Desinfektionsschleuse zu Werksgelände der Chongqing Mexin Group: Die Corona-Epidemie wird zu einer Belastung der Wirtschaft - nicht nur in China. 
Foto: dpa Bildfunk

BerlinDie Absage kam kurzfristig. Am Mittwochabend erklärten die Veranstalter der Mobilfunkmesse Mobile World Congress (MWC) in Barcelona, dass man sich außerstande sehe, die Messe wie geplant stattfinden zu lassen. „Mit Blick auf die Sicherheit und Gesundheit in Barcelona und dem gesamten Gastland wurde beschlossen, die MWC Barcelona 2020 abzusagen. Die weltweite Sorge über die Corona-Epidemie, verbunden mit eingeschränkten Reisemöglichkeiten macht es unmöglich, die Veranstaltung durchzuführen“, hieß es in einer Stellungnahme, die der Veranstalter, die Branchenvereinigung GSM Association (GSMA), auf der Website der MWC Barcelona veröffentlichte.

Die Messe hatte eigentlich vom 24. bis 27. Februar stattfinden sollen. Sie gilt als die weltweit wichtigste Veranstaltung der Mobilfunkbranche.

Absage bedeutet Einbußen in Millionenhöhe

Für die Region ist die Absage mit erheblichen Einbußen verbunden. Die Messe, die 2006 das erste Mal in Barcelona stattfand, ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Der Effekt für das Gastgewerbe und andere Branchen wird auf nahezu eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Etwa 14.000 Jobs sind von der Absage betroffen.

Spaniens Regierung reagierte mit Unverständnis auf die Entscheidung der GSMA. Die Handels-, Industrie- und Tourismus-Ministerin Reyes Maroto sagte am Donnerstag in Madrid, die Firmen der Branche müssten nun erklären, weshalb sie den Mobile World Congress abgesagt, nicht aber ihre Teilnahme an anderen ähnlichen Events gestrichen hätten. Gesundheitsminister Salvador Illa sagte der Tageszeitung El Pais: „Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit gibt es keinen Anlass, besondere Maßnahmen zu ergreifen oder eine Veranstaltung dieser Art abzusagen.“ In Spanien sind bis jetzt zwei Menschen mit dem Coronavirus infiziert.

Folgen für Deutschland unklar

In den vergangenen Tagen hatten immer mehr Aussteller ihre Teilnahme an der Mobilfunkmesse aus Sorge um die Gesundheit von Mitarbeitern abgesagt, unter ihnen die Deutsche Telekom, Vodafone, Nokia und Ericsson. Die Messeveranstalter hatten trotzdem lange am geplanten Termin festgehalten.

Ob die MWC-Absage nun letztlich gerechtfertigt war oder nicht –  fest steht, dass die allgemeine Unsicherheit inzwischen auch die deutsche Wirtschaft erreicht hat.

Nach Einschätzung von André Schwarz, Sprecher des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA), sind aktuell die Bereiche Tourismus, Pharma und Messen am stärksten betroffen. „Wer nicht reisen muss, verzichtet darauf.“

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Mit Prognosen, wie sehr sich das Virus und seine Folgen auf die deutsche Wirtschaft insgesamt auswirken werden, bleibt Schwarz zurückhaltend. „Ich möchte die Folgen weder groß- noch kleinreden“, hieß es im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Aber um eine verlässliche Prognose abzugeben, ist es schlicht noch zu früh. Auf die Frage, welche wirtschaftlichen Auswirkungen die Epidemie hat, gibt es nur eine seriöse Antwort: Wir wissen es noch nicht.“

Derzeit keine direkten Folgen

Deutschland ist mit Abstand Chinas größter europäischer Handelspartner. Im Jahr 2018 belief sich das bilaterale Handelsvolumen auf knapp 200 Milliarden Euro. Damit entfällt knapp ein Drittel des gesamten Handelsvolumens der EU mit China (rund 605 Milliarden Euro) auf Deutschland. Auf die deutschen Importe aus China entfielen knapp 106 Milliarden Euro. Dass Deutschland langfristig von der Entwicklung in China betroffen sein wird, ist daher vor allem eine Frage der Zeit.

Covid-19-Epidemie: offizielle Zahlen seit Beginn der Epidemie (kumuliert).
Grafik: Berliner Zeitung/Isabell Galanty

„An der einen oder anderen Stelle ruckelt es bereits, vor allem in der Logistik. Viele Häfen sind dicht“, sagte Schwarz. „Aber wir merken derzeit noch keine direkten Folgen. Die Lieferketten funktionieren ja langfristig; viele Waren sind ja schon verschifft und auf dem Weg. Außerdem sind die Lager meist noch gut bestückt.“

Der chinesische Automarkt ist angeschlagen

An der Börse sind die Folgen der Coronavirus-Epidemie bereits abzulesen. Am Donnerstag fiel der Euro-Kurs mit 1,0834 US-Dollar auf den tiefsten Stand seit April 2017. In China selbst schwächelt der ohnehin angeschlagene Automarkt. Im Januar lieferten die Hersteller an die Autohändler mit 1,61 Millionen Fahrzeugen im Vergleich zum Vorjahr gut ein Fünftel weniger aus, wie der Herstellerverband CAAM am Donnerstag in Peking mitteilte. Das war der stärkste Einbruch seit dem Jahresanfang 2012.

Auch vor der Kreativwirtschaft macht das Virus nicht halt: Schon vor einigen Tagen hatten chinesische Filmschaffende ihre Teilnahme an der Berlinale, die am Donnerstag kommender Woche in Berlin beginnt, absagen müssen: Sie hatten keine Ausreiseerlaubnis erhalten.

In welchem Maße die deutsche Wirtschaft von Sars-CoV-2, wie das Virus offiziell heißt, letztlich beeinträchtigt wird, hängt wesentlich davon ab, wie lange die akute Lage anhält. Noch ist der Höhepunkt der Virus-Infektion nach Ansicht von Gesundheitsexperten  nicht erreicht.

In der besonders vom Coronavirus betroffenen chinesischen Provinz Hubei stieg die Zahl der Todesopfer im Vergleich zum Mittwoch um mehr als das Doppelte. Die Zahl der neu nachgewiesenen Infektionen hat sich sogar fast verzehnfacht.