Hoch aus dem gelben Wagen – Paketzustellung ist eine physisch ausgesprochen fordernde Arbeit.
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BerlinNicht nur im öffentlichen Dienst stehen die Zeichen auf Streik. Mit weniger öffentlicher Aufmerksamkeit verhandelt auch bei der Post die Arbeitgeberseite mit der Gewerkschaft Verdi über einen neuen Tarifvertrag für den Geschäftsbereich Brief&Paket. Am Montag kamen die Verhandler zur dritten Verhandlungsrunde zusammen, die an diesem Dienstag fortgesetzt werden sollte. „Wir liegen sehr weit auseinander“, sagte die zuständige Berliner Verdi-Sekretärin Benita Unger vor Beginn der Gespräche der Berliner Zeitung. 5,5 Prozent mehr Gehalt fordert Verdi für die rund 140.000 Tarifbeschäftigten, mehr als die Hälfte von ihnen Briefträger und Paketboten – 1,5 Prozent ist die Post bereit zu zahlen.

Der zähe Verlauf der Gespräche hat seine Ursache jedenfalls nicht in etwaigen wirtschaftlichen Nöten des Konzerns. Um drei Prozent wuchs der Umsatz der Post allein im zweiten Quartal, um mehr als 18 Prozent der Gewinn. Die Deutschen kaufen viel mehr im Internet ein, gerade in der Coronakrise.

Die Post verweist unter anderem auf die gute Entwicklung der Gehälter in den vergangenen Jahren. „Während zwischen 2010 und 2019 die Verbraucherpreise um 12,5 Prozent stiegen, lag die Gehaltsentwicklung bei der Deutschen Post bei 20 Prozent“, erklärte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage der Berliner Zeitung und berief sich dabei auf Zahlen für den Gesamtkonzern.

Daten aus dem Finanzministerium –zusammengestellt auf Anfrage des Berliner Linke-Abgeordneten Pascal Meiser – legen jedoch nahe, dass der Personalaufwand der Post im Geschäftsbereich Brief&Paket in den vergangenen zehn Jahren längst nicht so stark gestiegen ist. Denn nicht nur der Personalaufwand – also die Summe aus Gehaltszahlungen und Sozialabgaben – wuchs, sondern auch die Zahl der Mitarbeiter, und zwar von 148.066 auf 159.100.

Mehr jüngere Mitarbeiter – Post spart Geld

Betrachtet man beide Werte zusammen, dann ergibt sich ein differenziertes Bild. Der Personalaufwand ist demnach nur moderat gestiegen. Die Kosten pro Mitarbeiter stiegen geringer an als die Inflation. Erklären lässt sich das aus der jährlich sinkenden Zahl von – gut verdienenden – Beamten und Mitarbeitern mit älteren, besonders vorteilhaften Arbeitsverträgen. Zudem hatten die Beschäftigten in der vorigen Tarifrunde die Wahl: Sie konnten sich entweder für mehr Gehalt entscheiden oder für mehr Freizeit. Viele entschieden sich für die zweite Alternative.

Es ergibt sich scheinbar ein Paradox: Jeder einzelne aktive Mitarbeiter erhielt in den vergangenen Jahren mehr Geld für seine Arbeit oder das gleiche Geld für weniger Stunden. Da sich die Struktur der Belegschaft geändert hat und mehr jüngere Mitarbeiter mit günstigeren Verträgen im Unternehmen arbeiten, spart die Post dennoch Geld.

Diese eingesparten Beträge möchte Verdi in den Tarifverhandlungen für die Mitarbeiter sichern – sekundiert von der Linken. „Die Postzusteller, die auch zu Hochzeiten der Corona-Krise dafür sorgten, dass unser aller Briefe und Pakete ihr Ziel erreichen, haben Besseres verdient“, erklärte der Abgeordnete Pascal Meiser. Die Forderungen seien absolut berechtigt.

Doch auch die Post braucht einen klaren Plan, wie sie künftig Personal gewinnen und halten will. Die Fluktuation in der Zustellung ist beträchtlich. Viele Einsteiger, so berichten Beschäftigte, unterschätzten die physische Anstrengung in der Zustellung und gäben auf. Selbst von den Auszubildenden brachte es vor wenigen Jahren nur jeder dritte bis zum Abschluss.

Sollte sich der Tarifkonflikt ausweiten, dann könnte das die Post in Bedrängnis bringen. Bald beginnt das Weihnachtsgeschäft, das Volumen der Sendungen steigt dann nochmals deutlich an. Nur mit Aushilfskräften kann das Unternehmen diese Auftragsspitze bewältigen. Ausstände oder Warnstreiks – wie sie in der vorigen Woche deutschlandweit und auch in Berlin und Brandenburg stattfanden – würden die Post also besonders empfindlich treffen.