Berlin - Die Pflege eines Demenzkranken Familienangehörigen ist für viele Betroffene ein Kraftakt, der sie an seelische, finanzielle und körperliche Grenzen bringt. Das geht aus dem Pflegereport 2017 der DAK hervor, die die Krankenkasse am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. Demnach wünschen sich neun von zehn pflegenden Angehörigen mehr Geld, während zwei von drei mehr Unterstützung durch professionelle Pflegedienste fordern. 60 Prozent erwarten für sich und ihre dementen Familienmitglieder mehr Selbsthilfeangebote. 42 Prozent der Befragten benötigen laut der Studie mehr Informationsangebote über die Krankheit. Die Studie basiert auf einer repräsentativen Allensbach-Umfrage und Daten der Krankenkasse.

Für Betroffene und deren Angehörige steht meist die Frage im Mittelpunkt, wo der beste Ort für ein Leben mit Demenz ist. Die meisten entscheiden sich dabei immer noch für eine Pflege in der eigenen Wohnung, wie Studienleiter Thomas Klie von der Hochschule Freiburg sagt. Zwei Drittel aller Demenzkranken werden von Familienangehörigen versorgt. 60 Prozent derer, die sich um demente Angehörige kümmern, gaben allerdings an, mit der Situation überfordert und am Ende ihrer Kräfte zu sein.

„Es ist ein Knochenjob, einen demenzkranken Angehörigen rund um die Uhr zuhause zu betreuen“, sagt Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz dieser Zeitung. Besonders, weil der Patient je nach Schwere der Krankheit immer weniger mithelfen könne und permanente Anleitung benötige. „Pflegende Angehörige kommen dann an Grenzen“, so Brysch.

Ambulante Wohngruppen als Möglichkeit

So gaben laut der DAK-Studie auch nur 26 Prozent der Befragten an, dass der eigene Haushalt der ideale Ort ist, an dem Demente leben sollten – also weniger als die Hälfte derer, die ihre Angehörigen tatsächlich dort versorgen. Studienleiter Klie von der Hochschule Freiburg führt dies auch auf die Zustände zurück, unter denen Demente versorgt werden. „20 Prozent der zuhause Gepflegten werden fixiert, sediert oder eingesperrt. Das ist eine Demütigung und Menschenrechtsverletzung für die Betroffenen.“

Solche Fälle gebe es, sagt Patientenschützer Brysch und empfiehlt daher, „dass sich pflegende Angehörige Unterstützung holen und Auszeiten erlauben.“ Die Angebote dafür – die sogenannte Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege oder Tages- und Nachtpflege – erreichten zu wenig Menschen.

Großes Potenzial hätten dagegen ambulante Wohngruppen für Demenzerkrankte, sagte DAK-Chef Andreas Storm in Berlin. Vielerorts aber fehlten die Angebote. 20 Prozent der in der Studie Befragten halten Wohngemeinschaften für die beste Betreuungsform für Demenzkranke, wobei weniger als zwei Prozent der Betroffenen tatsächlich in einer solchen Einrichtung leben.

Berlin und ostdeutsche Flächenländer wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gelten dabei als Vorreiter bei Wohngruppen für Demente. Patientenschützer aber sehen dieses Modell kritisch und fordern einheitliche Standards, ohne die Wohngemeinschaften nicht sinnvoll seien. Doch einheitliche Standards gebe es deutschlandweit nicht, sagt Brysch dieser Zeitung. Faktisch gebe es „Kleinst-Pflegeheime“ ohne Qualitätskontrolle, in denen es weder den Pflegebedürftigen noch den Pflegekräften gut gehe.

DAK-Chef fordert mehr Investitionen

Angesichts im OECD-Vergleich niedrigen Pflegeausgaben Deutschlands forderte DAK-Chef Storm mehr Investitionen in die Pflege. Die zukünftige Bundesregierung müsse rund 250 Millionen Euro jährlich in die Hand nehmen, dass mehr Pflegekräfte eingesetzt werden und diese besser bezahlt werden können.

Doch nicht nur die finanzielle Ausstattung der Pflege sei für ihre Qualität entscheidend, sagt Studienleiter Klie. Auch die Wertschätzung von Menschen in Pflegeberufen müsse steigen, obwohl diese in den vergangenen Jahren schon stark zugenommen habe und teils sogar über der von Ärzten liege, so Klie. Dennoch: 80 Prozent der Deutschen finden, dass sowohl Menschen mit Demenz als auch deren Familien mehr Respekt verdient hätten.

Derzeit leben in Deutschland rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Schätzungen zufolge könnten es 2050 doppelt so viele sein, weil täglich 900 neue Fälle hinzukommen. Zwei Drittel aller Erkrankten sind dabei Frauen, die häufig ein höheres Lebensalter erreichen als Männer.