Neue Liebe für das Auto: Der Pkw bietet mehr Privatsphäre als der öffentliche Nahverkehr.
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BerlinDie Mobilität steht kopf. Flugzeuge bleiben am Boden, Zugverbindungen werden ausgedünnt, die BVG verlängert ihre Takte. Und das Auto? Auf den ersten Blick ist der Verkehr merklich zurückgegangen. Ganz anschaulich machen das Daten des Navigationssystemanbieters Tom Tom. Die zeigen einen deutlich schnelleren Verkehrsfluss und weniger Staus in der vergangenen Woche auf Berlins Straßen. Doch der Schein trügt: Das Auto könnte womöglich der große Gewinner der Krise sein. Wenn der Verkehr nicht anders gestaltet wird, warnen Experten.

Die Gründe für den derzeitigen Rückgang sind schnell gefunden: Das Leben in der Stadt steht weitestgehend still, die Ausgangsbeschränkungen machen sich natürlich auch in der Mobilität bemerkbar. Selbst der Berufsverkehr, der in Berlin mit Hunderttausenden Arbeitnehmern täglich einen Großteil des Verkehrs ausgemacht hat, ist für den Moment zurückgegangen. Pendler bleiben zu Hause, weil sie ihre Kinder betreuen müssen, ihr Arbeitgeber Kurzarbeit angemeldet hat oder sie ins Homeoffice geschickt wurden.

Quelle: TomTom
Grafik: Isabella Galanty

Doch was wird sein, wenn die Krise vorbei ist? Wird sich die Autodichte wieder dem Niveau von der Zeit davor anpassen? Oder wird sich der Verkehr insbesondere in Großstädten nachhaltig verändern?

„Natürlich kann das zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand absehen“, sagt Christian Hochfeld, Direktor des Thinktanks Agora Verkehrswende. „Aber es lassen sich zurzeit schon Trends erkennen, die auch in Zukunft eine Rolle spielen könnten.“ Insbesondere im Arbeitsleben: Videokonferenzen erleben eine nie dagewesene Akzeptanz. Sie ermöglichen, dass Kontakt möglich ist, ohne Kilometer dafür zurücklegen zu müssen. „Das wird womöglich bleiben, weil man durch die Krise damit nun Erfahrungen gesammelt hat, die es so vorher nicht gab“, so Hochfeld.

Tatsächlich steigen mehr Menschen auf das Auto um

Gleichzeitig lasse sich allerdings auch eine gegenteilige Entwicklung beobachten: Auch wenn der Autoverkehr insgesamt gerade zurückgeht (Logistikverkehre ausgenommen), könne beobachtet werden, dass dennoch mehr Menschen auf das Auto umsteigen. Das beschreibt auch Stephan Rammler, Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung Berlin. „Das Auto wird aufgrund des sozialen Distanzgebotes wieder attraktiver“, sagt er. „Menschen entscheiden sich, den öffentlichen Verkehr zu meiden, in dem der empfohlene Abstand und nötige Hygieneregeln nicht so leicht einzuhalten sind.“ Im Gegensatz zum privaten Auto. Das gleiche gelte auch für Sharing-Konzepte. Hier sei die geteilte Öffentlichkeit zwar kleiner, die soziale Distanzierung dennoch nicht groß genug. Und auch die ausreichende Hygiene könne nicht immer gewährleistet werden. In Berlin haben Sharing-Dienste wie Lime und Berlkönig ihren regulären Betrieb vorübergehend eingestellt. Andere Anbieter werben mit strengeren Hygieneregeln, vermelden aber dennoch eine geringere Nachfrage.

Jetzt gehe es darum, die richtigen Schlüsse zu ziehen, sagt Rammler. Und das bedeute, den Verkehr zu gestalten, wenn man nicht wolle, dass mit Blick auf die Klimafrage ein „Roll-Back-Effekt“ in den Mobilitätsgewohnheiten entstehe. Ganz konkret hieße das beispielsweise den öffentlichen Verkehr „virus-sicher“ auszugestalten: Dazu gehöre laut dem Zukunftsforscher unter anderem ein getrennter Ein- und Ausstieg, bessere Belüftungssysteme, eine erhöhte Taktfrequenz, um allzu volle Bahnen und Busse zu vermeiden. „Sicherlich ist man mit Blick auf die Zukunft aber auch gut beraten, das Radverkehrsnetz auszubauen“, so Rammler. Denn neben dem Rückzug aufs private Auto, findet auch eine Re-Verlagerung aufs Fahrrad statt.

Eingeschränkten Fahrplan schnell wieder hochfahren

Hochfeld von der Agora Verkehrswende sieht Berlin da zumindest ganz gut gerüstet. „Berlin hat im Vergleich zu vielen anderen deutschen Großstädten einen enorm gut ausgebauten Nahverkehr“, so seine Einschätzung. Die Taktung des öffentlichen Personennahverkehrs sei im Normalfall gut. „Sicherlich ist es wichtig, in dem Moment, in dem die Ausgangsbeschränkungen gelockert werden, den zurzeit eingeschränkten Fahrplan schnell wieder hochzufahren, damit das auch so bleibt.“

Was fehle, sei Geld, den öffentlichen Verkehr weiter auszubauen und zu verbessern. Sein Lösungsvorschlag: nutzerabhängige Straßenentgelte, eine Art Pkw-Maut, bei der Autofahrer so viel zahlen, wie sie mit ihrem Auto fahren. Mit dem Geld könne man dann den öffentlichen Verkehr teilweise finanzieren. Und nicht alle Pendler würden künftig wieder auf das Auto umsteigen. „Immerhin sehen wir aber auch einen Wandel in der Automobilindustrie, hin zu Elektromobilität“, so Hochfeld.