsgewinne. Alles was Amazon jetzt dazu gewinnt, kann der Einzelhändler später nicht mehr so leicht zurückgewinnen.“

Wirtschaftsweisen: BIP kann bis zu 5,4 Prozent schrumpfen

Nach anfänglicher Zurückhaltung haben am Montag auch die Berater der Bundesregierung eingeräumt, dass die Wirtschaft von der flächendeckenden Schließung erheblichen Schaden nehmen werde. Die sogenannten „Wirtschaftsweisen“ halten eine schwere Rezession in Deutschland für unvermeidbar. Die deutsche Wirtschaft werde 2020 deutlich schrumpfen, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Sondergutachten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) könne im schlimmsten Fall bis zu 5,4 Prozent schrumpfen. Damit sehen die Berater die Lage allerdings immer noch weniger problematisch als die Experten des Münchener ifo-Instituts. Diese gehen von einer Schrumpfung der Wirtschaft von 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte aus.

Grafik: BLZ/Hecher 
Quelle: Sachverständigenrat

Die CDU-Spitze will über die Beendigung der Maßnahmen dennoch nicht diskutieren. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte am Montag laut dpa, erst wenn die Zeit der Verdopplung der Zahl der Infizierten bei zehn Tagen angelangt sei, wäre man „auf dem richtigen Weg“.

In der Slowakei hat die Regierung dagegen die Vorschriften vorsichtig gelockert. Seit Montag dürfen zahlreiche Geschäfte wieder öffnen. Erlaubt ist die Öffnung nun für Bau- und Gartenmärkte mit einer maximalen Verkaufsfläche von 1000 Quadratmetern, Optiker, Läden mit Stoffen und Kurzwaren, Fahrradgeschäfte, Autowerkstätten und technische Prüfanstalten sowie Notare und Anwaltskanzleien. Bisher durften nur Grundversorger wie Lebensmittelläden, Drogerien und Tankstellen offen bleiben. In der Slowakei besteht allerdings weiter die Verpflichtung zum Tragen eines Mundschutzes beim Verlassen der eigenen Wohnung.