„Das ist brutal“: Für chemische Industrie lohnt sich die Produktion teils nicht mehr

Hohe Energiepreise bringen deutsche Chemiebranche in Bedrängnis. Sind die Pharmakonzerne dank der Pandemie besser aufgestellt? Was der Geschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) dazu sagt.

Anlagen der SKW Stickstoffwerke Piesteritz. Bei Deutschlands größtem Stickstoff- und Ammoniakhersteller gab es einen Produktionsstopp aufgrund der Gasknappheit.
Anlagen der SKW Stickstoffwerke Piesteritz. Bei Deutschlands größtem Stickstoff- und Ammoniakhersteller gab es einen Produktionsstopp aufgrund der Gasknappheit.dpa/Sebastian Willnow

Die deutsche Chemiebranche ist besonders energieintensiv. Ob Produktionsstopps beim Düngemittel- und Adblue-Hersteller SKW Piesteritz, rote Quartalszahlen samt Stellenabbau beim Marktführer BASF oder starke Einbußen beim Kunststoffkonzern Covestro: Die Krise schreitet voran. Was tun? Wir haben mit dem Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Chemieindustrie (VCI), Wolfgang Große Entrup, gesprochen.

Berliner Zeitung: Herr Große Entrup, lohnt es sich noch für die Chemieindustrie, in Deutschland zu produzieren?

Wolfgang Große Entrup: Die Situation in der Chemieindustrie ist so ernst wie nie zuvor. Die Energie- und Rohstoffkosten unserer Unternehmen haben sich seit Anfang 2021 vervielfacht. Das ist brutal. Die explodierenden Preise haben in der Tat zur Folge, dass sich einige Produktionsprozesse in Deutschland nicht mehr lohnen. Die Chemieproduktion ist seit Jahresbeginn insgesamt um mehr als zwölf Prozent eingebrochen. Die Situation wird sich weiter zuspitzen, wenn die Politik nicht wie angekündigt massiv gegensteuert.

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VCI
Zum Gesprächspartner
Wolfgang Große Entrup ist seit über drei Jahren Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Zwischen 2002 und 2019 war der diplomierte Agraringenieur in verschiedenen Positionen beim Chemie- und Pharmakonzern Bayer in Leverkusen tätig, zuletzt als der leitende Vizepräsident und Leiter für Corporate Sustainability & Business Stewardship.

Profitiert die Chemieindustrie aber nicht immer noch von alten Verträgen mit relativ günstigen Strompreisen?

Immer mehr Strom- und Gaslieferverträge laufen aus und müssten teils zu utopischen Konditionen verlängert werden. Häufig bekommen vor allem unsere mittelständischen Unternehmen auch gar keine Anschluss- oder Neuverträge mehr. Sie wären dann in den nächsten Monaten gezwungen, ihre Produktion einzuschränken oder gar ganz stillzulegen.

Welche Zweige sind besonders betroffen?

Besonders energie- und gasintensive Produktionsprozesse wie die Ammoniakproduktion wurden bereits zurückgefahren. Einige Anlagen stehen still. Damit die Unternehmen eine Zukunft in Deutschland haben, brauchen sie jetzt ganz schnell Hilfen durch kurzfristige Strom- und Gaspreisbremsen und die Aussicht auf dauerhaft wettbewerbsfähige Energiepreise in Deutschland. Wir haben heute schon einen enormen Strombedarf, der in Zukunft noch weiter steigen wird, wenn wir unsere Transformation zur treibhausgasneutralen Chemie umsetzen wollen.

Wir brauchen riesige Mengen Grünstrom zu wettbewerbsfähigen Preisen.

Wolfgang Große Entrup, VCI-Geschäftsführer

Das heißt, die Chemieindustrie stirbt vorerst nicht aus?

Grundsätzlich kann und will unsere Branche auch in Zukunft erfolgreich hier in Deutschland produzieren. Unsere Produkte sind elementar und werden überall gebraucht. Ohne Chemie steht die Wirtschaft still. Wir haben einen Plan, wie wir bis Mitte des Jahrhunderts in Deutschland klimaneutral werden können. Die ostdeutschen Chemiestandorte wie Leuna sind ganz vorne dabei, ihre Energie- und Rohstoffbasis umzustellen. Hier gibt es etwa große Projekte zur Produktion grünen Wasserstoffs. Damit die Unternehmen die riesigen Investitionen aber auch wirklich in die Tat umsetzen können, brauchen sie die Sicherheit, dass sie in Deutschland konkurrenzfähig bleiben können. Sie brauchen zum Beispiel riesige Mengen Grünstrom zu wettbewerbsfähigen Preisen.

Die SKW Piesteritz haben im August und September wegen zu hoher Gaspreise kein Adblue und keine Düngemittel produziert. Jetzt läuft es trotz hoher Verluste weiter. Nur vorübergehend?

Die Lage in der Grundstoffchemie ist in der Tat besonders ernst. Ihre gas- und stromintensiven Prozesse waren von den Preisanstiegen besonders stark betroffen. Da sie am Anfang zahlreicher industrieller Produktionsketten stehen, droht ein Dominoeffekt in vielen Bereichen der deutschen Wirtschaft. Wir beobachten jetzt schon, dass die ersten Wertschöpfungsketten zu reißen beginnen. Wenn Basischemikalien wie Methanol, Acetylen und Ammoniak knapp werden, fehlen etwa Vorprodukte für Betäubungsmittel, Infusionslösungen oder andere pharmazeutische Produkte. Oder es kommt zum Versorgungsengpass mit Harnstoff für AdBlue und damit für die gesamte Logistikkette der Wirtschaft. Und ohne Salzsäure können Müllverbrennungsanlagen und Kläranlagen nicht betrieben werden.

Gibt es bereits eine Abwanderungsstimmung bei den VCI-Mitgliedern? Ist der Begriff Deindustrialisierung zu gewagt oder genau richtig, um den Trend zu beschreiben?

Die Gefahr, zum Industriemuseum zu mutieren, ist real. Durch die extrem gestiegenen Energiekosten ist der Standort Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig. Wir wissen heute nicht, ob die bereits stillgelegten Anlagen jemals wieder hochgefahren werden und wie viel Produktion noch mal zurückkehrt. Einige Unternehmen versuchen, die Kosten durch verstärkte Produktion im Ausland im Griff zu behalten. Die, die das nicht können, stehen zunehmend mit dem Rücken zur Wand und können kaum mehr auf dem internationalen Markt bestehen oder sie müssen zusehen, wie ihre Produkte durch Importe vom Weltmarkt ersetzt werden. Dazu zählen auch viele Mittelständler. Immer mehr Unternehmen denken darüber nach, Investitionen ins Ausland zu verlagern. In Summe ein gewaltiger Alarmruf für den Standort Deutschland.

Bereits 2012 warnte der VCI, dass einzelne energieintensive Bereiche abwandern und die etablierten Wertschöpfungsketten schwer geschädigt werden. Ist das in den letzten Jahren schon passiert oder war das nur eine zugespitzte Warnung?  

Die VCI-Prognos-Studie aus dem Jahr 2012 hat Entwicklungspfade für unsere Branche bis 2030 in Abhängigkeit von den wirtschafts- und industriepolitischen Weichenstellungen in Berlin und Brüssel aufgezeigt. Ein Szenario beschrieb dabei die Auswirkungen nicht mehr konkurrenzfähiger Energiepreise auf die Industrie. Die Abwanderung energieintensiver Bereiche und die Schädigung etablierter Wertschöpfungsstrukturen wären die unausweichliche Folge. Zum Glück wurden die Warnungen gehört. Die Politik war bemüht, durch Entlastungsregelungen für die energieintensiven Bereiche der Wirtschaft das Schlimmste zu verhindern. Das ist bis zur Energiekrise auch weitgehend gelungen.

In Ihrer Export-Prognose aus dem Jahr 2019 wird bis 2050 ein gewisses Wachstum sowohl für die Pharmaindustrie als auch für die Spezialchemie erwartet. Nur die Exporte der Basischemie mussten laut der Prognose schrumpfen. Ist die Prognose noch aktuell?

2019 haben wir die VCI-Prognos-Studie aktualisiert. Darin wurde aufgezeigt, dass die Chemieindustrie in der Lage ist, bis 2050 profitabel und nachhaltig in Deutschland zu wachsen. Dazu muss sie die Chancen der Digitalisierung und der Kreislaufwirtschaft nutzen. Aber auch die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wenn die heimische Basischemie die Rohstoffversorgung sicherstellt, ist Exportwachstum bei Polymeren, in der Spezialchemie sowie bei Pharmaprodukten möglich.

Das sehen wir nun angesichts der Energiekrise und der Aussicht auf dauerhaft höhere Energiepreise in Europa anders. Deshalb müssen wir die Prognosen anpassen. Was wir 2022 haben: Wesentliche Teile der energieintensiven Basischemie drohen wegzubrechen und gefährden die Zukunft der Spezialchemie und vieler anderer Wirtschaftszweige.

Der Gesundheitsstandort Deutschland braucht jetzt Rückenwind, keine Nackenschläge.

Wolfgang Große Entrup, VCI-Geschäftsführer

Die Pharmakonzerne sind sehr von Profitinteressen getrieben. Sie sollen in der Corona-Krise auch hohe Profite gemacht haben. Wieso sieht Ihr Verband den deutschen Pharmastandort gefährdet, wenn es offensichtlich genug Puffer für das Überleben der Energiekrise gibt?

Die Pharmaindustrie ist stark innovationsgetrieben und wirtschaftlich gesehen eine Hochrisikobranche: Bis zur Zulassung eines Arzneimittels ist das Risiko des Scheiterns groß. So gelangen nur circa zehn Prozent der Medikamente aus der klinischen Forschung später tatsächlich auf den Markt. Der Gesundheitsstandort Deutschland braucht jetzt Rückenwind, keine Nackenschläge. Nur dann können unsere Pharmaunternehmen hierzulande auch künftig Hightech-Forschung und -Produktion betreiben und weiter Spitzenleistungen bringen. Denn vergessen wir nicht: Der erste Corona-Impfstoff auf Basis der mRNA-Technologie stammt von hier. Er hat maßgeblich zur Eindämmung der Pandemie beigetragen, vielen Menschen geholfen und der ganzen Volkswirtschaft überhaupt erst wieder ermöglicht, ins Laufen zu kommen und Geld zu verdienen.

Biontech hat allerdings auch selbst sehr viel Geld verdient. Die Corona-Pandemie hat die Pharmabranche insgesamt geboostert. Kann man sagen, dass sie von der Energiekrise im Vergleich zu anderen Chemiezweigen am wenigsten betroffen ist?

Die Pharmaindustrie zählt mit einem Anteil der Energiekosten an der Bruttowertschöpfung von drei Prozent zwar nicht zu den energieintensiven Chemiesparten. Sie ist dennoch stark von der Energiekrise betroffen: Die Unternehmen müssen eine Vervielfachung ihrer Energiekosten verkraften. Dies drückt unmittelbar auf ihre Margen. Denn für viele pharmazeutische Produkte lassen sich die Mehrkosten kaum weitergeben. Zudem beziehen Pharmaunternehmen energieintensiv hergestellte Vorprodukte wie Hilfs- und Wirkstoffe sowie Kunststoffe aus der Chemie. Bei diesen Vorprodukten ist wegen der Energiekrise die Verfügbarkeit eingeschränkt und die Preise sind entsprechend hoch.

Die Chemieindustrie wird von der ersten Entlastungsstufe – der Übernahme des Gasabschlags durch den Staat – nicht profitieren können. Kann sie aber bis März warten, bis die eigentliche Gaspreisbremse kommt?  

Die Chemieindustrie fällt weitestgehend unter die Industrieregelung. Hier hat die Gaskommission eine Gaspreisbremse ab Januar vorgeschlagen. Diese muss schnell und unbürokratisch umgesetzt werden. Der Zeitplan muss unbedingt eingehalten werden. Gleichzeitig muss es ab Jahresbeginn zusätzlich eine Strompreisbremse geben.

Vielen Dank für das Gespräch.

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