29.03.2014, Nordrhein-Westfalen, Duisburg: Die Ankunft des «Yuxinou»-Zuges wird bei der Einfahrt in den Duisburger Hafen gefeiert.
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Mit der „Neuen Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative, BRI) hat China vor einigen Jahren ein ambitioniertes Projekt gestartet. Ähnlich wie beim Marshall-Plan der USA nach dem Krieg will China versuchen, seine Waren schnell nach Europa zu transportieren. Die Neue Seidenstraße soll einen möglichst effizienten Handelsweg über die Schiene und die See schaffen. China hat zu diesem Zweck zahlreiche strategisch wichtige Standorte für sich gewinnen können, etwa den Hafen von Piräus in Griechenland.

In Deutschland endet die Seidenstraße an einem riesigen Verlade-Terminal in Duisburg. Zur Finanzierung wurde die Asian Investment and Infrastructure Bank (AIIB) ins Leben gerufen. Diese Konkurrenz zur von den Amerikanern dominierten Weltbank wurde von Washington erbittert bekämpft, allerdings ohne Erfolg: Nicht einmal der engste US-Verbündete Großbritannien ließ sich von der Mitwirkung abhalten. Deutschland macht ebenfalls mit – schon im Hinblick auf die eigene Exportindustrie. Das Konzept: Die Chinesen sorgen für die Finanzierung, alle anderen profitieren von lukrativen Infrastruktur-Projekten.

Doch die Corona-Krise setzt dem Projekt nun konkret zu: Die Financial Times zitiert anonyme chinesische Politikberater und Banker mit der Information, dass zahlreiche Staaten ihre Hand gehoben haben, weil sie die von den Chinesen ausgereichten Kredite nicht mehr bedienen können. Es geht um hunderte Milliarden Dollar, die etwa für die China Development Bank und die chinesische Export-Import Bank plötzlich im Feuer stehen. Zahlreiche Staaten wollen wegen Corona ihre Schulden erlassen bekommen. Peking ist nervös und versucht, Auswege zu finden. Der vollständige Verzicht auf die Rückzahlung sei ausgeschlossen, sagt ein Informant der FT. Aber die Banken überlegen, die Zinsen zu senken und gar zu erlassen.

Eines der Probleme der Chinesen: der globale Shutdown. Man könne nicht, wie sonst, zu den Schuldnern reisen, um Verhandlungen zu führen, sagt ein Mitarbeiter. Die Größenordnung, um die es geht, ist erheblich, etwa die Hälfte der Kredite droht „faul“ zu werden. Der Grund: China hat vor allem schlechte Schuldner mit frischem Geld versorgt, so hat es die US-Finanzberatung RWR Advisory in einer Untersuchung ermittelt. Etwa 461 Milliarden Dollar wurden für die BRI-Finanzierung aufgebracht. Die Kredite gingen laut OECD an als hochriskante Schuldner einzustufende Länder wie Pakistan, Iran, Nigeria oder Venezuela. Afrikanische Staaten stehen laut Berechnungen der Johns Hopkins School of Advanced International Studies mit 143 Milliarden Dollar bei chinesischen Unternehmen, Banken und der Regierung in der Kreide.

Die US-Ratingagentur Fitch schrieb in einem Bericht im April, dass die Neue Seidenstraße „einen schweren Rückschlag“ wegen Corona erlitten habe. Das Projekt, von Chinas Präsident Xi als wichtigste Initiative seiner Amtszeit vorangetrieben, dürfte ins Stocken geraten. Neben der Unfähigkeit, die alten Schulden zu bezahlen, werde es zahlreichen Staaten nicht möglich sein, neue Projekte zu finanzieren.

Der Handelsweg, mit dem China die Dominanz der Amerikaner in Europa brechen wollte, könnte von der Pandemie unterbrochen werden. Die aufziehende globale Rezession wird die Nachfrage nach Produkten aus China sinken lassen. Die US-Vorwürfe, China sei am Ausbruch des Virus schuld, könnten dem Ansinnen den Rest geben: Wenn die USA Strafzölle oder gar Sanktionen gegen China verhängen, könnte das Projekt Neue Seidenstraße viel schneller als gedacht sein Momentum verlieren.