Crowdinvestment: Vom Schwarm getragen

Berlin - Wie lange braucht ein Start-up, um hunderttausend Euro bei Investoren einzusammeln? Da müssen Potenziale des Unternehmens bewertet, Risiken analysiert, Verträge ausgearbeitet und schließlich unterzeichnet werden. Sechs Monate, heißt es in der Szene, sollte ein Start-up für diesen Prozess veranschlagen. Dass es auch schneller geht, hat die junge Firma Paymey bewiesen. Genau 31 Stunden brauchte sie, um 100.000 Euro zusammenzubekommen. Kleinanleger hatten die Summe über die Crowdinvestmentplattform Seedmatch mit Beträgen ab 250 Euro aufgebracht. Paymey will das Kapital nutzen, um ein Bezahlsystem für Mobiltelefone marktreif zu machen. Seit drei Wochen ist das Start-up in der zweiten Finanzierungsrunde. 200.000 Euro sind das Ziel. 149.000 Euro haben sie schon.

Geld von „omahelga“

Man kann am Beispiel von Paymey einen Trend beobachten. Knapp zwanzig Millionen Euro wurden im vergangenen Jahr über Crowdinvestment eingesammelt, 2012 waren es noch 13 Millionen. Allein auf Seedmatch legt im Durchschnitt ein Investor jede Stunde 1000 Euro an. Im vergangenen Jahr schlossen dort 21 Start-ups erfolgreiche Finanzierungsrunden ab. Die größte Summe erhielt eVolo aus Karlsruhe für die Entwicklung eines Helikopters: 1,2 Millionen Euro, die von 750 verschiedenen Investoren kamen.

In Zeiten, in denen immer wieder davon die Rede ist, dass in Deutschland und vor allem in Berlin zwar mittlerweile eine lebendige Start-up-Szene entstanden ist, es aber viel zu wenige Geldgeber gibt, entwickelt sich Crowdinvestment zu einer ernstzunehmenden Finanzierungsform für junge, innovative Unternehmen.

Auf der Internetseite von Seedmatch kann man in einer Art Liveticker mitverfolgen, wie das Geld in den virtuellen Hut der Start-ups fällt. Meist steht dort „Anonym“ hinter der Summe, andere Investoren haben sich launige Spitznamen zugelegt, nennen sich „Teetrinker 21“ oder „omahelga“. Manche haben einen Link zu ihrem Profil auf Xing oder Facebook angegeben: Ein Flensburger ist dabei, der für ein Schifffahrtsunternehmen in Oman arbeitet, ein Angestellter eines Softwareunternehmens aus Köln, ein Zauberkünstler aus Frankfurt. 90 Prozent der Investoren auf Seedmatch sind Männer im Durchschnittsalter von 37 Jahren.

Einer von ihnen ist „Flyguyffm“. So nennt er sich als Investor und auch in diesem Text soll es dabei bleiben, weil es sich anonym offen über Geld reden lässt. „Flyguyffm“ war der erste, der in der zweiten Finanzierungsrunde von Paymey investierte: „Viel Glück und eine gute Rendite!“ schrieb er dazu. 250 Euro hatte er bereits in der ersten Runde gegeben, jetzt investierte er noch einmal 250 Euro.

„Am Anfang fand ich die Idee interessant, ernst genommen habe ich sie nicht“, sagt er am Telefon. „250 Euro tun mir aber nicht weh.“ Er ist 46 Jahre alt, arbeitet als Flugbegleiter, er hat keine Kinder, dafür ein abbezahltes Haus. Geldanlegen ist für ihn ein exzentrisches Hobby. Er macht das seit 15 Jahren. Vielleicht sagt er deshalb, dass Investmentfonds ihm zu langweilig sind und Optionsscheine zu heiß. Er hat Geld auf einem Sparbuch liegen und hält Aktien, was dann noch übrigbleibt, investiert er seit zwei Jahren in Start-ups.

„Für mich stimmt da die Mischung“, sagt er. Er bekommt eine gehörige Portion Nervenkitzel, denn das Risiko ist hoch: Um die 80 Prozent der Start-ups in Deutschland scheitern, für Anleger bedeutet das Totalausfall. Aber wer wie „Flyguyffm“ mit kleinen Summen einsteigt , hält seine Verluste überschaubar und bekommt, wenn es gut läuft, hohe Renditen. „Mich muss aber vor allem die Story überzeugen“, sagt „Flyguyffm“. Er mag es, einem junges Unternehmen beim Wachsen zuzusehen, und mit seinem Geld an der Verwirklichung von Ideen beteiligt zu sein. Mobiles Bezahlen, an dem Paymey arbeitet, ist eine solche Idee, die ihm gefällt, umso mehr, als er an seinem Rechner zu Hause sah, wie schnell das Geld zusammenkam.

Bisher waren 1000 Euro die höchste Summe, die er über Crowdinvestment anlegte. „Man muss das streuen“, sagt er. Allein auf Seedmatch ist er an 30 Projekten beteiligt. Auf Lightfin, einer anderen Crowdinvestmentplattform, gab er einer Firma Geld, die eine neue Technologie für die Reinigung von Dieselmotoren entwickelt, auf Fundsters investierte er in einen Getränkehersteller aus Magdeburg. Mit jedem Investment bekommt „Flyguyffm“ eine Geschichte erzählt.

Die Investoren befragen

Der Mann, dem „Flyguyffm“ 500 Euro gegeben hat, sieht aus wie der perfekte Schwiegersohn: adretter Wollpulli, Sneaker, gepflegter Dreitagebart. Tobias Pfütze ist 26 Jahre alt, hat BWL und Chinesisch in Schanghai und Peking studiert. An Paymey arbeitet er seit fast drei Jahren. Leute wie „Flyguyffm“, sagt er, sind ein Grund, warum er sich entschieden hat, Crowdinvestment anzubieten, nachdem er zuvor mit seinem eigenen Geld und dem eines Business Angels, eine Art spendabler Start-up-Mentor, gearbeitet hat. Leute wie „Flyguyffm“ geben nicht nur Geld, sie recherchieren auch stundenlang selbst im Internet, bis sie so viel von einem Thema verstanden haben, dass sie die Schwachstellen an einer Unternehmensidee leicht erkennen.

Sie können über die Plattform Fragen an die Gründer schicken. Tobias Pfütze sagt, Crowdinvestment sei auch Crowdsourcing, die Chance also, den Schwarm befragen zu können, ein erster Test, ob ihre Idee überhaupt gebraucht wird, und damit auch eine Referenz für potenzielle zukünftige Risikokapitalgeber. Wenn Hunderte ihr privates Geld in eine Idee stecken, kann die nicht so schlecht sein. Das ist die Botschaft.

Ein Crowdinvestment kann schon mal für das Extra an Aufmerksamkeit sorgen. Für eine Idee wie die von Paymey ist das unerlässlich, weil sich derzeit viele Unternehmen auf dem Mobile-Payment-Markt herumtreiben. Und dann ist da noch das schnelle Geld. Wenn die Mindestfinanzierung erreicht ist, dauert es etwa zwei Wochen, ehe die erste Tranche ausgezahlt wird. Dann kann Paymey seine Programmierer bezahlen und weiterarbeiten.