Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI).
Foto: VCI

Deutschland müsse sich im Wettlauf um die neuesten globalen Entwicklungen entschiedener positionieren, wenn es ein führendes Industrieland bleiben wolle. „Wir brauchen einen politischen Mentalitätswechsel, weil wir in den vergangenen Jahren industriepolitisch keine Akzente gesetzt haben“, sagte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), der Berliner Zeitung. Der VCI vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von rund 1700 Chemie- und Pharmaunternehmen in Deutschland. Die Bundesregierung habe „in der größten Krise des globalen Shutdown Handlungsfähigkeit bewiesen“, die Nothilfen seien allerdings „nicht ausreichend, um die Zukunft des Industrielandes Deutschland zu sichern“. Große Entrup verweist auf eine bedenkliche Entwicklung in der Gesellschaft, wonach die Corona-Krise die Illusion eines angenehmen Stillstands erzeugen könnte: „Neue Analysen des Rheingold Institutes Köln zeigen: Teile der Bevölkerung haben sich mit der aktuellen Situation arrangiert und glauben, dass der Corona-Stillstand positiv ist. Dem müssen wir entgegenwirken, denn der globale Wettbewerb wird nach Corona wieder Fahrt aufnehmen. Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in Deutschland müssen gemeinsam darauf hinwirken, dass wir für die bevorstehenden Umbrüche gut aufgestellt sind.“

Nach Ansicht des VCI-Geschäftsführers befindet sich die chemische und pharmazeutische Industrie „in einem gewaltigen Transformationsprozess“. Viele Prozesse stellten sich wegen der Möglichkeiten der neuen Technologien anders dar als noch vor wenigen Jahren. Daher müsse sich das politische Umfeld ändern. Große Entrup: „Wir brauchen ein Umdenken in der Regulierung, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.“ Man habe „bei den Impfstoffen gesehen, dass wir mit Innovation Produkte in viel kürzerer Zeit entwickeln können“. Dem müsse „auch die Regulierung Rechnung tragen“. Denn es sei mitnichten klar, dass deutsche Produkte sich auf dem Weltmarkt durchsetzen werden: „Von den vielen Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die weltweit an Impfstoffen arbeiten, stammen drei aus Deutschland. Sie sind in den Tests weit vorangekommen. Nun müssen wir aber dafür sorgen, dass wir in diesem Rennen nicht im Foto-Finish noch das Nachsehen haben. Unser Erfolg ist kein Automatismus.“

Die deutsche Industrie sei gut gerüstet, brauche jedoch günstige Rahmenbedingungen: „Wir müssen in die Lage versetzt werden, Produktionsanlagen schnell starten zu können. Wir haben diese Kapazitäten in Deutschland, um einen wichtigen Beitrag für die weltweite Produktion zu leisten.“ Der Verband hat klare Erwartungen an die Bundesregierung. Sie „sollte im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft dafür sorgen, dass wir nicht ins Hintertreffen geraten gegenüber den USA und China“. Dort „werden Forschung und Entwicklung mit enormen staatlichen Geldern gestützt, wodurch der Wettbewerb natürlich massiv beeinträchtigt wird“. Die Bundesregierung müsse „sich dafür einsetzen, dass die Weltwirtschaft nicht von protektionistischen Maßnahmen verzerrt wird“. Große Entrup: „Wir müssen weltoffen bleiben und weltweit agieren. Kein Land wird den Impfstoff allein herstellen und vertreiben können.“

Die Dynamik der Lage zeigt der aktuelle Test-Stopp der klinischen Studie eines Corona-Impfstoffs durch den Pharmakonzern AstraZeneca. International gibt es ein beispielloses Rennen von Pharmaunternehmen um marktreife Corona-Impfstoffe, viele Kandidaten befinden sich bereits in klinischen Prüfungen. AstraZeneca und acht weitere Pharma- und Biotech-Unternehmen hatten erst am Dienstag versichert, dass sie bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs keine Kompromisse bei der Sicherheit machen werden. Dieser ungewöhnliche Schritt folgte mit Blick auf Bedenken, dass es vor allem in den USA politischen Druck zwecks einer Eil-Zulassung erster Impfstoffe vor der Präsidentenwahl am 3. November geben könnte. US-Präsident Donald Trump erklärte zuletzt immer wieder, dass es vielleicht schon bis zur Wahl einen Impfstoff geben werde.

Viele Länder versuchen zudem schon jetzt, Impfstoffe für sich zu sichern. So vereinbarte die EU-Kommission gerade mit der Mainzer Firma Biontech die mögliche Lieferung von bis zu 300 Millionen Einheiten. Im Idealfall sollen noch vor Jahresende die ersten Impfstoff-Dosen in Europa verfügbar sein, wie das Unternehmen mitteilte. Voraussetzung ist der erfolgreiche Abschluss von Tests und die Zulassung des Impfstoffs, die der Hersteller bereits im Oktober beantragen will.

Die EU-Kommission verfolgt die Strategie, mit möglichst vielen Pharmafirmen Vorverträge abzuschließen, um bei einem erfolgreichen Impfstoff rasch Zugriff zu haben. Die Brüsseler Behörde hat schon mit sechs Herstellern entsprechende Gespräche geführt. Mit dem Biontech-Konkurrenten Astrazeneca gibt es bereits einen Vertrag über die Lieferung von bis zu 400 Millionen Impfstoff-Dosen.

Für den VCI-Hauptgeschäftsführer muss Deutschland eine neue Industriepolitik fahren, um mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können: „Wir brauchen in der EU einen pragmatischen Ansatz für neue gentechnische Methoden wie Genom-Editing, weil sie bei der Entwicklung besserer und widerstandsfähigerer Pflanzensorten eine große Rolle spielen.“ Dies werde vor allem in der Lebensmittelbranche eine entscheidende Rolle spielen: „Wir werden 10 Milliarden Menschen nicht mit biologischem Anbau ernähren können.“

Große Entrup erwartet in diesem Zusammenhang eine ausgewogene Strategie aufseiten der Europäischen Union: „Der Green Deal der EU ist eine gute Sache, aber aktuell zu einseitig: Er muss sozial, wirtschaftlich und ökologisch ausbalanciert werden. Sonst ist er nicht nachhaltig. Im Moment ist der Fokus viel zu sehr auf die ökologische Komponente gerichtet.“

Ein besonderes Problem für die Chemische und Pharmazeutische Industrie sind die hohen Energiekosten in Deutschland. Große Entrup: „Aktuell werden Investitionsentscheidungen gegen den Standort getroffen, weil energieintensive Industriezweige wie die Chemie in Deutschland den höchsten Strompreis in Europa zahlen müssen. In den USA oder China zahlen die Unternehmen nur einen Bruchteil davon.“

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