Berlin - Die Markteinführung von Corona-Impfstoffen ist in der Pandemie ein Wettrennen sondergleichen. Die Tübinger Biopharmafirma Curevac galt lange als langsam, nun landet sie mit den neuesten Entwicklungen auf den hintersten Plätzen. Das Unternehmen musste in einer Pflichtbörsenmitteilung am Mittwochabend einräumen, dass der eigene Impfstoffkandidat CVnCoV in einer Zwischenanalyse nur eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent gegen eine Corona-Erkrankung „jeglichen Schweregrades“ erzielt habe. Damit habe der Impfstoff die vorgegebenen statistischen Erfolgskriterien nicht erfüllt. Die Märkte reagierten unerbittlich: Die in den USA gehandelte Aktie des Unternehmens brach in der Spitze um 52,4 Prozent auf 39,10 Euro ein und war damit so billig wie seit fast neun Monaten nicht mehr. 

In einem Conference Call versuchte die Führungsspitze des Unternehmens am Donnerstag noch die Wogen zu glätten. Das finale Ergebnis würde erst in zwei bis drei Wochen vorliegen, hieß es. Die mutierten Virenstämme seien dem Unternehmen eine große Hürde in der Entwicklung des Vakzins gewesen. Ob der Impfstoff noch eine Chance auf Marktzulassung habe, wusste die Vorstandsetage von Curevac im Call nicht einzuschätzen. Zwar bestehe die Möglichkeit der Zulassung. Aber ob das Vakzin dann von den Menschen noch angenommen würde, sei fraglich.

Der Curevac-Impfstoffkandidat befindet sich bereits seit Dezember 2020 – also seit rund einem halben Jahr – in der finalen und damit zulassungsrelevanten 2b/3-Studienphase. Während zahlreiche Konkurrenten ihre Vakzine längst auf den Markt gebracht haben, sammelte Curevac lange weiter Daten. Noch während der Bilanzpressekonferenz zum Geschäftsjahr 2020 hatte es im Frühjahr bei Curevac wiewohl geheißen, der Konzern sei bei der Entwicklung des Impfstoffes „gut im Zeitplan“. Und so rechnete Curevac-Chef Franz-Werner Haas mit einer Zulassung im zweiten Quartal 2021.

Zuletzt waren hingegen zunehmend Zweifel an dem Impfstoff aufgekommen. Im Frühjahr hatte das Unternehmen aufgrund der Vielzahl der Varianten schon das Studienprotokoll anpassen müssen. Vor einer Woche hatte es wiederum in Berliner Kreisen rund um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geheißen, der Impfstoff komme nicht vor August.

Die Aussichten für eine Zulassung sind mit der gegenwärtigen Wirksamkeit mau: Die Weltgesundheitsorganisation WHO erwartet eine Wirksamkeit von mindestens 70 Prozent, die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte einen Mindestwert von 50 Prozent festgelegt. Curevac hatte vor, nach den Daten „schnellstmöglichst“ eine Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA zu beantragen.

Grafik: Hecher, Quelle: Onvista
Nach dem Impfstoff-Desaster ist der Aktienkurs des Herstellers Curevac eingebrochen.

Impfstrategie der Bundesregierung und EU-Kommission davon unberührt

Auf die Impfstrategie der Bundesregierung haben die Nachrichten rund um Curevac unterdessen keinen Einfluss, wie ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums am Donnerstag mitteilte. Die Bundesregierung hatte den Curevac-Impfstoff zwar ursprünglich in der Impfkampagne eingeplant. Zuletzt war das Präparat auf der vom Ministerium veröffentlichten Liste der Lieferplanung für Impfstoffe aber nicht mehr aufgeführt worden.

Auch aus der Sicht der EU-Kommission stellt das Curevac-Desaster keine Bedrohung für das Ziel dar, bis Ende Juli 70 Prozent der erwachsenen EU-Bevölkerung zu immunisieren. „Wir haben von Anfang an auf ein breites Portfolio an Impfstoffen gesetzt“, sagte ein Behördensprecher am Donnerstag in Brüssel. Das sei auch gemacht worden, um für den Fall vorbereitet zu sein, dass ein Impfstoff ausfalle. Die Kommission gehe weiter davon aus, dass bis Ende kommenden Monats genügend Impfdosen geliefert werden könnten, um den EU-Staaten die Impfung von 70 Prozent ihrer erwachsenen Bevölkerung zu ermöglichen.

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hatte im Februar ein schnelles Prüfverfahren für den Impfstoff der Tübinger Firma gestartet. Für den Fall, dass es zu keiner Marktzulassung in der Europäischen Union kommt, gibt es in dem Vertrag der Kommission mit dem Hersteller eine Ausstiegsklausel.

Bund war im Sommer 2020 als Großaktionär bei Curevac eingestiegen

Im Wettbewerb um die Entwicklung eines Impfstoffs hatte Curevac etwa zur gleichen Zeit wie Biontech und wenige Wochen nach den ersten Berichten aus China über das neue Virus im Frühjahr 2020 damit angefangen, sich Gedanken über einen Impfstoff zu machen. Im Sommer 2020 griff der Bund dem Tübinger Unternehmen dabei als Großaktionär unter die Arme und erwarb über die Staatsbank KfW für 300 Millionen Euro knapp ein Viertel des Unternehmenskapitals.

Anfang des Jahres hatte sich das Unternehmen ein Partnernetzwerk aufgebaut, dem unter anderem Bayer und Glaxo Smith Kline angehören. Zu den Partnern, die wichtige Fertigungsschritte für den Impfstoff namens CVnCoV abdecken sollen, gehören unter anderem Wacker Chemie, Fareva, Rentschler Biopharma, Novartis und die Celonic Group.

Konkurrent Biontech hatte sich hingegen bereits im März 2020 mit dem US-Konzern Pfizer und dem chinesischen Konzern Fosun sowohl aus fachlicher als auch finanzieller Sicht potente Partner an Bord geholt, um den Corona-Impfstoff zu entwickeln. Im Dezember erteilte die US-Zulassungsbehörde FDA Biontech und Pfizer eine Notfallzulassung für ihren Impfstoff Comirnaty, kurze Zeit später erhielt das Präparat auch eine bedingte Genehmigung für die Europäische Union.