Mit diesem Sonnabend tritt die 11. Infektionsschutzverordnung in Berlin in Kraft. Der Bundestag berät gerade in erster Lesung eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes. Mit diesem werden die auf dem Verordnungsweg erlassenen Maßnahmen rechtlich sanktioniert. Die Grundrechte werden drastisch eingeschränkt. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von einer nationalen Notlage. Die Bundesregierung will weitere Milliarden zur Behebung der Corona-Folgeschäden lockermachen. Die einen fragen sich: Reicht das alles aus? Die anderen sagen: Muss das sein?

Ärzte, die an der Basis tätig sind und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, schildern die Lage wie folgt: Die Zahl der Corona-Infektionen steigt, anders als im Frühjahr, deutlich an. Im Frühjahr waren viele Stationen lange leer, heute nähern sich viele Stationen ihrer Kapazitätsgrenze. Das Coronavirus ist hochansteckend. Wenn sich ein Patient in einem Zimmer infiziert hat, dauert es ein paar Tage, dann sind die anderen auch infiziert. Die Folgen des Virus sind vor allem für bestimmte Risikogruppen erheblich: Dazu gehören ältere Menschen, aber auch Raucher, Asthmatiker, Diabetiker und Krebspatienten. Für junge und gesunde Menschen ist das Virus in der Regel gut zu verkraften.

Warum aber ist das Gesundheitssystem wirklich am Limit angekommen? Die Antwort ist einfach – sie ist aber im öffentlichen Diskurs kaum zu hören.

Das Gesundheitssystem in Deutschland ist zwar technisch und fachlich exzellent. Doch wie in anderen westlichen Ländern auch ist in den vergangen zehn Jahren massiv am Personal gespart worden. Die Idee vom „Krankenhaus der Leistung“ rächt sich heute: Demnach sollen Krankenhäuser wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Weil die Kosten wegen immer umfassenderer Behandlungsmöglichkeiten und wegen einer überalterten Bevölkerung jedoch steigen, wurde beim Personal gespart – und zwar radikal und strukturell. Unser „Arzt von der Basis“ sagt: Wo er früher sieben Krankenschwestern hatte, hat er heute nur noch zwei. Die Leute sind überarbeitet. Selbst unqualifiziertes Personal ist kaum noch zu bekommen.

Im Fall von Corona ist die Lage besonders dramatisch. Wird ein Patient positiv getestet, muss das Personal, das ihn betreut hat, in Quarantäne. Zwar gibt es die Möglichkeit, beim Gesundheitsamt einen Antrag zu stellen, dass der Mitarbeiter trotzdem zurückkehren darf. Doch das dauert, ist bürokratisch und mit ungewissem Ausgang. Es gibt zwar das sogenannte „Leasing-Personal“– also Leiharbeiter, die auf Zeit bei Spitzenauslastungen angeheuert werden können. Diese Leute wandern von Krankenhaus zu Krankenhaus und sind daher eine Ansteckungsgefahr für die gefährdete Patientengruppe. Das gibt es in Corona-Zeiten auch nicht mehr. Verschärfend kommt hinzu, dass die Behandlung von Corona-Kranken besonders personalintensiv ist: Wegen Abstand- und Hygiene-Regeln müssen vom Personal umfassende Maßnahmen ergriffen werden. Das beginnt beim häufigen Wechseln der Kleider und endet bei der Belegung der Zimmer. Noch mehr Arbeit also für ein wegen der Quarantäne schockartig verkleinertes Team.

Die aktuellen Corona-Maßnahmen sind also eine Symptombehandlung: Sie werden verordnet, weil es sonst zu einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems käme. Sie können aber den Crash nur bremsen, nicht aufhalten: Denn das Coronavirus ist hier, um zu bleiben. Es wird mutieren. Es werden andere, neue Viren kommen. Es gibt bereits andere, bisher nicht gelöste Probleme – wie etwa die Antibiotikaresistenzen oder die Krankenhauskeime. Um das Problem wirklich zu lösen, ist eine radikale Reform des Gesundheitswesens nötig.

Der Staat muss seine Ressourcen bündeln, wenn er die Gesundheit seiner Bürger schützen will. Die moralische Attitüde, mit der viele Politiker die Einschränkungen verkaufen, wecken die Illusion, dass das Virus verschwindet, wenn alle schön artig sind und nicht mehr feiern oder keinen gemeinsamen Sport betrieben. Das ist Unfug – wie man in Großbritannien oder Frankreich sieht: Dort steigen die Zahlen trotz monatelanger Lockdowns.

Nur eine teure Reform des Gesundheitssystems wird die Normalität zurückbringen. Die milliardenschweren Rettungen von Fluglinien, Arbeitsplätzen über Kurzarbeit oder der Gastronomie sind kontraproduktiv: Das Geld fehlt im Gesundheitswesen, der desaströse Zustand, den wir seit Jahren kennen, wird verlängert. Bund, Länder und Kommunen müssen sich dieser unbequemen Wahrheit stellen. Sonst haben wir am Ende Chaos und das Virus.