Die Online-Börse kann wie eine Droge wirken.
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In den USA schockiert derzeit der Fall des 20-jährigen Alex Kearns die Öffentlichkeit: Wie viele andere junge Leute musste er wegen geschlossener Schulen, Universitäten und Lehrstellen im Zuge des Lockdowns sein geregeltes Leben aufgeben und von der Universität Nebraska nach Hause zurückkehren. Er suchte nach einem Zeitvertrieb und stieß auf eine Website mit dem Namen Robinhood. Die Website bietet Gratis-Handel vor allem mit kurzfristigen Aktienoptionen an – ist also eine Art Wettbüro im globalen Börsen-Zirkus. Für viele junge Leute ist der Anreiz, aus Nichts Geld zu machen, unwiderstehlich. Die Mitgliedschaft bei Robinhood kostet nach einem Gratis-Probemonat ein paar Dollar. Gebühren fallen so gut wie keine an, beim Beitritt wartet eine „Überraschung“ für den ersten Deal. Jeder kann auf Robinhood Optionen kaufen und auf künftige Kurse wetten. Doch was für Profis aus dem sogenannten Derivate-Geschäfte ein wichtiges Instrument zur Abschätzung und Absicherung von künftigen Geschäften ist, wirkt in den Händen von vielen Jugendlichen wie eine gefährliche Droge.

Alex Kearns aus Naperville im US-Bundesstaat Illinois ist der Name, der aktuell mit dieser Gefahr verbunden ist: Er nahm sich am 12. Juni das Leben, weil er glaubte, beim Zocken 750.000 Dollar verloren zu haben. Sein Irrtum: Kearns hatte seine eigenen Zahlen falsch gelesen und den theoretischen Verlust eines Teils seiner Wetten mit seinem realen Kontostand verwechselt – dort standen 16.000 Dollar im Plus zu Buche. In einem Abschiedsbrief an seine Familie erklärte Alex, dass er nicht gewusst habe, was er tat und dass er niemals ein so hohes Risiko habe eingehen wollen. Besonders tragisch: Bill Brewster, ein Mitglied Kearns’ Familie, ist Finanzfachmann und Analyst für Sullimar Capital in Chicago. Er sprach nach dem Tod des Jungen für die Familie und kritisierte den Wett-Anbieter Robinhood scharf. Auf Twitter schrieb er, die neuen Anbieter von Gratis-Wetten seien unverantwortlich, ihr Angebot sei „finanzielles Dynamit“ für viele. Der bekannte Investor Charlie Munger, Vertrauter von Warren Buffett, nahm sich des Falls ebenfalls an und sagte, Zocken an den Börsen löse im Hirn ähnliche Prozesse wie Drogen aus.

Diese Erkenntnis wird seit längerem bereits auch von Neurowissenschaftlern geteilt. So beschreibt Hans C. Breiter, Professor für Psychiatrie an der Northwestern University, in seinen Arbeiten, dass die Aussicht auf einen Börsen-Gewinn ähnliche Prozesse in Gang setze wie Kokain. Für junge Menschen ist der Einstieg ins Börsen-Spiel besonders natürlich: Andrew Lo, Finanzprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), sagte der Financial Times, es gäbe klar Parallelen zwischen Computerspielen und dem Trading. Diese seien jedoch mit großen Gefahren verbunden: Weil „viele Spieler, insbesondere für die jüngeren, die nicht an den Handel gewöhnt sind und die Auswirkungen erheblicher Verluste und Gewinne“ nicht in ihrer vollen Bedeutung erfassen, könnte der Einstieg in das Börsen-Casino „erhebliche nachteilige Folgen haben“. Los Studien zeigen, dass Trading zu Angststörungen, Frust und sogar posttraumatischen Störungen führen können.

Während des weltweiten Corona-Lockdowns haben viele Menschen die Droge des Börsenhandels entdeckt. Anbieter von Trading-Plattformen boomen, neue wie alte: Robinhood registrierte im ersten Quartal 2020 etwa drei Millionen neue Nutzer. Aktuell zocken weltweit 13 Millionen Menschen auf der sehr „cool“ wirkenden Website. Auch die etablierten Anbieter Schwab, E-Trade und Interactive Brokers profitieren von der kollektiven Langeweile: Laut Financial Times konnte dieser Anbieter die Zahl ihrer Mitglieder in den ersten fünf Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln.

Robinhood ist die Kult-Veranstaltung unter Insidern. Die Biografie eines der Gründer, Vlad Tenev, liest sich wie eine Verwirklichung des amerikanischen Traums. Der gebürtige Bulgare kam im Alter von fünf Jahren in die USA. Sein Vater las laut seinem Sohn in Bulgarien im Keller die von einer Freundin heimlich gesammelten Bücher der in dem kommunistischen Land verbotenen amerikanischen Ökonomen und wanderte schließlich aus. Wie seine Frau arbeitete er bei der Weltbank – ein Leben lang: „Meine Eltern waren sehr risikoscheu“, sagte Tenev einmal in einem Interview mit dem Business Insider. Tenev selbst ist anders: Er schaffte es auf die Elite-Uni Stanford und brach das Studium ab. Nach einigen Internet- und Finanz-Zwischenstationen gründete er Robinhood. Der Trend der „Demokratisierung“ der Finanzmärkte war die Triebfeder, auch wenn Investoren zunächst einen weiten Bogen um das Unternehmen machten. Doch nach einigen Jahren wurde Robinhood eine Erfolgsgeschichte – mit einem Börsenwert von 1,3 Milliarden Dollar im Jahr 2017.

Die Spieler-Trader sind keine Randerscheinung mehr: Wegen der großen Volumina können ihre Wetten auch die Kurse und damit das Geschehen an den Märkten beeinflussen. In ihrem Juni-Bericht macht die Allianz-Versicherung darauf aufmerksam, dass es eine regelrechte „Hysterie“ gäbe und die vielen kleinen „Händler“ mit ihrer Unberechenbarkeit ein signifikantes Risiko für die Märkte darstellen. Seit dem Aufkommen der virtuellen Broker hat sich Handelsvolumen von kurzfristigen Aktienoptionen innerhalb weniger Jahre verdoppelt, mit einem auffälligen Anstieg im Corona-Jahr 2020.

Der Tod des jungen Alex Kearns hat bei den Gründern von Robinhood Betroffenheit ausgelöst. In einer Stellungnahme gab das Unternehmen bekannt, untersuchen zu wollen, wie es zu dem tragischen Fall gekommen sei.

Hinweis: Wenn Sie selbst an Suizid denken oder glauben, dass das bei einem Angehörigen der Fall sein könnte, suchen Sie ohne zu zögern Hilfe. Die hoffnungslos scheinende Situation ist etwa bei Depressionen ein Krankheitszeichen, das sich mit der richtigen Unterstützung überwinden lässt. Erste Hilfe bei Depressionen und Suizidgedanken erhalten Sie bundesweit bei der Telefonseelsorge unter 0800-1110111 und 0800-1110222. Diese ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Angebote von Selbsthilfegruppen bietet die Deutsche Depressionsliga unter www.depressionsliga.de.

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