Vor rund 165 Jahren entdeckte James W. Marshall bei Bauarbeiten für ein kalifornisches Sägewerk zufällig ein Goldnugget, 23 Karat und damit zu 96 Prozent reines Gold. Obwohl Marshall seinen Fund geheim halten wollte, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Bald darauf strömten Tausende nach Kalifornien – im Rausch hofften sie alle, eigene Nuggets aufzustöbern und den Rest ihres Lebens im Luxus schwelgen zu können. Aber nur wenige hatten tatsächlich dieses Glück.

Was damals Goldnuggets waren, sind heute Unternehmen wie Facebook, Zalando und Instagram. Sie alle waren einmal klein und unscheinbar und warteten darauf, von Investoren entdeckt zu werden. Ein Vorteil der Neuzeit: Die Goldgräber des 19. Jahrhunderts beanspruchten ihre Nuggets für sich allein. Heute können im Prinzip unzählig viele Investoren an dem Fund eines Nuggets, pardon, dem Erfolg eines Unternehmens beteiligt werden. Crowdinvesting nennt sich diese moderne Goldsuche, zu Deutsch: Schwarmfinanzierung.

Hohes Risiko, hohe Renditen

Sie funktioniert so: Junge, aufstrebende Unternehmen, Start-ups, bewerben sich auf speziellen Plattformen, um in das Investing-Programm aufgenommen zu werden. Die Plattformen sichten die Bewerbungen, laden die Jungunternehmer ein und entscheiden anschließend, ob die Unternehmensidee erfolgsversprechend ist. Auf der Plattform können sich dann interessierte Investoren und Anleger die verschiedenen Jungunternehmer anschauen, sich durch das Portfolio klicken und in kurzen Videofilmen junge Firmenchefs und Chefinnen beobachten, die für ihre Idee werben.

Überzeugt das Konzept, können die Investoren sich mit einer beliebigen Summe beteiligen – entweder in Form von Darlehen oder indem sie Anteile kaufen. Auch Kleinstanleger können investieren, weil die Mindestbeiträge zum Teil nur bei 100 Euro liegen. Haben sie sich kostenlos mit Adresse und Steuernummer registriert, wird das Geld per Lastschrift vom Konto abgezogen und an das Start-up weitergereicht. Zwischen dem Investor und dem Unternehmen entsteht nun ein Vertrag. Entpuppt sich das Start-up als Goldnugget, darf der Investor sich auf Reichtümer in Form von hohen Renditen freuen. Wenn nicht, ist sein Kapital verloren.

Crowdinvesting ist dabei nicht zu verwechseln mit Crowdfunding. In beiden Fällen buhlen junge Unternehmen um Investoren, die aber jeweils eine andere Rolle einnehmen. Beim Funding werden vor allem künstlerische Projekte finanziert, mehrheitlich, weil die Unterstützer überzeugt von dem Produkt oder dem Vorhaben sind. Im Gegenzug erhalten sie eine CD oder werden im Abspann eines Films erwähnt. Anders dagegen beim Crowdinvesting: Auch hier ist der Schwarm von einer Idee überzeugt, sonst würde sie nicht investieren. Aber die „Crowd“ glaubt vor allem an die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens und hofft, möglichst bald an Gewinnen beteiligt zu werden.

Die Zahl der ausschwärmenden, risikobereiten Investoren wächst dabei stetig. Bisher wurden rund 13 Millionen Euro mit Crowdinvesting eingesammelt, wie eine Umfrage der Plattform für-gründer.de ergeben hat. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres flossen 5,2 Millionen Euro an insgesamt 74 Start-ups.

Derzeit dominieren drei Plattformen den Crowdinvesting-Markt. Sie sind das Bindeglied zwischen Goldsuchern und möglichen Nuggets und schürfen selbst ein bisschen: Finden sich genug Investoren für ein Projekt, bekommen die beteiligten Plattformen Provisionen.

Der größte Anbieter ist Seedmatch. Mehr als acht Millionen Euro hat die Plattform von über 18 000 Nutzern bereits eingesammelt. 47 Projekte konnten so finanziert werden. Erstmals schaffte es ein Projekt sogar, eine Million auf sich zu vereinen. Die Idee, Häuser mit der Abwärme von Computer-Servern zu heizen, hatte 883 Investoren überzeugt.

Sollte das Unternehmen tatsächlich in einigen Jahren den Umsatz vervielfachen können, gibt es zwei Möglichkeiten, wie die Investoren an Geld kommen können. Entweder es findet sich ein Großinvestor, der das Start-up aufkauft, auf neudeutsch Exit getauft. In diesem Fall sind die Geldgeber im Prinzip unbegrenzt am Verkaufserlös beteiligt. Oder sie kündigen ihren Vertrag nach Ende der Laufzeit: In diesem Fall winken je nach Umsatz Renditen von über 1 000 Prozent. Die Herausforderung ist dabei, unter den vielen Anwerbern die Goldnuggets zu finden. Immerhin, Crowdinvesting ist relativ transparent: Woran die meisten anderen glauben, kann jeder Interessent sehen.

Neben Seedmatch sammeln vor allem die Plattformen Companisto und Innovestment fleißig Geld. Companisto bündelt im Gegensatz zum Marktführer die Beteiligungen der Investoren, sodass die Unternehmen lediglich einen Vertragspartner haben. Innovestment wiederum möchte vor allem erfahrene Anleger anlocken und überlässt ihnen die Bewertung der Unternehmen, die in einem Auktions-ähnlichen Verfahren ermittelt wird.

Meist nur ein Jahr auf dem Markt

Für die Anleger bleibt das hohe Risiko problematisch. „Wenn die Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, ist das investierte Geld leider weg“, sagt Dana Melanie Schramm von Seedmatch. Und das kann durchaus passieren: Die meisten Firmen „sind vielleicht ein Jahr auf dem Markt“, schätzt Schramm.

Und noch etwas gilt es für die Anleger zu beachten: Sie sollten prüfen, wie seriös die Plattformen und Start-ups sind. „Eine spezielle gesetzliche Regelung für Crowdinvesting fehlt bislang“, warnt der Berliner Anwalt Sven Tintemann, der sich auf Kapitalmarktrecht spezialisiert hat. Seiner Einschätzung nach agieren die Plattformen in einer rechtlichen Grauzone. „Bislang ist nicht eindeutig, welche Anforderungen die Plattform-Anbieter im Einzelnen zu erfüllen haben. Tür und Tor stehen weit offen für unseriöse, betrügerische Anbieter.“ Er empfiehlt Anlegern, in Ruhe Unternehmen, Plattformen und Renditen zu prüfen. Andernfalls droht ihnen das Schicksal vieler Goldgräber.