Nashörner im Sabi-Reservat in Südafrika: Tierschützer sorgen sich, dass bald Geld und Personal für den Kampf gegen Wilderer fehlen.
Foto: Winfried Schumacher

Lemek - Möge Gott Heilung schicken“, sagt der Massai. „So etwas haben wir noch nie gesehen.“ Gerade hält Kenia eine Heuschreckenplage in Atem. Die Hirten klagen über die Blauzungenkrankheit, die ihre Schafe dahinrafft. „Und jetzt die Seuche.“ Ebola, Terror, Finanzkrisen – der Kenia-Tourismus hat harsche Zeiten durchstanden. „Manchmal reisten kaum noch Leute ins Land“, sagt Jackson Looseyia, „dennoch kamen in die Masai Mara immer Touristen. Nun aber sind sie alle fort.“

Im kenianischen Lemek leben fast alle vom Tourismus

Durch die blutigen Anschläge der somalischen Terrormiliz al-Shabaab und die Angst vor Ebola war der Tourismus in Kenia immer wieder einmal fast zum Erliegen gekommen. Nie aber ließen sich Safari-Begeisterte und Tierfotografen allesamt abschrecken, eines der eindrucksvollsten Naturschauspiele der Erde zu bestaunen: die große Wanderung der Gnus aus der Serengeti, gefolgt von Löwen, Geparden und Hyänen – das ewige Drama vom Fressen und Gefressenwerden – nirgendwo in Afrika spielt es in solch epischer Dichte wie in der Masai Mara. Nun hat es keine Zuschauer mehr.

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„Jetzt sitzen wir zu Hause und sehen nach unseren Kühen“, sagt der Vater von fünf Kindern. „Wir stehen unter Schock.“ Looseyia ist einer der bekanntesten Safari-Guides in Kenia. Kaum jemand kennt die Masai Mara besser als er. Hier ist er geboren und aufgewachsen. Er hat Prominente und Fernsehteams aus aller Welt zu den Raubkatzen der Savanne geführt.

Seit fünf Jahren hat Looseyia sein eigenes Camp. In der Hauptsaison hat er 30 Einheimische eingestellt. „Jetzt muss ich ihnen die Hälfte vom Lohn kürzen und weiß nicht, wie es weitergeht.“ In seinem Dorf Lemek leben fast alle vom Tourismus. Niemand weiß, wie lange die Pandemie ihr Leben bestimmen wird.

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Foto: Winfried Schumacher

Sollten durch Corona über viele Wochen oder gar Monate sämtliche Touristen wegbleiben, stünde Looseyia wie viele andere in Kenia vor einem finanziellen Desaster. „Ein Arbeitsplatz hier versorgt manchmal 20 Personen“, sagt er. Zunächst hielten viele in Kenia das Coronavirus für eine Krankheit der Weißen. „Erst als die Medien von dem ersten Toten im Land berichteten – ein schwarzer Afrikaner – machte sich plötzlich Angst breit“, sagt Looseyia.

Lange schien Afrika auf der Corona-Weltkarte kaum betroffen, während in Asien und Europa die roten Kreise für die Epizentren der Pandemie immer bedrohlicher anschwollen. Einzig eine schnell wachsende Zahl an Fällen in Südafrika begann ab Anfang März auch die Touristiker zu beunruhigen.

Einige hatten bis dahin noch immer gehofft, Afrika würde diesmal einigermaßen glimpflich davonkommen. „Das Jahr fing für Afrika eigentlich sehr gut an“, sagt Michael Merbeck vom Safari-Veranstalter Abendsonne Afrika. Die Branche verzeichnete in den letzten zehn Jahren teils ein zweistelliges Wachstum. „Für uns ging es sehr steil nach oben“, sagt Merbeck, „und jetzt fahren wir ungebremst gegen die Wand.“

„Reden darüber, wie wir die nächsten Jahre überleben“

Auch der südafrikanische Veranstalter andBeyond hatte in den letzten Jahren einen stetigen Anstieg an Gästezahlen zu verzeichnen. Seine 28 Lodges liegen in bekannten Schutzgebieten wie dem Kruger-Nationalpark und verbinden Luxus-Safaris mit engagiertem Naturschutz.

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„Eben noch hatten wir Meetings, wie wir unsere Artenschutz-Initiativen ausbauen können“, erzählt Les Carlisle, der Leiter der Naturschutzarbeit von andBeyond. „Jetzt reden wir darüber, wie wir die nächsten zwei Jahre überleben können.“

Als am 15. März Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa den Katastrophenzustand ausrief, war auch den letzten Optimisten klar, dass sich die Pandemie wohl über weite Teile Afrikas ausbreiten würde. Anfang vergangener Woche wurde schließlich eine strenge Ausgangssperre bis zum 16. April verhängt.

Carlisle verfolgt die Situation – vor allem in Südafrikas Townships – mit wachsender Sorge. „Wie sich die Lage dort weiterentwickelt, ist auch für uns entscheidend“, sagt der 60-Jährige aus Mbombela unweit des Kruger-Nationalparks. Noch sind aus den ländlichen Gegenden um die Schutzgebiete kaum Fälle bekannt. Sollte sich das Virus jedoch ungehindert in den Slums und Townships ausbreiten, wo Menschen auf engstem Raum zusammenleben, würde es wohl bald auch die entlegensten Ortschaften im Land erreichen.

Gesundheitssysteme könnten nicht viel entgegensetzen

Die offiziellen Fallzahlen in Südafrikas Nachbarländern werden immer noch im ein- und niedrigen zweistelligen Bereich angegeben. Viele gehen jedoch davon aus, dass die wahren Zahlen deutlich höher liegen. In den auch bei Deutschen beliebten ostafrikanischen Safari-Ländern Kenia, Tansania, Ruanda und Uganda sieht es ähnlich aus.

Inzwischen sind die Grenzen fast überall für Ausländer geschlossen oder Einreisende werden zu einer Quarantäne zwangsverpflichtet. Die maroden Gesundheitssysteme könnten einer sich ausbreitenden Pandemie sicher nicht viel entgegensetzen. Hilfsorganisationen warnen schon jetzt, dass ein wirtschaftlicher Zusammenbruch mit grassierender Armut, Krankheiten und Hunger in Folge mehr Opfer fordern könnte, als das Coronavirus selbst.

Einsatz gegen Wilderer in Tansania: Überwachungstechnik und Personal sind teuer.
Foto: Winfried Schumacher

Für viele Länder im südlichen und östlichen Afrika ist der Naturtourismus eine der größten Devisenquellen und in der Umgebung von Schutzgebieten oft der wichtigste Arbeitgeber. Bleiben Camps und Lodges leer, leiden zuerst die umliegenden Dorfgemeinschaften.

Fehlt das Geld, könnte Wilderei zum Problem werden

„Der Tourismus ist für die meisten Schutzgebiete überlebenswichtig“, sagt Jamie Gaymer. Der Kenianer ist der Vorsitzende des Verbands für Nashornschutz auf Privat- und Gemeinschaftsland, der einen großen Teil der Bestände des Landes überwacht. Nachdem die Zahl der Tiere durch Wilderei über Jahre afrikaweit dramatisch eingebrochen war, wuchs sie in Kenia in den letzten vier Jahren wieder zaghaft. Das Coronavirus könnte nun eine neue Bedrohung darstellen. „Noch gehen wir keinerlei Kompromisse bei den Sicherheitsvorkehrungen ein“, sagt Gaymer, „aber niemand kann sagen, wie lange es so weitergeht.“

Fehlt das Geld für Personal und Überwachungstechnik, könnte die Wilderei erneut zum Problem werden. In Südafrika sorgen sich Artenschützer um Löwen, Elefanten und Nashörner. „Die Wilderer kommen genauso wie vor der Krise in den Kruger-Park“, sagt Les Carlisle.

Trotz allem können Naturschützer der Krise zumindest vorerst auch Positives abgewinnen. „Schutzgebiete wie die Serengeti, die unter starkem Druck durch den Tourismus stehen, können plötzlich wieder durchatmen“, sagt Carlisle. Er hofft auch, dass der Handel mit Wildtierprodukten durch die Pandemie nun langfristig geächtet wird.