New York Stock Exchange
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Die US-Aktienindizes haben in den vergangenen Monaten trotz der Corona-Verwerfungen neue Höhenflüge hingelegt. Damit zeige sich, „die Aktienmärkte haben sich von der Realwirtschaft abgekoppelt“, so Adrian Roestel von Huber, Reuss & Kollegen, zur dpa.

Die Erholung in der Corona-Krise kam viel schneller als in vorangegangen Krisen. Ein Zeichen der Abkoppelung folgt dagegen einem langjährigen Trend, der seit den 1990er-Jahren ungebrochen ist: Die Vergütungen der Manager und der Arbeitnehmer driften immer weiter auseinander. Seit US-Präsident Bill Clinton eine gesetzliche Begrenzung der Manager-Gehälter eingeführt hat, hat sich die Kluft paradoxerweise vergrößert. Denn die meisten Manager werden vor allem nach dem Börsenkurs der Aktie ihres Unternehmen honoriert. Während die fixen Gehälter den Anschein von Transparenz vermitteln, ist die Feststellung der Höhe der variablen Vergütung – als Boni oder Stock Options – kaum öffentlich zu ermitteln.

Die Gesamtvergütung der amerikanischen Vorstandsvorsitzenden (CEO) ist seit der Clinton-Regulierung jedenfalls stetig über die Inflation gestiegen. Die AP hat errechnet: Der typische Mitarbeiter müsste 169 Jahre arbeiten, um zu verdienen, was sein Boss im Jahr 2019 auf sein Konto überwiesen bekam.

Im Zuge der Corona-Krise haben nun zahlreiche Manager bekannt geben, auf Teile ihres Gehalts zu verzichten. Sie gaben an, dies aus Solidarität mit den Tausenden Mitarbeitern zu tun, die ihren Job verloren haben.

Allerdings handelt es sich bei zahlreichen Managern nur um eine symbolische Geste. Während Hunderttausende Arbeitnehmer in den USA wegen des Corona-Lockdowns zu unbezahlten Urlauben verpflichtet wurden und die Zahl der Arbeitslosen auf 40 Millionen angestiegen ist, profitieren die meisten Manager vom überraschend schnellen Anstieg der Börsenkurse. Viele haben im März – als der wirtschaftliche Einbruch bereits absehbar war – mit ihren Aufsichtsräten neue Vereinbarungen über ihre Boni beschlossen. Mit dem Anstieg der Börsenkurse, der zum damaligen Zeitpunkt bereits erkennbar war, konnten sich die meisten Manager auf solide Auszahlungen freuen.

Die Financial Times (FT) hat bei 554 Unternehmen untersucht, wie sich die Ankündigungen der Manager auf deren Gesamtvergütung auswirken dürfte. Die FT kam zu dem Ergebnis, dass zahlreiche Manager wegen des Börsen-Booms im März aufgrund von Stock Options deutlich mehr erhalten werden – trotz des formalen Verzichts.

Als Beispiel bringt die FT den Fall des Chefs der Sportartikelkette Dick’s Sporting Goods, Edward Stack. Diese sagte im März, er werde auf sein Gehalt von 1,1 Millionen US-Dollar vorübergehend verzichten. Stack sagte, er wolle sich damit solidarisch mit den Mitarbeitern zeigen, die die Folgen des Corona-Lockdows zu tragen haben. Wenige Tage nach der Mitteilung gab das Unternehmen bekannt, 40.000 Mitarbeiter ohne Bezahlung vorübergehend freizustellen. Einen Tag vor dem Tiefstand der Aktien an den Börsen erhielt Stack mehr als 950.000 Aktienoptionen, die er in den kommenden vier Jahren schrittweise ausüben kann. Grundlage war der niedrige Börsenkurs im März. Der Wert erholte sich jedoch bis zum 9. Juni um 133 Prozent oder 21,5 Millionen Dollar an potenziellen Gewinnen. Die FT hat herausgefunden, dass die Aktion kein Zufall war: Der Zeitpunkt der Gewährung des Bonus lag etwas früher als in den Vorjahren. Die Anzahl der gewährten Optionen war weitaus größer. Sollte die Aktie des Unternehmens auf den Stand vom Januar zurückkehren und diesen bis 2024 halten, wären die Optionen des Managers etwa 31 Millionen US-Dollar wert – ein Vielfaches seines aktuellen Verzichts.

Möglich werden solche Spekulationen durch die Gelder der Zentralbanken, mit denen viele Manager einfach Aktien ihres eigenen Unternehmens zurückkaufen – und so den Börsenkurs künstlich hochtreiben. Abgesichert sind solche Aktionen durch staatliche „Rettungsprogramme“, die bei Corona auch in den USA historisch nicht dagewesene Ausmaße erreicht haben.